Produktion

Von Sachsens saftigen Wiesen

Bis zu zweimal im Monat fliegt Joseph Greenbaum aus Israel nach Sachsen ein. Quartier nimmt der Rabbiner und Maschgiach dann stets für zehn Tage neben einem großen Milchstall in Cunnersdorf bei Hainichen – und das seit nunmehr 14 Jahren. Tag für Tag geben hier die 900 bis 950 Kühe der Agrar eG Hainichen-Pappendorf um die 25.000 Liter Milch. »Weißes Gold«, wie es der Rabbi nennt.

Das Bild, das dahintersteckt, meint er durchaus ehrlich. Denn jene Milch wird später noch kräftig veredelt: »Etwa zu Schokoladenprodukten. Ein Drittel macht überdies Babynahrung aus«, erzählt er in einem guten Deutsch, das er sich über die Jahre selbst beibrachte.

Was aber macht Milch aus sächsischen Eutern plötzlich koscher? Greenbaum schmunzelt: »Vor allem eins: dass ich danebenstehe.« Allein durch seine wache Präsenz werde aus völlig sauberer und hygienisch unbedenklicher Cunnersdorfer Milch wirklich Chalaw Yisrael. So nenne man im Hebräischen alle Milchprodukte, die unter rabbinischer Aufsicht erzeugt wurden, erläutert er.

Koscherzertifikat Um dies auch wirklich bestätigen zu können, steigt er auf seinen sächsischen Dienstreisen jeden Morgen um drei Uhr aus den Federn. Er ist pünktlich zur ersten Runde am Melkkarussell dabei, hat vorher genau geschaut, dass sich nirgendwo im Stall ein Schwein aufhält. Checkt auch gründlich die Fahrzeuge der Molkerei auf Verdächtiges. Schließlich entert er behände jeden gefüllten Milchtank und versiegelt ihn mit einer Banderole voller hebräischer Schriftzeichen.

In der Molkerei Hainichen-Freiberg sitzen dann ebenfalls vier jüdische Gelehrte und walten ihres Amtes. Diese gehört zu einem Allgäuer Unternehmen, das internationale Markenartikler von der Süßwaren- bis zur Pharmaindustrie mit Trockenmilch beliefert. So verwandelt sich denn auch in Freiberg die koschere Milch in koscheres Milchpulver, aus dem später koschere Pralinen und koscherer Säuglingsbrei entstehen. Der Transport der frischen Rohmilch nach Israel wäre zu teuer, so Greenbaum.

Als alles vor 14 Jahren begann, hatte zunächst eine größere Gruppe Rabbiner den Agrarbetrieb besucht. Man sprach mit den Landwirten, sah sich gründlich um und war angetan von den Leistungen in der straff geführten Anlage wie von der täglichen Milchmenge. Später kamen zwar weitere Ställe in Mittel- und Westsachsen sowie im Altenburger Land hinzu, so dass Greenbaum und seine Kollegen nun schon in Fußballmannschaftsstärke anrücken. Doch der Cunnersdorfer ist der größte.

Zweiter Stall Allein was hier jährlich für jüdische Kunden produziert wird, ist enorm. Rechnet man die tägliche Melkmenge auf etwa 120 Tage hoch, also auf jeweils zehn Tage pro Monat, sind das 3.000 Tonnen Milch. Wie in der Molkerei zu erfahren ist, benötigt man sechs bis sieben Kilo Milch (also etwa sieben Liter Milch) für ein Kilo Trockenmilch. Damit trägt allein Greenbaum pro Jahr für annähernd 500 Tonnen Rohstoff für Babynahrung, Schokolade oder auch pharmazeutische Produkte Sorge. In den Jahren kommt da allerhand zusammen. Und er betreut in Sachsen auch noch einen zweiten Kuhstall.

Weshalb aber überhaupt der ganze Aufwand mit Milch aus Sachsen? Hat Israel nicht selbst eine hochleistungsfähige Landwirtschaft? »Sicher«, sagt Greenbaum, »aber eben in der kargen Wüste.« Die Leistung käme vor allem durch Kraftfutter und das sei weiß Gott nicht dasselbe wie gute sächsische Bergwiesenkost. Und die Nachfrage danach steige weiter. Kam er anfangs achtmal im Jahr, wären es heute zwölf und mehr Touren. Derzeit überlege man auch schon, gleich hier in der Molkerei koscheren Joghurt zu produzieren.

Ausgleich Und natürlich zahlen die sächsischen Milchbauern hierbei nicht drauf. Denn bevor es wieder koscher zugehen kann im Stall, sind entsprechende Vorbereitungen nötig, damit unter keinen Umständen koschere Milch mit jenen Partien vermengt, wird die der Rabbi nicht selbst begutachtet hat. Doch diesen Mehraufwand bekomme man schon fair entgolten, versichert Jahn.

Schwierig wird es allerdings immer samstags, wenn die Schabbatgesetze Juden jegliche Arbeit verbieten und damit auch die Herstellung koscherer Milch. Doch auch wenn sie nicht benötigt wird, müssen die Tiere gemolken werden. Da aber der Lebensmittelwächter fehlt, ist Samstagsmilch eben nicht koscher.

So erfordert es stets einiges Geschick für die Melker wie die Molkereimitarbeiter, ihr Betriebsregime, die Kosten wie auch die religiösen Vorgaben so sauber im Blick zu behalten, dass sie nicht draufzahlen und es doch Montag früh wieder »koscher« zugehen kann. »Aber nach 14 Jahren kriegt man das schon hin«, weiß Anlagenleiter Friedrich Jahn und schmunzelt.

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