Neben seiner Tätigkeit als Jurist und Bundestagsabgeordneter der Linkspartei ist Gregor Gysi regelmäßig mit seiner Veranstaltungsreihe »Gregor Gysi trifft …« auf Bühnen in Berlin, Tübingen und Nordrhein-Westfalen zu erleben. Am 1. Oktober traf er in der Universität Münster die Holocaust-Überlebende und Autorin Eva Szepesi sowie Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden.
Applaus brandete auf, als Eva Szepesi, Josef Schuster und Gregor Gysi den voll besetzten Hörsaal 1 der Universität Münster betraten. Mit sichtbarer Fürsorge geleitete Gysi die 94-jährige Zeitzeugin zu ihrem Stuhl an dem kleinen schwarzen Tisch auf der großen Bühne. Gysi und zwei Gäste, das bedeutet: Zeit genug für ausführliche Gespräche und Nachfragen, wie sie bei Talkshows sonst unüblich sind. Und Gysi, als Gastgeber neugierig, aufmerksam, charmant und manchmal witzig, nutzte die Möglichkeiten, die ihm das auf ihn zugeschnittene Format bot. Er bat Eva Szepesi, von ihrer Kindheit zu erzählen.
Geboren in einer jüdischen Familie, verbrachte Szepesi eine behütete Kindheit in Budapest. Doch diese unbeschwerte Zeit endete jäh, als deutsche Truppen 1944 das bis dahin mit Deutschland verbündete Ungarn besetzten. »Ich war sehr traurig, als meine Mutter den gelben Stern auf alle Kleidung nähen musste«, erinnert sich Szepesi. Von einem Tag auf den anderen war ihre Kindheit vorbei. Die Haltung ihrer bisherigen Spielkameraden änderte sich. Kinder, mit denen sie zuvor befreundet gewesen war, verspotteten sie.
Mit dem letzten Transport wurde Szepesi im November 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert
Szepesi floh schließlich in die Slowakei, wo sie sich als taubstumm ausgab. Doch ihre Tarnung wurde aufgedeckt. Mit dem letzten Transport wurde sie am 2. November 1944 in einem Viehwaggon in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dass sie nicht unmittelbar in die Gaskammer geschickt wurde, verdankte sie dem Hinweis einer slowakischen Aufseherin, die ihr riet, bei der Selektion anzugeben, 16 Jahre alt zu sein.
Stattdessen erwartete sie Zwangsarbeit. »Wir haben Munitionsteile gesäubert, Steine geschleppt, gehungert und gefroren«, erinnert sich Eva Szepesi. Als das Lager schließlich geräumt und die verbliebenen Häftlinge auf Todesmärsche geschickt wurden, hielt die SS sie für tot. Ein Rotarmist fand sie zwischen Leichen. »Ich hatte eine Hoffnung, ich wollte wieder leben.«
Diese Hoffnung prägte auch ihr weiteres Leben. Eva Szepesi setzte sich zum Ziel, über das Geschehene zu berichten. Nach dem Krieg zog sie zunächst nach Ungarn, absolvierte eine Schneiderlehre und heiratete. Als ihr Mann später bei einer ungarischen Handelsvertretung arbeitete, folgte sie ihm nach Frankfurt am Main. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn 1956 beantragte die junge Familie schließlich Asyl in Deutschland.
Über die Verbrechen der Nazis schwieg sie, bis Steven Spielbergs Film Schindlers Liste 1993 in die Kinos kam. Danach begann sie, öffentlich über den Holocaust und ihre Zeit in Auschwitz zu berichten, und schrieb gemeinsam mit Babette Quinkert das Buch Ein Mädchen allein auf der Flucht.
Schusters Vater war während der NS-Zeit im KZ Dachau inhaftiert gewesen
Was Eva Szepesi erst Jahrzehnte später öffentlich aussprach, war für Josef Schuster bereits seit seiner Kindheit Teil der familiären Erinnerung. Der heute 72-Jährige wurde in Haifa geboren und zog 1956 im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Würzburg. Sein Vater war während der NS-Zeit im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen. Bereits im Alter von sechs Jahren begleitete Josef Schuster ihn deshalb an Gedenktagen nach Dachau.
Gysi bat die Zeitzeugin Eva Szepesi, von ihrer Kindheit in Ungarn zu erzählen.
Schuster, der Medizin studierte und in seiner Doktorarbeit belegte, dass die Kindersterblichkeit bei Juden wegen der strengen Hygieneregeln niedriger als bei anderen Bevölkerungsgruppen war, wuchs mit der Gemeindearbeit auf: »Mein Vater hat sich ab 1958 sehr in der jüdischen Gemeinde Würzburg engagiert und war
38 Jahre lang ihr Vorsitzender.«
Die Gemeindearbeit habe zu einem großen Teil in seinem Arbeitszimmer in der elterlichen Wohnung stattgefunden. Später sei er in Würzburg in die Fußstapfen des Vaters getreten, sei dann Präsident des Landesverbandes und schließlich Präsident des Zentralrats geworden, weil sein Vorgänger Dieter Graumann 2014 aus persönlichen Gründen für keine weitere Amtszeit zur Verfügung gestanden habe.
Als Präsident des Zentralrats engagiert er sich nicht nur gegen Antisemitismus: »Es geht mir vor allem darum, einfach klarzumachen: Antisemitismus ist eine besondere Art der Menschenfeindlichkeit. Ich sehe es auch als meine und die Aufgabe des Zentralrats an, immer den Finger in die Wunde zu legen, wenn unsere Demokratie gefährdet ist.« Von Gysi gefragt, ob sich durch die AfD vieles normalisiere, das bislang als verboten galt, sagte Schuster: »Ich habe das Gefühl, dass eine gewisse Gleichgültigkeit durch die Aussagen von vielen Funktionären der AfD wieder steigt.«
Als Präsident des Zentralrats engagiert sich Schuster nicht nur gegen Antisemitismus
Wenn man das Dritte Reich wie der AfD-Politiker und frühere AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland als einen »Vogelschiss« in der Geschichte bezeichne, wisse man, um welches Denken es gehe. Antisemitismus, sagte Schuster zu Gysi, sei allerdings nicht nur ein Problem der AfD.
Erst nach einer Diskussion über mangelnde Solidarität mit den Opfern des Hamas-Massakers am 7. Oktober reagiert Gysi auf Schuster: »Sie haben ja schon indirekt darauf hingewiesen. Ich sage Ihnen, meine Partei ist in großer Mehrheit überhaupt nicht antisemitisch.« Aber die Linke habe jetzt neue Mitglieder bekommen, die versuchen würden, die Partei antisemitisch zu instrumentalisieren. »Ich will Ihnen versprechen, dass ich alles in meiner Kraft Stehende tun werde, damit rote Linien gezogen werden, die in meiner Partei nicht überschritten werden.« Gysi kündigte damit zugleich an, innerhalb der Partei gegen antisemitische Positionen vorgehen zu wollen.
