#2021JLID

Sichtbares Zeichen in Tempelhof

Blick in die Ausstellung Foto: Chris Hartung

#2021JLID

Sichtbares Zeichen in Tempelhof

Eine Ausstellung thematisiert Geschichte und Gegenwart der Polizei Berlin mit Blick auf das jüdische Leben in der Stadt

von Christine Schmitt  15.09.2021 10:37 Uhr

»Die Arbeit mit jüdischen Schutzpersonen führt zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit deren Tradition, Gedenk- und Feiertagen und anderen kulturellen und spirituellen Einflüssen«, sagt Ingmar Herrmann-Grajetzki, Personenschützer des Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe.

Wirklich kritische Situationen habe er nicht erlebt. »In 13 Jahren in dieser Behörde habe ich persönlich keinen einzigen Fall von Antisemitismus gegen mich oder gegen irgendeine andere Person mitbekommen«, so ein Polizeibeamter in der Direktion Einsatz/Verkehr. Jüdischsein sei ein Teil der Gesellschaft: »Es ist nichts Besonderes. Es ist eine Religion. Es gehört zu Deutschland.« Und sie sollte selbstverständlich zu Berlin gehören. Er sei Jude, aber nicht strenggläubig.

Uwe Malke, Objektschützer der Synagoge Oranienburger Straße und des Zentralrats der Juden in Deutschland in der Tucholskystraße, meint: »Es ist leider immer noch so, dass die jüdischen Objekte besonders geschützt werden müssen. Allein wenn einer da steht, gibt es schon deswegen weniger Schmierereien.«

So stellen sich drei Protagonisten in der Ausstellung »Jüdisches Leben und Polizei-Vergangenheit trifft Gegenwart« zum Jubiläumsjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« vor, die bis Ende Oktober im Foyer des Polizeipräsidiums am Platz der Luftbrücke gezeigt wird.

COMICS Diese Ausstellung möchte verschiedene Aspekte der Geschichte und Gegenwart der Polizei Berlin mit Blick auf das jüdische Leben hier herausstellen, sie möchte damit ein Zeichen gegen Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit setzen. »Wir wollen deutlich machen, wie sehr jüdisches Leben innerhalb der Polizei verankert war und ist«, heißt es.

Im Mittelpunkt stehen dabei auch die Juden vor 1933, die als Polizisten im Einsatz waren, christliche Polizisten, die Synagogen und andere jüdische Einrichtungen in der Pogromnacht retteten, und andere, die heute täglich zum Dienst kommen. Und es gibt viele Comics von Ben Gershon, der mit seinem Witz typische Situationen aufs Korn nimmt. Auf sieben Aufstellern werden die Themen behandelt.

Studenten der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) erarbeiteten in Teilen den Ausstellungsinhalt im Rahmen eines Ethikkurses.

»Wir wollen dadurch erneut und unmissverständlich deutlich machen, dass wir als Polizei Berlin für Demokratie sowie Gleichwertigkeit der Menschen stehen und Antisemitismus, wie auch allen anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, konsequent entgegentreten. Jüdisches Leben muss ein selbstverständlicher Teil von Berlin und auch der Polizei sein«, so Polizeipräsidentin Barbara Slowik.

Das Besondere: Einige Studenten der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) erarbeiteten in Teilen den Ausstellungsinhalt im Rahmen eines Ethikkurses. Unterstützung bekamen sie dabei vom Leiter der Polizeihistorischen Sammlung, Jens Dobler, und von Peter Klein, Professor für Holocaust-Studien am Touro College.

POLIZEIPRÄSIDENT Bernhard Weiß (1880–1951) war eines von sechs Kindern einer jüdischen Familie. Er wurde 1927 zum Polizeipräsidenten ernannt, 1932 wieder enthoben. Weiß wurde Opfer regelmäßiger Diffamierungskampagnen unter Joseph Goebbels, was er sich nicht bieten ließ und ihn erfolgreich mit mehr als 60 Prozessen überzog. Als die Nazis an die Macht kamen, ging er in den Untergrund und konnte später mit seiner Frau erst nach Prag, dann nach London fliehen.

In die Berliner Geschichte ist auch der Polizist und Sozialdemokrat Wilhelm Krützfeld (1880–1953) eingegangen, weil er sich immer wieder im Rahmen seiner Möglichkeiten als Polizist gegen das Unrecht einsetzte und in der Pogromnacht entgegen den Befehlen die Feuerwehr rief, um die brennende Neue Synagoge zu retten. So soll er sich mit einigen Kollegen einer Gruppe von SA-Leuten, die schon das Feuer entfacht hatten, entgegengestellt und sie mit Worten und Waffengewalt zum Rückzug gezwungen haben. Ebenso warnte er Juden vor ihrer Verhaftung.

Martha Mosse (1884–1977) war die erste Polizeirätin im höheren Dienst Preußens. Da sie Jüdin war, durfte sie nicht mehr bei der Polizei wirken und wurde nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebte, kam zurück und wurde wieder Polizistin. Sie trat auch als Zeugin in den Nürnberger Prozessen auf.

Besonders beschämend sei es, dass nach dem Krieg kaum jemand zur Rechenschaft gezogen wurde.

»Wir als Polizei Berlin sind uns der Gräueltaten der Polizei zur Zeit des Nationalsozialismus bewusst und stehen zu unserer historischen Verantwortung«, heißt es auf einer Infotafel. Besonders beschämend sei es, dass kaum jemand zur Rechenschaft gezogen wurde.

Wer sich in dieses dunkle Kapitel einarbeiten möchte, kann gleich im Anschluss die Polizeihistorische Sammlung besuchen – dort widmet sich ein ganzer Raum diesem Thema. Die Ausstellung soll anschließend durch Polizeidienststellen wandern. Aber sie kann auch für weitere nichtkommerzielle Zwecke angefragt werden.

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