Wittenberg

Treffen unter Freunden

Kontaktpflege ist heute dank Internet und sozialer Medien so einfach wie nie. Gerade junge Leute halten über Facebook, WhatsApp & Co. Verbindung zu Freunden. Doch für persönliche Begegnungen gibt es keinen Ersatz. Das gilt ganz besonders für den deutsch-israelischen Jugendaustausch. »Ich glaube an die unmittelbare Begegnung, die einzigartig ist«, sagt Ariella Gill, die Leiterin der Israel Youth Exchange Authority (IYEA), des israelischen Partnerbüros der deutschen Koordinationsstelle ConAct für den Jugendausaustausch mit Israel.

Der Name ConAct ist Programm: Das vor 15 Jahren gegründete Servicezentrum »verkuppelt« jedes Jahr rund ein Dutzend deutsche und israelische Organisationen; es bietet Länderinformationen, pädagogische Konzepte, Weiterbildung für Fachkräfte und finanzielle Förderung. Kurz: Es stattet die Initiativen mit allem aus, was sie brauchen, um ein gutes Austauschprogramm auf die Beine zu stellen. Dabei geht es um nichtschulische Träger wie zum Beispiel Kirchen und Kommunen oder die Sportjugend, die im Israel-Austausch besonders aktiv ist.

Johannes Rau Als der damalige Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2000 Israel besuchte, regte er die aktive Unterstützung und nachhaltige Ausweitung der deutsch-israelischen Jugendkontakte an. Im Jahr darauf nahm das bundesweite Service- und Informationszentrum ConAct in der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt seine Arbeit auf. Die Servicestelle ist eine Einrichtung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und wird von den Ländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern unterstützt. Sie arbeitet in Trägerschaft der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Den Informationsknotenpunkt in Mitteldeutschland anzusiedeln, war eine politische Entscheidung. Denn im Unterschied zu den alten Bundesländern, die teilweise seit vielen Jahrzehnten einen regen Austausch mit Israel pflegen, gab es solche Strukturen in der DDR nicht. Inzwischen haben die östlichen Bundesländer aufgeholt. Seit dem Bestehen von ConAct stieg die Zahl der Projekte im Osten um 97 Prozent. Doch damit ist ConAct-Leiterin Christine Mähler noch nicht zufrieden. »Wir werben in der Region gezielt um neue Partnerschaften.«

Seit ConAct 2001 die Arbeit aufnahm, steht Christine Mähler an der Spitze der Koordinationsstelle. Die gebürtige Rheinländerin wuchs selbst mit dem Engagement ihrer Eltern für den Israel-Austausch auf und setzte sich ehrenamtlich wie beruflich für den Kontakt zwischen Deutschland und Israel ein.

Auch wenn die Mitarbeiter von Anfang an mit Herzblut bei der Sache waren und die Politik Rückendeckung gab: ConAct startete holprig, fiel doch die Gründung zeitlich mit der sogenannten zweiten Intifada zusammen. Aus Furcht vor Anschlägen setzten die deutschen Partner ihre Besuche in Israel aus. Erst 2004 gelangte man wieder zur wirklichen Gegenseitigkeit.

Sicherheit Seither ist das Verhältnis von Besuch und Gegenbesuch ausgewogen. Dennoch befinde man sich stets »in einem sehr fragilen Kontext«, sagt Christine Mähler. Immer wieder können durch politische Turbulenzen und Terror die Rahmenbedingungen schlechter werden, wie etwa im Sommer 2014 während des Gaza-Konflikts. Relativ neu ist, dass nicht nur die Sicherheitslage in Israel ein Thema für Austauschpartner ist, sondern auch die in Europa. Seit islamistischer Terror verstärkt Deutschland und andere europäische Länder trifft, überlegen sich israelische Eltern, ob es für ihre Kinder in Europa sicher ist. Auch offen antisemitische und fremdenfeindliche Bekundungen bereiten ConAct Sorgen.

Dennoch: Das Interesse am Jugendaustausch ist auf beiden Seiten ungebrochen. ConAct fördert jedes Jahr rund 300 Projekte mit gut 7000 Teilnehmern im Alter von 14 bis 27 Jahren. Für 2017 liegen sogar 360 Projektanträge vor. Auch trilaterale Begegnungen fördert ConAct, an denen neben Deutschen und Israelis zum Beispiel Jugendliche und Fachkräfte aus den Palästinensischen Autonomiegebieten, Russland, Tschechien oder Polen teilnehmen.

Die Bundesregierung unterstützt den Jugendaustausch mit 2,2 Millionen Euro pro Jahr. Weil jedoch die Kosten steigen und immer mehr Projektanträge eingehen, kann ConAct pro Tag und Teilnehmer derzeit nur noch etwa 50 bis 60 Prozent der eigentlich vorgesehenen Mittel bereitstellen. Es fehlen etwa 1,5 Millionen, schätzt Christine Mähler. Trotzdem sind die Deutschen im Vergleich zu ihren israelischen Partnern in einer komfortablen Situation, denn der israelische Staat kann den Jugendaustausch nicht bezuschussen. »Zum Glück mindert dieser Umstand das Engagement überhaupt nicht«, sagt ConAct-Chefin Mähler.

Das große Interesse auf beiden Seiten bestätigt: Kontakte zwischen Deutschland und Israel sind immer noch etwas Besonderes, auch mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust. »Die gemeinsame Geschichte, das Bedürfnis, die Beziehung zu klären, macht den Austausch spezifisch und tiefgründig«, findet die Psychologin.

Offenheit Der Blick im Jugendaustausch geht gleichzeitig zurück und nach vorn. »Wir können die Geschichte nicht ändern. Was passiert ist, ist passiert«, sagt Ariella Gill von der israelischen Behörde für Jugendaustausch. »Aber wir können unser Zusammenleben in der Welt verbessern. Wenn wir nicht unsere Herzen und unsere Türen füreinander öffnen, in was für einer Welt werden wir dann leben?«

Die Erfahrung aus den Austauschprojekten zeigt, dass Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland und Israel meist schnell einen guten Draht zueinander finden. Gemeinsame Themen wie Reisen und Musik helfen dabei ebenso wie gemeinschaftliche Unternehmungen wie Rafting, Wandern oder das Einstudieren eines Theaterstücks. Doch irgendwann kommt bei jedem Projekt die Vergangenheit ins Spiel, und über das scheinbar unbeschwerte Verhältnis fällt ein Schatten – aus unbefangenem Kontakt wird Sprachlosigkeit.

Ersparen kann und will der Jugendaustausch den Heranwachsenden diese Erfahrung nicht. Im Gegenteil, die Auseinandersetzung mit der Geschichte, gemeinsames Erinnern an die Schoa, soll Bestandteil jedes Austauschprogramms sein. Dabei liegt die Betonung auf Gemeinsamkeit: Die jungen Menschen sollen sich fragen, welche Lehren sie aus der Vergangenheit ziehen. Sie sollen einen gemeinsamen Weg des Gedenkens finden, sich zusammen überlegen, welche Gesten und Worte sie angemessen finden. Eine Hilfestellung gibt ConAct mit dem Handbuch Gemeinsam erinnern – Brücken bauen, das aus den Erfahrungen in den Begegnungsprojekten entstanden ist.

Konzept
Die Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte ist eine Konstante der deutsch-israelischen Jugendarbeit und wird es auch bleiben, davon ist Christine Mähler überzeugt. »Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit.« Und auch, wenn viele Jugendliche heute schon weit gereist und weltgewandt sind, ändert das doch nichts daran, dass persönliche Begegnungen immer noch beeindrucken, dass nichts über unmittelbare Erfahrungen im Partnerland geht, jenseits aller Klischees und vorgefertigten Meinungen.

Doch manches ändert sich auch. Und darauf reagiert der deutsch-israelische Jugendaustausch. Zum Beispiel werden die Gruppen immer bunter. An den Austauschprogrammen nehmen heute auf deutscher Seite immer häufiger Jugendliche aus zugewanderten Familien teil, etwa aus Russland oder der Türkei. Bei den Israelis sind es arabische Jugendliche oder äthiopische Juden. ConAct beschäftigt sich deshalb seit zwei Jahren intensiv mit Vielfalt oder »Diversity«. Dabei gehe es nicht nur um »Multikulti«, sagt Mähler, sondern ganz allgemein um Individualität und Vielfalt und wie sie in den Austauschprojekten berücksichtigt werden.

Mit dem Thema setzt sich die Koordinationsstelle in einem Blog auseinander (https://living-diversity.org) und veranstaltet am 22. Juni in Berlin eine offene Fachtagung dazu. »Das ist ein sehr zukunftsorientiertes Thema«, betont Mähler. Aber eben auch eines mit Geschichte, denn je vielfältiger die Hintergründe, desto facettenreicher die individuellen Familiengeschichten und Erfahrungen. Der Austausch kann dadurch nur spannender werden.

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