Porträt der Woche

Sozialist aus Zion

Am Denkmal von Marx und Engels in Berlin-Mitte: Ido Porat (33) im Blauhemd von Hashomer Hatzair Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

Sozialist aus Zion

Ido Porat leitet die Jugendorganisation Hashomer Hatzair in Deutschland

von Urs Kind  02.01.2013 10:28 Uhr

Als ich nach Berlin gezogen bin, hatte ich zwar keine richtige Angst vor den Deutschen, aber wenn ich alte Leute auf der Straße sah, war das schon ein komisches Gefühl, weil ich dachte, die haben die Nazizeit noch erlebt, und wer weiß, was sie damals gemacht haben. In meiner Schulzeit in Israel wurde uns immer beigebracht, dass man vorsichtig im Umgang mit Deutschen und mit Deutschland sein muss. Mittlerweile hat sich das aber auch geändert.

Als ich 18 oder 19 Jahre alt war, beantragte mein Vater für mich einen deutschen Pass. Er selbst hatte für sich schon früher einen ausstellen lassen, weil mein Großvater aus Berlin stammte und dort bis 1935 als Anwalt arbeitete. Als mein Opa vor langer Zeit starb, hinterließ er uns seine gut sortierten Papiere und Unterlagen, sodass es später kein Problem war, deutsche Pässe zu beantragen. Für mich war das damals keine große Sache, ich ließ es mit mir geschehen, ohne mir groß Gedanken darüber zu machen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich dieses Stück Papier jemals gebrauchen würde.

Der Pass hat mir dann vieles erleichtert, als ich nach Deutschland kam. Das erste Mal war ich 2004 hier, auf Einladung der Jusos. Ich war beeindruckt von dem Land und von Berlin als Stadt. Wir besuchten das Haus der Wannsee-Konferenz, und ich sprach das erste Mal mit Deutschen über den Holocaust.

masterarbeit Der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit ist ein wichtiges Thema für mich, mit dem ich mich viel beschäftige. Wenn ich meine Masterarbeit fertig geschrieben habe, will ich anfangen, für meine Doktorarbeit zu erforschen, welche Rolle der Holocaust für deutsche Parteien spielt.

Für die SPD scheint er wichtig zu sein, zumindest organisiert sie jedes Jahr viele Reisen nach Israel. So habe ich auch früher schon in Israel viele junge SPD-Leute kennengelernt. In Jerusalem habe ich für das Willy Brandt Center gearbeitet als Vertreter von Young Meretz. Die Arbeit dort hat mir immer große Freude bereitet, wir haben viele Workshops mit israelischen, palästinensischen und deutschen Jugendlichen organisiert, um einen Dialog herzustellen und gegenseitige Vorurteile abzubauen.

Für viele Israelis und auch Palästinenser war es das erste Mal, dass sie außerhalb der Armee in direkten Kontakt miteinander kamen. Viele stellten fest, dass sie etliche Gemeinsamkeiten haben. Voraussetzung dieser Begegnungen war immer, dass alle gleichberechtigt sind. Das hat in Jerusalem manchmal zu Protesten von Ultraorthodoxen geführt, und für die Palästinenser war es wegen der Reisebestimmungen manchmal schwierig, an den Veranstaltungen teilzunehmen.

praktika Nachdem ich dann am Jerusalemer Goethe-Institut einen Deutschkurs besucht und meine Bachelorarbeit abgegeben hatte, zog ich nach Berlin. Hier habe ich schnell viele Leute kennengelernt. Ich habe zunächst verschiedene Praktika gemacht und bei den Jusos gearbeitet, bei den Grünen, der Böll-Stiftung und im Bundestag. Kurze Zeit später, 2008, ging ich nach Jerusalem zurück, um Meretz bei den Vorbereitungen für die Wahl zu unterstützen. Später wurde ich dann zum Vorsitzenden von Young Meretz gewählt und kam 2011 wieder zurück nach Berlin.

Jetzt lebe ich in Kreuzberg und fühle mich sehr wohl. Ich bin aber kein richtiger Berliner, weil ich nicht nur in meinem Kiez bleibe, sondern gern auch neue Ecken in der Stadt kennenlerne und viel durch die Straßen spaziere.

Nebenbei arbeite ich als Guide für israelische Touristen, von denen viele zum ersten Mal in ihrem Leben nach Deutschland kommen. Ich biete ihnen zwei verschiedene Touren an. Die eine heißt »Get to know Berlin« und führt vom Brandenburger Tor über das Holocaust-Mahnmal und den Potsdamer Platz zum Checkpoint Charlie. Die andere Tour führt an Orte jüdischen Lebens in Berlin, zum Hackeschen Markt und auf den Bayerischen Platz. Das ist auch einer meiner Lieblingsplätze in der Stadt und für mich das beste Museum, da man hier die jüdische Vergangenheit in der Gegenwart sieht, und zwar nicht als Museum, sondern einfach so.

Die israelischen Touristen wollen natürlich auch die Gedenkstätten sehen. Wenn wir nach Potsdam fahren, machen wir immer einen Stopp am Gleis 17 in Grunewald. Dort bleiben wir aber nur zehn Minuten. Diese kurze Zeit genügt, weil alle damit vertraut sind. Sie erwarten von den Deutschen diese Gedenkstätten, aber sie selbst sind schließlich im Urlaub hier, und dann sind andere Ziele interessanter.

Deutschlandbild
Ich glaube, in den vergangenen zehn Jahren hat sich das Deutschlandbild vieler Israelis stark verändert. Das hat zum einen damit zu tun, dass die deutschen politischen Stiftungen in Israel sehr aktiv sind und dort gute Arbeit leisten. Zum anderen haben viele Israelis Deutschland durch die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2006 zum ersten Mal ganz anders wahrgenommen. Mit einem Mal schien es in Deutschland nicht mehr nur Fremdenhass zu geben, sondern die Deutschen beschäftigten sich mit Fußball. Seitdem sind sehr viele Israelis hierhergekommen, und es scheint ihnen gut zu gefallen.

Auch für meine Familie war es am Anfang nicht einfach, als ich nach Deutschland ging. Vor allem für meine Großmutter väterlicherseits, die aus Wien stammt. Inzwischen kommen aber alle sehr gern nach Berlin und haben manches Vorurteil abgebaut.

Diese Großmutter wanderte Mitte der 30er-Jahre nach Palästina aus und engagierte sich sehr stark in der Kibbuz-Bewegung. Daher rührt wahrscheinlich auch meine politische Orientierung. Mein Vater war ebenfalls immer aktiv bei der sozialdemokratisch-linken Meretz. So war im Sommer die Gründung von Hashomer Hatzair in Deutschland nach mehr als 70 Jahren für mich als Vorsitzenden dieser Jugendbewegung ein wichtiger Moment. Es macht mich stolz, in die Fußstapfen meines Großvaters zu treten, der auch Mitglied dieser Organisation war.

Mütterlicherseits stammt meine Familie aus Polen. Der Vater meiner Mutter emigrierte Anfang der 30er-Jahre, genau weiß das niemand mehr, und seine Frau überlebte Ravensbrück. In der Gedenkstätte habe ich auch als Guide gearbeitet, ebenso wie für die Ausstellung Topografie des Terrors und das Jüdische Museum in Berlin.

Doktorarbeit Das politische und gesellschaftliche Engagement gehört zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Freunde treffen, viel lesen und immer mal ins Kino gehen – das schaffe ich noch, aber für Sport fehlt mir momentan die Zeit. Politik macht mir einfach zu viel Spaß. Aber die wissenschaftliche Arbeit liegt mir auch sehr am Herzen. Meine Doktorarbeit werde ich in Deutschland schreiben, denn meine Frau hat hier eine sehr gute Arbeit gefunden. Sie ist Fotografin und stammt aus Wien. Wir haben uns in Israel kennengelernt und sind zusammen nach Berlin gekommen. Eigentlich hat sie wenig mit Politik zu tun, aber meine Beschäftigung damit färbt natürlich ab.

Meine Frau sucht mehr als ich den Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Berlin. Für mich spielt Religion keine besonders große Rolle. Natürlich begehen wir die Feiertage mit unseren Freunden, aber weder esse ich koscher, noch gehe ich regelmäßig in die Synagoge. Das liegt bei mir in der Familie, so bin ich aufgewachsen. Aber ich bin der Einzige, der sich so viel mit Politik beschäftigt. Meine Mutter ist Lehrerin, eine meiner Schwestern studiert Jura, die andere arbeitet in einer Biotechnologiefirma.

Ich weiß nicht ganz genau, ob mein Großvater gewollt hätte, dass wir deutsche Pässe beantragen. Aber ich glaube es, denn er hat seine Unterlagen so sorgfältig aufbewahrt. Nach dem Fall der Mauer war er einmal in Berlin und kam mit vielen positiven Eindrücken wieder zurück. Daher glaube ich, dass er sich freuen würde, wenn er wüsste, dass ich jetzt hier lebe.

Aufgezeichnet von Urs Kind

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