Gedenken

»Wir geben ihnen einen Platz in der Gesellschaft zurück«

Charlotte Knobloch (l.) mit den Enkelkindern von Margarethe und Berthold Sterneck Foto: Tom Hauzenberger

Anstelle der umstrittenen Stolpersteine werden in München vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes Tafeln und Stelen angebracht. Sie geben Auskunft über die von den Nazis Ermordeten.

Bislang gibt es in der bayerischen Landeshauptstadt mehr als 120 solcher Erinnerungszeichen. Mit der Durchführung des Projektes ist die Koordinierungsstelle Erinnerungszeichen im Stadtarchiv München beauftragt. Sie bearbeitet die Anträge und hilft bei Recherchen. Am 10. und 11. Juli folgten nun zwei weitere Erinnerungszeichen, am Sonntag in Pasing für Margarethe und Berthold Sterneck, am Montag in Bogenhausen für Anna und Benno Neuburger.

stars Margarethe und Berthold Sterneck gehörten ab 1923 zu den gefeierten Stars an der Bayerischen Staatsoper. Die Familie mit Sohn Kurt aus erster Ehe des Bassbaritons und der gemeinsamen Tochter Johanna Freia genoss hier ihre glücklichste Zeit. Die Sternecks stammten aus jüdischen Familien, gehörten aber seit Jahren der protestantischen Konfession an.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgten Berufsverbot, Ausgrenzung und Erniedrigung. Berthold Sterneck erkrankte nach der Zwangsarbeit schwer und starb am 25. November 1943. Seine Frau setzte aus Verzweiflung und Angst vor Entdeckung am 22. Februar 1945 ihrem Leben ein Ende. Die Kinder überlebten.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgten Berufsverbot, Ausgrenzung und Erniedrigung.

Bei der Gedenkstunde in der Pasinger Fabrik und nach einführenden Worten durch den Kulturreferenten der Landeshauptstadt München, Anton Biebl, sprach IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch über die Menschen Berthold und Margarethe Sterneck sel. A. Als sie die beiden als junges Mädchen kennenlernte, waren sie bereits erfolgreiche Opernsänger.

ruhm Berthold Sterneck »war mit allen wichtigen Namen im Münchner Kulturbetrieb vernetzt und als Sänger in den großen Häusern Europas genauso daheim wie im Rundfunk. Mit seinen Auftritten begründete er einen enormen Ruhm«. Doch, so Knobloch weiter, »wer vor 1933 noch gefeiert wurde und sich als angesehenen Bürger sehen durfte, war jetzt ein Ausgestoßener«.

Der gebürtige Münchner Benno Neuburger hatte das väterliche Immobiliengeschäft übernommen. 1938 zwangen ihn die Nationalsozialisten, dieses aufzugeben, und verschleppten ihn für mehrere Monate ins KZ Dachau. Am 20. September 1941 verschickte Benno Neuburger die erste von mehreren anonymen Postkarten, in denen er Hitlers Massenmord an der jüdischen Bevölkerung anprangerte. Im März 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und am 18. September des Jahres hingerichtet. Seine Frau Anna Neuburger ermordete die SS einen Tag später im KZ Treblinka.

Bei der Gedenkveranstaltung in der Münchner Stuck-Villa erklärte Münchens Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden: »Was den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt im Nationalsozialismus angetan wurde, können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir haben die Pflicht, uns unserer Verantwortung für die Verbrechen zu stellen, die im Namen Deutschlands begangen wurden. Die Erinnerungszeichen für Anna und Benno Neuburger verkörpern einen kleinen Teil dieser Verantwortung und geben diesen beiden mutigen Menschen symbolisch einen Platz in unserer Stadtgesellschaft zurück.«

Zu der Setzung der Erinnerungszeichen waren Enkelkinder und Verwandte der Ermordeten aus aller Welt angereist. Charlotte Knobloch lud sie zu einer Führung in die Ohel-Jakob-Synagoge ein – und anschließend zu einem gemeinsamen Mittagessen ins Gemeinderestaurant »Einstein«.

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026