Sozialarbeit

Theorie und Praxis

Mehraufwand: Nicht die Betreuung, sondern die Bürokratie macht vielen Helfern zu schaffen. Foto: Fotolia

»In der Tora liegt der Ursprung des sozialen Gedankens«, sagt Bella Liebermann. Im jüdischen Gemeindeleben sei die gegenseitige Unterstützung, die Hilfe für Arme, Witwen und Bräute immer ausgeprägt gewesen. Auch wenn die Sozialarbeiterin aus Köln nicht bei einer Gemeinde angestellt ist und in der täglichen Arbeit nur wenig mit Juden zu tun hat, die Unterscheidung ist ihr wichtig.

Die jüdische Wohlfahrt, Zedaka, dürfe nicht mit der christlichen Barmherzigkeit verwechselt werden. Diese sei eine individuelle Sache und werde im Jenseits belohnt. »Zedaka bedeutet überwiegend Gerechtigkeit: Jeder hat in dieser Welt ein Anrecht auf Teilnahme und Teilhabe.«

Dieses Recht zu realisieren, gehört zu den Aufgaben von Bella Liebermann. Seit anderthalb Jahren arbeitet sie beim Kölner Sozialdienst Severin, der ambulant betreutes Wohnen für geistig Behinderte, psychisch und Suchtkranke anbietet. Liebermann ist eine der ersten Absolventen des Studiengangs Jüdische Sozialarbeit an der Fachhochschule Erfurt, einem Pilotprojekt der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) für Akademiker aus der ehemaligen Sowjetunion.

Das Studium sei sehr umfassend gewesen: »Zur Sozialarbeit gehören Kenntnisse aus der Psychologie, Psychotherapie, Geschichte, Philosophie – überhaupt Kenntnisse, wie der Mensch eigentlich existiert.« Aber in der Praxis müsse man noch etwas mehr lernen: deutsche Gesetze und wie Behörden funktionieren.

Perspektive Die studierte Musikerin und Musiklehrerin hat die neue berufliche Perspektive erst ein Jahrzehnt nach der Einwanderung entdeckt. Mit der richtigen Unterstützung durch Sozialarbeiter von Beginn an wäre das früher passiert, glaubt sie. »Wir sind nach Deutschland gekommen, ohne zu wissen, wie der Alltag im Westen aussieht. Man hätte viel früher eine Ausbildung anfangen sollen. Sich nicht vom Staat alimentieren lassen, sondern aktiv teilnehmen – ich finde das sehr wichtig.« Sozialarbeit soll ihrer Ansicht nach unter anderem helfen, diese Fehler zu vermeiden.

Ihre Diplomarbeit hat sie über die Traumata der Holocaust-Überlebenden geschrieben. Das Thema liege jedem Menschen mit jüdischer Abstammung nah, sagt sie. Einem, der auf Identitätssuche in einem fremden Land sei, ganz besonders. Es sei der Versuch, »unsere Vergangenheit zu verstehen und mit der Geschichte des neuen Landes zu verbinden. Für die zweite und dritte Generation spielt das noch immer eine große Rolle.«

In der Untersuchung, die inzwischen als Buch erschienen ist, verarbeitet Liebermann unter anderem die Erinnerungen ihres Vaters, die er 1942 bei Stalingrad in einer Erdhütte geschrieben hatte. »Die habe ich in einem alten Notizbuch zufällig entdeckt.«

Das Wort »Holocaust« war in der Sowjetunion verpönt. Die individuellen Ge- schichten der osteuropäischen Juden hatten in das kollektive Kriegsleiden des Volkes aufzugehen. »Nicht darüber sprechen – das schmerzt«, erinnert sich Liebermann. Mit der Verschlechterung des Gesundheitszustands oder der sozialen Situation im Alter kämen die unterdrückten traumatischen Erlebnisse wieder hoch.

Vorbereitung Auch wenn sie die Erkenntnisse aus ihrem Studium nicht eins zu eins im Berufsleben umsetzen kann, hat sie die Beschäftigung mit den Schoa-Überlebenden auf ihre heutige Tätigkeit vorbereitet. »Ich habe nun mehr Verständnis für die Benachteiligten und Traumatisierten, für ihre Vorgeschichte, die Entwicklung des Traumas.«

Und nicht zuletzt lernte sie viel über das Interview als Werkzeug des Sozialarbeiters. »Wenn wir den Behandlungsplan aufstellen, erfolgt zunächst die Anamnese. Dazu gehört die Frage: Wie ist diese Krankheit oder dieses Problem entstanden?« Und wer glaubt, dass in dem Job vor allem Formulare ausgefüllt und enge Zeit- und Finanzpläne befolgt werden, der sei im Irrtum: »Zuhören, aufklären und helfen ist der größere Teil davon.«

Für Marina Nikiforova aus Speyer dürfte die Büroarbeit jedoch eine ganz wesentliche Rolle spielen. Sehr bald nach dem Bachelor-Abschluss in Erfurt wurde die 50-Jährige befördert: Sie leitet nun die Sozialabteilung bei der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz mit vier Mitarbeitern. Früher war die Diplom-Ingenieurin und gelernte Einzelhandelskauffrau dort Sekretärin und machte nebenbei auch Sozialberatung. Ihr damaliger Chef überzeugte sie davon, sich für den neuen Studiengang zu bewerben.

»Dafür bin ich ihm unendlich dankbar«, sagt Nikiforova. Auch wenn die Doppel- und Dreifachbelastung zeitweise kaum zu schultern war. Doch die Mühe hat sich gelohnt: »Ich habe ganz andere Aufgaben in der Gemeinde jetzt, und für mich selbst bin ich irgendwie gewachsen.« Gelohnt habe es sich aber auch inhaltlich. Das Wissen, was sie früher in der Sozialberatung brauchte, hatte sie sich allein und in den Weiterbildungsseminaren der ZWST angeeignet. Im Studium wurde es vertieft und systematisiert. Vor allem die rechtlichen Fragen, die in Bezug auf Hartz IV auftauchen: Mit denen habe sie täglich zu tun.

unterstützung Theoretisch abgehoben sei es an der Hochschule jedenfalls nicht gewesen: »Wir hatten ja jeden Tag die Praxis in der Gemeinde gehabt. Die dort aufgekommenen Fragen konnten wir auch direkt einbringen. Ich habe mich ziemlich oft mit rechtlichen Problemen an den Professor gewandt.« Mit der Unterstützung der Dozentin in Familientherapie konnte Nikiforova einer ratsuchenden Familie helfen.

Hartz IV, Schuldnerberatung, Neuzuwanderer-Empfang, Seniorenbegegnungsstätte und Heimunterbringung für Pflegebedürftige, das sind nur einige der Themen, um die sich Nikiforova und ihr Team kümmern.

Hätte es nicht auch ein »normales« Sozialarbeit-Studium getan? Nein, glaubt die Sozialpädagogin. Sie habe viel über jüdische Geschichte, Ethik und Bräuche gelernt. »Unsere Klientel besteht überwiegend aus Gemeindemitgliedern, deshalb ist das wichtig. Wahrscheinlich muss man wirklich ein jüdisches Herz haben, um mit diesen Leuten gut umzugehen.«

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