Terror

»Wir haben überlebt. Der Anschlag ist immer präsent«

Max Privorozki (r.), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle, nach dem Terroranschlag Foto: imago images/Steffen Schellhorn

Zwei Jahre nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle wird am Samstag der Opfer vom 9. Oktober 2019 gedacht. Alle Kirchenglocken in der Stadt läuten ab 12.04 Uhr. Auf die Minute genau soll an die Menschen erinnert werden, die bei dem rechtsterroristischen Attentat getötet, verletzt und traumatisiert worden sind.

Unter anderem haben sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding (CDU) zum Erinnern an der Synagoge und dem Kiez-Döner, dem zweiten Ort des Anschlags, angekündigt.

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Was nach dem Attentat bleibt, ist ein Antisemit in lebenslanger Haft, zwei tote Menschen, eine Tür und die damit verbundene Erzählung vom Glück, das der jüdischen Gemeinde in Halle an jenem Tag wohl widerfuhr, Glück, das den beiden zufälligen Opfern an diesem Tag fehlte.

Da ist zum einen der in einem Dönerladen getötete 20-jährige Kevin S. Im Prozess gegen den Attentäter berichtet Kevins Vater voller Stolz, wie sein Sohn trotz gesundheitlicher Probleme gekämpft habe - um Akzeptanz und vor allem um Eigenständigkeit. Durch jahrelange Praktika habe es der Sohn geschafft, eine Malerlehre anfangen zu können. »Er war megastolz«, sagte der Vater des Opfers.

Und da ist die 40 Jahre alte Passantin Jana L., der der Attentäter vor der Synagoge in den Rücken schoss. Als sie ihm über den Weg lief, ahnte sie nicht, in welcher Lebensgefahr sie sich befand. Jana L. sackt wenig später in sich zusammen und stirbt auf dem Fußweg.

Das Ziel des Attentäters Stephan B. waren die Menschen in der voll besetzten Synagoge, die sich dort am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur getroffen hatten. Er wollte möglichst viele Juden ermorden – und scheiterte an der massiven Tür vor dem Gotteshaus, die heute als Mahnmal - eingefasst in ein Kunstwerk - auf dem Gelände der Synagoge steht.

Privorozki berichtet, wie seine Tochter ihn nach dem Attentat und in Sicherheit befindend in die Arme schloss.

Man könne es von der Präsenz im eigenen Leben mit dem Tod der Eltern vergleichen, sagt der damals anwesende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, rückblickend. »Es ist etwas, das bei uns immer präsent ist, aber das heißt nicht, dass man den ganzen Tag daran denkt.« In diesem Jahr zu Jom Kippur habe er um 12 Uhr noch mal an das Attentat erinnert. »Das war so nicht geplant.«

Privorozki berichtet, wie seine Tochter ihn nach dem Attentat und in Sicherheit befindend in die Arme schloss. Da habe er realisiert, mit dem Leben davongekommen zu sein, sagt er. Stunden verbrachte die Gemeinde in der Synagoge.

Selbst nach dem Attentat mussten die Überlebenden mehr als vier Stunden in der Synagoge verharren - auf Anordnung der Polizei, aus Sicherheitsgründen. Nach den polizeilichen Maßnahmen wurde die Gemeinde mehrheitlich mit einem Bus in das St. Elisabeth und St. Barbara Krankenhaus gebracht. Dort wurde nach Angaben vieler Anwesender erstmalig Platz geschaffen für einen Moment des Durchatmens.

»Die nachhaltigste Erinnerung an den Tag kann ich auf einen Moment reduzieren: Das war am Abend, als wir nach dem Fastenbrechen im Kreis der jüdischen Gemeinde mit einem Kasten Bier in der Mitte zusammengesessen und aufs Leben angestoßen haben«, berichtet Hendrik Liedtke, ärztlicher Direktor des Krankenhauses, mit schwerer Stimme. »Da war bei vielen der Punkt, wo sie realisiert haben, was sie da eigentlich hinter sich haben«, sagt Liedtke.

Der Moment soll für Liedtke in einer Tradition weiterleben: Auch zum Jom Kippur 2021 brachte er wie schon im vergangenen Jahr einen Kasten Bier zu der Synagoge. »Jeder hat sofort verstanden, warum es dieser Kasten Bier war - das musste ich niemandem erklären.«

Der Stadt Halle habe der Anschlag eine Narbe zugefügt, sagt der aktuell suspendierte Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos). »Die zeigt sich immer dann, wenn Jüdinnen und Juden angegriffen werden. Ganz gleich, wo.« Man werde sofort an die Ereignisse von damals erinnert, erzählt Wiegand. »Die Stadt hält dann den Atem an.«

»Das Gedenken wird deutlich stiller sein als im letzten Jahr.«

Zum ersten Jahrestag im vergangenen Jahr hatten viele Spitzenpolitiker Halle besucht, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war dabei. Mit staatlichen Zeremonien und emotionalen Gesten war den Opfern des rechtsterroristischen Anschlags gedacht worden. Sachsen-Anhalts Ansprechpartner für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, Wolfgang Schneiß, sieht jetzt die Suche nach den künftigen Wegen.

»Wir müssen schon den Weg in einen - in Anführungszeichen - normaleren Umgang damit finden. Von daher finde ich das Format in diesem Jahr ganz gut«, sagt Schneiß. Der Ministerpräsident werde da sein, es werde aber auch offen vor der Synagoge und vor dem Kiez-Döner erinnert. »Aber es wird auch deutlich stiller sein als im letzten Jahr.«

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