Filmfestival

»Unglaublich intensive Erfahrung«

Doron Kiesel, Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden Foto: Chris Hartung

Was macht einen Film jüdisch?», fragte Lea Wohl von Haselberg von der Film­universität Babelsberg die Teilnehmer der Summerschool der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden mit dem Titel «117 Jahre Jüdische Filmgeschichte in Deutschland». Sie fand im Rahmen des 28. Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg (JFBB) statt.

Die Antworten der Studierenden waren fast so unterschiedlich wie zahlreich: Sind es jüdische Figuren, die dargestellt werden? Ein klar erkennbares jüdisches Thema? Eine jüdische Regisseurin oder ein jüdischer Regisseur? «Alle heiklen Punkte wurden genannt», sagt Wohl von Haselberg und ergänzt: «Wenn ich mich in dem Film mit meiner Erfahrung, meiner Biografie und Geschichte wiederfinde?» Um sogleich zu kontern: «Aber wenn wir gleichzeitig daran denken, wie heterogen das Judentum ist?»

teilnehmer Es sei schon eine «kongeniale Situation», hatte sich der Direktor der Bildungsabteilung, Doron Kiesel, zuvor an die rund 30 Teilnehmer gewandt, «das Filmfestival und das Interesse der Studierenden, sich mit jüdischen Filmen auseinanderzusetzen».

Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann begrüßte die Studierenden, die aus Israel, New York, Belarus oder Deutschland stammen und in den unterschiedlichsten Fachbereichen beheimatet sind. «Wenn man an jüdische Filme denkt, fällt einem natürlich ›Die Nanny‹ ein, dabei ist das Feld immens.» Schmunzelnd ergänzte er: «Bei diesem schönen Wetter tun sich Studierende ein derart anspruchsvolles Programm an?»

Die Sache ist verzwickt und des Rätsels Lösung überraschend: «Der Begriff des jüdischen Films kommt aus dem Kontext der jüdischen Filmfestivals und ist kein wissenschaftlicher Begriff.» Wissenschaftlich aber referierten der Berliner Filmhistoriker Philipp Stiasny über «Jüdisches Filmschaffen in der Weimarer Republik» und Christiane von Wahlert, Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, über «filmische Darstellungen, Biografien und Film als materielles Erbe».

gespräch Es fand ein Kuratorengespräch mit Arkadij Khaet, Regisseur und Mitglied des Programmkollektivs des JFBB, und Bernd Buder (ebenso JFBB) statt, eine Veranstaltung mit Irene Stratenwerth, Kuratorin der Ausstellung Pioniere in Celluloid, ein Vortrag des Filmwissenschaftlers Johannes Praetorius-Rhein über Filmschaffende in der BRD am Beispiel des Produzenten Artur Brauner sowie Gespräche mit den Regisseurinnen Jeanine Meerapfel und Sharon Ryba-Kahn.

Tirza Seene von der Filmuniversität Babelsberg hielt einen Vortrag über Antisemitismus auf der Leinwand, und Doron Kiesel präsentierte eine filmische Erinnerung an die Schoa. Täglich sichteten die Studierenden zudem drei bis vier Filme in verschiedenen Spielstätten. «Eine unglaublich intensive Erfahrung» nannte das Christiane von Wahlert.

Schon bei der inhaltlichen Einführung zeigte Lea Wohl von Haselberg die reiche Bandbreite der jüdischen Filmgeschichte auf – von jüdischen, oft noch stereotypen Figuren in Stummfilmen bis zu Hollywoods Filmpionieren wie Carl Laemmle, der aus Laupheim bei Biberach stammte, 1912 die Universal Studios in Los Angeles gründete und sich während der Nazizeit beinahe ruinierte, weil er mit Bürgschaften Juden in Deutschland zur Emigration in die USA verhalf.

«Wir müssen diese Geschichten machen. Es gibt keinen anderen Weg als zu erzählen.»

Jeanine Meerapfel

Vom Weimarer Kino führte sie über das «kurze Zeitfenster» des jiddischen Films mit Produktionsstätten in Warschau und New York zum Thema Zionismus und Film, «zeitlich gesehen eine gemeinsame Geburtsstunde» – schon Theodor Herzl habe die Propaganda-Möglichkeiten des Mediums für einen jüdischen Staat verstanden und einen Kinematografen anschaffen lassen.

Über das israelische Kino und eine «neue jüdische Sichtbarkeit» der zweiten und dritten Generation in den USA der 60er- und 70er-Jahre, wo Stars wie Barbra Streisand, Dustin Hoffman und der Filmemacher Woody Allen neue Akzente setzten, reichte die Bestandsaufnahme bis zum «Judentum in Serie, Fernsehen und Streaming» – unter anderem anhand des Beispiels der beliebten israelischen Serie Shtisel. «So schließt sich der Kreis zu den Anfängen», sagte Lea Wohl von Haselberg.

Highlight «Ein Programm verlangt immer nach einem Highlight. So sieht es aus», sagte Doron Kiesel am Freitag freudig und drehte sich zu seinem Gast Jeanine Meerapfel: «Sie ist eine wunderbare Filmemacherin, wir kennen sie, wir schätzen sie, wir lieben sie, es entstand eine lange filmische Freundschaft.» Die Präsidentin der Berliner Akademie der Künste wuchs als Tochter deutsch-jüdischer Einwanderer in Argentinien auf und gelangte 1964 als Stipendiatin an das Institut für Filmgestaltung der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo sie unter anderem bei Alexander Kluge studierte.

Mit den Studierenden sprach sie über einige ihrer Filme und deren Entstehung. «Oft hatte ich das Gefühl, dass ich für einen Film das Geld nicht bekomme, weil ich eine Frau bin, weil ich Jüdin bin.» Erst als sie beim Sender SWR ein Drehbuch anonymisiert einreichen konnte, habe sie ihre Chance gesehen.

Es entstand der deutsch-argentinische Film Amigomio, der zum Teil in den Anden spielt. «Das waren schwierige Wege bis auf 4000 Meter hinauf, mit Lkws, einige wurden höhenkrank, ich hatte immer Coca im Mund und kaute.» Die Studierenden klebten an Meerapfels Lippen, folgten bildhaften Erzählungen «dieser magischen Welt, in der man sich glaubt, weil man sowieso schon halb weg ist». Sie stellten Fragen, und Jeanine Meerapfel antwortete. «Was erzählt man? Man erzählt, was man kennt. Was kennt man am besten? Die eigene Geschichte.»

antwort Als Tochter von Menschen, die emigrieren mussten, habe sie sich immer gefragt: «Warum bin ich hier? Warum haben die Eltern so einen Akzent? Es ist aber ein Reichtum an Materialien, nicht ein Leiden», so die Regisseurin. «Was ist das Jüdische an dem, was du uns schenkst?», wollte Doron Kiesel wissen. «Ich denke, die Antwort müsst ihr geben», sagte sie – «das ist jüdisch», lächelte Kiesel.

Am Ende kamen noch einige kritische Punkte auf. Von Alexander Kluge habe sie gelernt, «dialektisch zu denken und zu erzählen», aber selbst der «Neue Deutsche Film» habe das Thema Judentum nicht angepackt, und «was ich sehe, ist, dass in den Schulen nicht über Judentum geredet wird». Jeanine Meerapfel resümierte: «Wir müssen diese Geschichten machen. Es gibt keinen anderen Weg als zu erzählen.»

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