Porträt der Woche

Ständig auf Reisen

»Ich wohne zwar in Berlin, doch mein Zuhause ist Israel«: Marina Chernivsky Foto: Pierre Kamin

Mein Tag beginnt in meiner Berliner Wohnung mit einem israelischen Kaffee. Den bringe ich mir von meinen Reisen mit, und das ist ziemlich oft.

Wenn ich nicht für Projekte unterwegs bin, gehe ich jeden Tag in unser Büro oder arbeite von zu Hause aus. Ich bereite Seminare vor und schreibe an neuen Konzepten. Das geschieht auch oft abends bis tief in die Nacht hinein. Ich liebe die nächtliche Ruhe zum Schreiben. Im vergangenen Jahr hatten wir etwa 100 Seminare, fünf bis acht Kollegen sind wir im Team. Mein Job ist es auch, Publikationen zu erstellen.

Wenn ich Freizeit habe, tanze ich gerne, vor allem Tango. Das habe ich in Deutschland gelernt. Ansonsten lese ich und mag Filme. Es gibt keinen Fernseher in der Wohnung, weil mein Freund und ich lieber miteinander reden wollen. Wir gehen aber auch gern ins Kino. Am liebsten sehe ich israelische und biografische Filme.

Berlin ist meine Stadt – so voller Gegensätze. Wenn ich frei habe und mich erholen will, setze ich mich in ein Café oder gehe spazieren. Samstags schlendere ich gern über die Flohmärkte.

Reisen Ich reise viel, bin ständig unterwegs. Es ist ein unruhiges Leben. Ich wünschte mir etwas mehr Zeit für Freunde. Früher habe ich öfter Leute zum Schabbat eingeladen. Durch meine Arbeit ist das leider weniger geworden. Heute werde ich oft eingeladen. Der Freitag ist für mich der entspannteste Tag der Woche. Am Nachmittag kehrt eine unglaubliche Ruhe ein, egal wo ich bin. Das ist ein vertrautes Gefühl. Vermutlich habe ich das aus Israel mitgebracht.

Geboren wurde ich in Lemberg, dem heutigen Lviv. Seit meinem 14. Lebensjahr wohnten wir in Israel. Meine Eltern wollten damals unbedingt auswandern. Das war 1990. Wir gingen alle aus Lemberg weg. Nur die Gräber der Urgroßeltern blieben. Ich war 14 und wollte so gern in einem Kibbuz leben. Doch ich war zu jung dafür, also bin ich weiter zur Schule gegangen, kam in ein Internat, habe Abitur gemacht, die Sprache gelernt und mich ziemlich schnell integriert.

Ich bin ein glücklicher Mensch, das kann ich so sagen. Ich wünsche mir, dass ich weiterhin so kreativ arbeiten kann und meine Ideen umsetzen darf. Seit 2002 arbeite ich für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Wir konzipieren soziale und politische Bildungsprojekte. Anfangs haben wir dies für Jugendliche getan, nun arbeiten wir verstärkt mit Erwachsenen.

Das aktuelle Projekt mit dem Titel »Perspektivwechsel – Bildungsinitiativen gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit« gibt es seit 2007 in der Trägerschaft der ZWST in Thüringen. Wir werden von Bund und Land unterstützt. Unsere Seminarteilnehmer sind Lehrer, Sozialarbeiter, Jugendreferenten und Multiplikatoren. Parallel dazu arbeite ich im Bereich der jüdischen Bildung und Erziehung. Dabei geht es um jüdische Identität, die Suche nach den Wurzeln.

Ich mag die Vielfalt meines Lebens, die zahlreichen Orte und die unterschiedlichen Herausforderungen. Mit psychotherapeutischer Arbeit beschäftige ich mich ebenso gern wie mit jüdischer Bildung. Mein Lebenstempo ist manchmal gewaltig. Was ist Glück für mich? Frieden mit sich selbst und das Gefühl, ausgeglichen zu sein, Raum für Kreativität zu haben, Ideen zu entwickeln. Ich erwarte von mir und anderen die Bereitschaft zur Reflexion. Perspektiven und Perspektivwechsel – das ist ein Teil des Lebens, in Bezug auf alles.

Ich überlege mir oft in Situationen den zweiten Blick. Es ist wichtig, dass ich anderen zuhören kann. Die dialogische Vorgehensweise muss man immer wieder üben und Geduld mit sich selbst haben.

Was mich an Menschen ärgert? Wenn sie keine Verantwortung übernehmen. Was mich freut, sind Empathie und Engagement. Menschen faszinieren mich grundsätzlich. Doch es bedrückt mich, Leuten zu begegnen, die mit ihrer Geschichte nicht klarkommen, die danach suchen. Sie wollen verstehen, wo sie herkommen und was für sie wichtig ist.

Was ich in Deutschland vermisse? Oh, das ist einiges: den Strand von Tel Aviv, Jerusalem, wo ich studiert und gelebt habe, das israelische Tempo und Lebensgefühl, die Energie, Vielfalt. Und die israelische Musik. Aber die bringe ich mir dann von den Reisen mit.

Meinen Geburtstag feiere ich meistens nicht sehr groß. Doch das liegt daran, dass ich zu der Zeit bislang immer mit einer Seminargruppe in Israel war. Die Arbeit prägt mein Leben. Ich bin so dankbar dafür, dass ich Bildungsarbeit machen darf. Erst, wenn mein Laptop zu ist, und das kann spät sein, habe ich Feierabend.

Grosseltern Ich wuchs in einer wunderbaren Stadt auf. Zu meiner Zeit hieß sie Lvov. Heute heißt sie Lviv, das ist ukrainisch. Meine Großeltern, besonders meine Oma, hatten eine sehr enge Beziehung zu dieser Stadt. Ich glaube nicht, dass es ihr Anliegen war, mir Religion zu vermitteln, sie hat einfach versucht, ihre Sicht auf die Welt und die Menschen zu zeigen. Großmutter hatte sehr viel Tiefgang, Empathie und Verständnis. Die jüdische Tradition spielte bei ihr eine große Rolle. Wir haben gemeinsam Feste gefeiert. Meine Großeltern haben Jiddisch miteinander gesprochen, damit wir nichts verstehen.

Die jiddische Literatur war mein einziger Zugang zur jüdischen Welt. Es gab viele Werke, die nie gedruckt wurden, aber als Manuskripte, als Kopien heimlich weitergereicht wurden. Bücher über die Schoa wurden geschrieben, aber sie durften in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden. Es gab Menschen, die über Holocaust-Überlebende in der Nähe von Kiew geschrieben haben. Eine Frau hat darüber ein wunderschönes Buch verfasst, das jedoch nie gedruckt wurde. Diese Manuskripte hat meine Familie zum Teil noch, sie sind in Israel. Mein Großvater arbeitet mit seinen fast 90 Jahren in einer kleinen alten Druckerei in Mea Shearim. Er sagt: »Ich rette die alten Bücher.«

Israel Ich wohne zwar in Berlin, doch mein Zuhause ist Israel. Auf das heutige Lemberg habe ich einen kritischen Blick. Ich habe dort nichts mehr, weil wir da als Juden fremd sind, so empfinde ich das, wenn ich reise. Und dann will ich mich auch nicht aufdrängen mit meiner Liebe.

In Israel lebt heute meine Familie, da sind nun auch meine Wurzeln. Ich fühle mich fast privilegiert, weil ich mich aus der sowjetischen Realität heraus in der neuen Fremde entwickeln konnte. Ich glaube, das Leben an verschiedenen Orten der Welt ist nur dann für einen Menschen möglich, wenn er ein gesundes Selbstbild entwickelt hat.

In meiner Kindheit habe ich mich häufig gefragt: Warum bin ich aus Sicht der anderen anders? Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich gehänselt wurde. Es gab offenen Antisemitismus. Ich fragte mich: Was ist an uns so anders? Ich habe versucht, mich zu vergleichen, doch ich fand nichts. Meine Großeltern haben mir damals viele Geschichten erzählt, doch leider nicht das Wesentliche. Das alles hat dazu beigetragen, dass ich nach anderen Perspektiven gesucht habe. Im Anschluss an meine Zeit im Internat habe ich in der israelischen Armee gedient und dann studiert. Verhaltenswissenschaften, Psychologie, Soziologie und Anthropologie waren meine Fächer. In Berlin wollte ich weiterstudieren, so kam ich 2001 nach Deutschland.

Aufgezeichnet von Blanka Weber

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