Rosch Haschana

Unruhige Zeiten

Ukrainische Mutter mit Kind im Willkommenszentrum für Geflüchtete der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main Foto: Rafael Herlich

Was fällt auf, wenn man in diesen Tagen abends die »Tagesschau« einschaltet? Die Nachricht, welche ukrainische Stadt an dem Tag von Russland bombardiert wurde, kommt erst an dritter oder vierter Stelle. Und vor allem: Fällt uns das eigentlich noch auf? Sind wir in unserem Alltag nicht viel mehr beschäftigt mit den hohen Preisen der Lebensmittel oder der Sorge, wie die nächste Heizkostenrechnung ausfallen wird?

Themen, die auch in der »Tagesschau« ganz vorne platziert sind.
Diese Fragen kommen mir mitunter, wenn ich mit einer unserer Gemeinden zu tun habe. Denn in unseren jüdischen Gemeinden ist der Krieg präsenter als im Durchschnitt der bundesdeutschen Gesellschaft.
Nun hält es kein Mensch aus, permanent im Krisenmodus zu leben.

verantwortung Wir alle erhalten inzwischen Katastrophenmeldungen aus der ganzen Welt fast in Echtzeit. Hätten wir es nicht gelernt, das auszublenden, würden wir verrückt. Der Krieg in der Ukraine findet jedoch direkt vor unserer Haustür statt. Er ist eine Bedrohung für ganz Europa. Daher sollten wir unseren Blick nicht abwenden. Wir sollten ihn auch nicht abwenden aus humanitärer Verantwortung.

Der Krieg hat auch unser Gemeindeleben stark beeinflusst.

Wenn ich zurückblicke auf das jetzt zu Ende gehende Jahr 5782, dann hat dieser Krieg das zweite Halbjahr geprägt und das gesamte Jahr überschattet. Der Krieg hat auch unser Gemeindeleben stark beeinflusst. Nicht wenige von uns gehen erschöpft in die Feiertage. Gerade war die heftigste Zeit der Corona-Pandemie geschafft, gerade gab es Hoffnung auf eine Normalisierung des (Gemeinde-)Lebens – da begann Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Seitdem sind unsere Gemeinden nicht mehr zur Ruhe gekommen. Viele Mitglieder mussten sich zunächst um Angehörige kümmern, bangten um Freunde, sahen in den Medien und sozialen Netzwerken, wie ihre einstige Heimat in Schutt und Asche gelegt wurde.

stolz Es dauerte nicht lange, bis die ersten jüdischen Vertriebenen aus der Ukraine eintrafen. Beim Zentralrat der Juden richteten wir eine Hotline ein, wo Betroffenen in ihrer Landessprache geholfen wurde. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) wurde ebenfalls sofort aktiv.
Unsere Gemeinden waren gefordert wie lange nicht. Und das möchte ich wirklich herausstreichen: Sie leisten Großartiges! Sie können wirklich stolz auf sich sein.

Rund 5000 bis 6000 Geflüchtete sind bisher in unseren Gemeinden versorgt worden, darunter waren auch viele nichtjüdische Vertriebene. In unseren Gemeinden fanden sie Rat und Hilfe, wurden bekocht, in Hotels untergebracht, es gab Kinderbetreuung, Plätze in Elternheimen, Dolmetscherdienste und psychosoziale Betreuung. Vieles davon findet weiterhin statt. Es sind sehr viele ehrenamtlich Tätige, die diese Aufgaben übernommen haben. Sie sind häufig an den Rand des Leistbaren gegangen.

Zugleich stellten unsere Gemeinden fest, dass sie bereits krisenerprobt sind. Schon die Corona-Pandemie hatte es notwendig gemacht, zu improvisieren und neue Wege zu gehen. Die Pandemie hatte zusammengeschweißt, obwohl monatelang keine Zusammenkünfte stattfinden konnten.

zusammenhalt Dieser Zusammenhalt hat sich jetzt ausgezahlt. Zudem sind unsere Gemeinden Integrations-Profis. Viele ihrer Mitglieder wissen noch aus eigenem Erleben, wie es war, als sie neu nach Deutschland kamen. Welche Hürde die Sprache darstellt. Aber auch, welche innere Hürde überwunden werden muss, um staatliche Hilfe zu beantragen oder gar auf Kleiderspenden angewiesen zu sein.

Es ist unsere Aufgabe – als Gesellschaft insgesamt –, Geflüchtete auf Augenhöhe zu behandeln, sodass sie sich nicht als Bittsteller, sondern angenommen fühlen! Die Unterstützung der jüdischen Vertriebenen aus der Ukraine würde allerdings weniger gut gelingen, wenn unsere oft kleinen Gemeinden selbst keine Unterstützung hätten.

Die jüdische Gemeinschaft hat ihren Beitrag zum sozialen Frieden geleistet. Jetzt ist der Staat an der Reihe.

Dabei ist an erster Stelle die ZWST zu nennen. Darüber hinaus arbeiten die Gemeinden mit Hilfsorganisationen, Kirchengemeinden und den Kommunen zusammen. Für ganz viele Gemeindemitglieder ist dies eine rundum positive Erfahrung, die die Basis auch für künftige Kooperationen bieten kann.

zivilgesellschaft Zugleich wird auch deutlich: Die Zivilgesellschaft allein kann die Versorgung der Geflüchteten nicht leisten. Hier ist der Staat gefragt. Kita- und Schulplätze, Wohnungen und Arbeit für die Betroffenen – hier wartet eine immense Aufgabe.

Es ist sehr nachvollziehbar, dass die Fragen der militärischen Auf- und Ausrüstung sowie die Energieversorgung gerade oberste politische Priorität haben. Die Versorgung von Geflüchteten – egal, aus welchem Land – ist aber ebenso wichtig. Je härter die Verteilungskämpfe, desto größer der soziale Sprengstoff. Ein zweites Mal Pegida-Demos, brennende Flüchtlingsunterkünfte, »Querdenker«, die damit ein neues Thema finden, und damit verbunden ein noch stärker wachsender Antisemitismus – das möchten wir nicht erleben. Die jüdische Gemeinschaft hat ihren Beitrag zum sozialen Frieden geleistet. Jetzt ist der Staat an der Reihe.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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