Bleib zu Hause

Seder ohne Großeltern – mehr Zeit für die Kinder

Familie unter sich: Avishag Weidner und Sohn Foto: Sven Weidner

Pessach ist eigentlich das jüdische Familienfest überhaupt. Zum Sederabend kommen wirklich alle zusammen, um den Auszug aus Ägypten als ein »Fest der Freiheit« zu feiern und ausgiebig zu essen und zu trinken. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Corona-Krise hat so manche Planung für die Feiertage über den Haufen geworfen.

Zum einen ist es nicht ratsam, dass zu viele Personen in einem Raum aufeinandertreffen – auch zum Schutz der Älteren unter ihnen vor einer möglichen Infektion. Zum anderen ist das Reisen derzeit eine Sache der Unmöglichkeit, weshalb vielerorts nur wenige Personen gemeinsam feiern werden.

ELTERN So wie bei Boris Moshkovits. »Bei uns sitzen zum Seder normalerweise schon mal 20 Leute und mehr am Tisch«, sagt der Berliner Berater und Unternehmer. »Doch die Pandemie hat alles auf den Kopf gestellt.« Weder gibt es in diesem Jahr Besuch aus Odessa, wie sonst so oft. »Und auch die Eltern sind schon über 80 Jahre alt und bleiben besser fern. Wir haben bereits dafür gesorgt, dass sie ausreichend mit Mazzot und Gefilte Fisch versorgt sind.«

»Die Eltern sind schon über 80 Jahre alt und bleiben besser fern.«Boris Moshkovits

Doch der Umstand, dass man Pessach jetzt nur mit zwei kleinen Kindern und der Ehefrau verbringen wird, scheint auch einige positive Seiten zu haben. »Man ist einfach zur Kreativität gezwungen und beschäftigt sich trotz Homeoffice und Feiertagsvorbereitungen viel mehr mit den Kindern.«

Morgenkreis Der digitale Morgenkreis der Kita ist da eine große Hilfe. »Wir basteln und malen dann gemeinsam Sachen, die alle irgendwie im Zusammenhang mit Pessach stehen. Auf diese Art und Weise lässt sich ihnen jetzt viel über die Bedeutung der Feiertage vermitteln.«

Das durch die Corona-Krise erzwungene »Downsizing« des Sederabends ist auch für Avishag Weidner eine gute Gelegenheit, sich mit den Inhalten von Pessach intensiver als sonst auseinanderzusetzen. »Bei uns ist sowieso vieles anders«, berichtet die 43-jährige Mutter von zwei Kindern im Alter von sechs und zwölf.

»Wir treffen uns zum Seder sonst immer mit Freunden, deren Eltern ebenfalls zumeist nicht in Deutschland leben. Da kommen schnell bis zu 15 Personen zusammen – so sieht unser Ritual zu Pessach aus.« Jetzt bleibt die Familie jedoch unter sich.

»Aus guten Gründen bietet es sich geradezu an, mit den Kindern über die zehn Plagen zu reden.«Avishag Weidner

»Das macht einen großen Unterschied.« Aber zugleich sieht sie das Ganze als eine Option zur Entschleunigung und zu mehr Gelassenheit. »Man kann die Vorbereitungen für die Feiertage deutlich entspannter in Angriff nehmen. Und es ist eine super Möglichkeit, sich gemeinsam mit den Kindern stärker den Inhalten der Haggada zu widmen.«

Über welche Abschnitte dann genau gesprochen werden soll, ist noch nicht entschieden. »Aber aus guten Gründen bietet es sich geradezu an, mit ihnen über die zehn Plagen zu reden.«

Weniger Trubel zu Pessach hat für Avishag Weidner auch einen weiteren Vorteil: »Es gibt weniger Ablenkungen, und die Kinder können mehr dabei sein.«

WOHNUNG Aber auch andere lieb gewonnene Traditionen fallen dieses Jahr wohl ins Wasser. »Zum einen sind alle Synagogen geschlossen, sodass wir wohl allenfalls die Angebote in Anspruch nehmen können, die online verfügbar sind«, sagt Sergei Tcherniak. »Und Wegfahren ist ebenso wenig möglich, weshalb nur die Rundreise in der eigenen Wohnung oder die gelegentlichen Ausflüge in den Supermarkt bleiben«, meint der 45-jährige Immobilienmakler.

»Der beste Plan derzeit ist es wohl, keinen Plan zu haben.«Sergei Tcherniak

Es trifft sich also nur die sogenannte Kernfamilie zum Seder mit der Option, vielleicht einen Gast einzuladen – schließlich ist eine haushaltsferne Person als Besuch ja durchaus möglich. »Aber wir werden an dem Abend gewiss per Skype mit meiner Mutter in Israel und der Mutter meiner Frau in Russland sprechen.«

Außerdem gibt es die Überlegung, mit den Kindern vielleicht in die Natur zu fahren, und zwar dorthin, wo sich aus Gründen des »Social Distancing« gerade möglichst wenige andere Menschen aufhalten. Auch Sergei Tcherniak sieht das Ganze mit Humor und einer gewissen Gelassenheit. »Der beste Plan derzeit ist es wohl, keinen Plan zu haben.«

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 20.10.2026 Aktualisiert

Speyer

Nach Drohbrief: Kirchen solidarisch mit Jüdischer Gemeinde

Die beiden großen christlichen Kirchen haben Drohungen gegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer verurteilt. Die Bedrohung jüdischen Lebens sei nicht hinnehmbar

 20.10.2026

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026

Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Mit neun Jahren wird er nach Auschwitz deportiert. Später wird er unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen

 19.10.2026

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026