Porträt der Woche

Passionierte Nachdenkerin

»Meine Freunde werden mir fehlen«: Tamara Ikhaev (22) aus Frankfurt Foto: Privat

Porträt der Woche

Passionierte Nachdenkerin

Tamara Ikhaev studiert Wirtschaftspsychologie, heiratet bald und emigriert nach Israel

von Christine Schmitt  11.12.2022 07:37 Uhr

Mein Leben dreht sich gerade um 180 Grad. Bei mir ändert sich fast alles. Derzeit bin ich noch in der schönsten Stadt Deutschlands, und zwar in Frankfurt, zu Hause. Ich mag alles an der Mainmetropole. Die Art der Menschen, die Mentalität und meine jüdische Gemeinde.

Wenn ich mal meinen Kopf frei bekommen möchte, spaziere ich durch die Straßen und kann mich entspannen. Bis auf ein paar wenige Jahre habe ich immer hier gelebt. Meine Eltern kamen am 29. November 2000 aus Tiflis, Georgien, in Deutschland an, und einen Tag später wurde ich in Hessen geboren. Somit bin ich das erste in Deutschland geborene Kind in meiner Familie. Wir leben in einem ruhigen Viertel, und gerade die Ruhe weiß ich sehr zu schätzen.

Doch damit wird es nun vorbei sein: Ende des Jahres werde ich meinen Verlobten heiraten und mit ihm nach Israel ziehen, wo er jetzt schon seit anderthalb Jahren lebt. Eigentlich kommt er aus New York. Er betont immer, dass er in so einer ruhigen Gegend nicht leben könnte, denn er mag den Trubel, die Lebendigkeit und die vielen Rufe auf den Straßen Israels. Obwohl ich meine, Chuzpe zu besitzen, brauche ich etwas Zeit, um unter den Chuzpe-Spitzenreitern meine europäischen Gewohnheiten, die den Israelis fremd sind, abzulegen.

Kaschrut Mit 17 Jahren hatte ich mein Abitur in der Tasche. Allerdings konnte ich zum Abiball erst nach Schabbatende gehen, das war gegen Mitternacht, als die meisten schon wieder aufbrachen. Mir ist es wichtig, den Schabbat, die Feiertage und weitestgehend die Kaschrut einzuhalten. Aber als Studentin der Wirtschaftspsychologie gerate ich oft in einen Gewissenskonflikt, denn Seminare oder Klausuren finden manchmal an Feiertagen statt.

Deshalb freue ich mich, dass ich demnächst in Israel keinem Menschen erklären muss, warum ich gewisse Sachen an gewissen Tagen nicht machen kann. Innerhalb meines Studiums werde ich ein Praktikum bei einem Unternehmen mit Hauptsitz in Tel Aviv absolvieren und anschließend meine Bachelorarbeit über die israelische National- und Unternehmenskultur im Vergleich mit der deutschen schreiben. Im Sommer möchte ich Alija machen.

Wegen der Politik gerät Israel immer wieder in die Schlagzeilen, aber was ich an dem Land besonders spannend finde, ist die ganze Start-up-Kultur. Das ist gigantisch, und ich hoffe auf viele Inspirationen. Mein zukünftiger Mann und ich haben Glück, dass wir eine Wohnung für die nächsten Monate in Raanana, nicht weit von Tel Aviv entfernt, gefunden haben.

einwanderer Diese Stadt zeichnet sich dadurch aus, dass sie international ist und sich Einwanderer aus vielen Ländern der Welt dort wohlfühlen. Das finde ich erst einmal besser, als in ein rein israelisches Gebiet mit wenigen neuen Einwanderern zu ziehen. Glücklicherweise spreche ich Hebräisch. Ein Bekannter hat mir schon gesagt, dass die Alija nur klappt, wenn man sich 100-prozentig auf das Land einlässt – und das habe ich vor.

Ich habe immer ein Projekt, an dem ich arbeite.

Nach dem Bachelor möchte ich dort mein Masterstudium machen. Ich habe immer ein Projekt, an dem ich arbeite, und gefühlt fünf Vollzeitbeschäftigungen. So war ich ein Jahr lang Präsidentin des Verbandes Jüdischer Studierender Hessen, nehme an Fellowships, Kongressen und Seminaren teil und werde öfters zu Diskussionsrunden eingeladen, um über das Leben junger Juden und leider auch über Antisemitismus zu sprechen.

Manchmal muss ich auch einen Schlussstrich ziehen, wie in diesem Herbst beim Jugendzentrum. Fünf Jahre lang war ich Madricha und übernahm am Anfang eine Gruppe von zehn- und elfjährigen Kids. Da habe ich immer gesagt, dass ich die Mutter von 30 Kindern bin. Nun sind sie »groß« und nach dem Sommer selbst Madrichim geworden.

Ich hatte immer gesagt, dass ich dann aufhöre – und ich wusste ja nun auch schon, dass ich Deutschland verlassen werde. Es waren intensive Jahre, denn ich war immer für sie da, nicht nur am Sonntag. Zvi Bebera, der Juze-Leiter und für uns ehemalige Madrichim bis heute noch ein wahrer Freund und Mentor, hat uns immer gesagt, dass die Kids unseretwegen kommen, nicht wegen des Programms.

Ziel Neben meinem Studium arbeite ich seit 2021 als Werkstudentin bei der Gemeinde in der Digitalisierungsabteilung und biete Führungen durch die Westend-Synagoge an. Mein Ziel ist es, mit der Vorstellung der anderen aufzuräumen, dass Juden immer Opfer sind. Ich möchte, dass das Judentum nicht nur mit dem Zweiten Weltkrieg und all diesen traurigen Sachen assoziiert wird, sondern alle auch das Heutige und die schönen Aspekte kennenlernen. So erkläre ich ihnen, was eine Synagoge ist, berichte von der Geschichte der Religion, zeige den Hauptgebetsraum und erkläre das Judentum.

Und auch die Kaschrut. Einmal waren Schüler einer vierten Klasse da. Als ich ihnen sagte, dass ich noch nie einen Cheeseburger gegessen habe, waren sie geschockt und luden mich spontan zu McDonald’s ein. Ich lächelte und lehnte dankend ab, da ich mich freiwillig und konsequent daran halte, milchiges und fleischiges Essen zu trennen. Es ist ein unfassbar schönes Gefühl zu hören, dass ich für viele die erste jüdische Person bin, die sie kennenlernen und die ihnen ihre Berührungsängste nehmen kann. Ich wünsche mir, dass es bald normal sein wird, eine Jüdin zu treffen, dass es langweilig und nicht der Rede wert ist. 

Das Gedenken an die Schoa spielt für mich als leidenschaftliche Nachdenkerin eine große Rolle. Ich frage mich, was wir heute und morgen machen müssen, damit in der Zukunft nicht wieder so etwas Schlimmes passiert. Das ist für mich Gedenken. Ich finde, dass wir persönliche Geschichten erzählen müssen, dass es nicht damit aufhört, nur über Vergangenes nachzudenken und im Hier und Jetzt nichts zu tun.

Ring Meinen Verlobten habe ich vor fast drei Jahren kennengelernt. Bisher führen wir eine Fernbeziehung, da er bis Juni 2021 in den USA lebte und dort studiert hat. Seit zweieinhalb Jahren sind wir zusammen. Stundenlang können wir telefonieren. Zwar besuchen wir uns nicht täglich, aber dafür immer wieder für mehrere Wochen. Zum vergangenen Pessachfest waren wir mit unseren Familien in Israel, und er nutzte die Gunst der Stunde, um mir einen Heiratsantrag zu machen.

Den Verlobungsring hat er bei meinem Vater anfertigen lassen, denn er ist Juwelier. Der Ehering ist auch schon fertig, er ist schlicht und hat keine Steine. Im inneren Teil des Ringes haben wir ein hebräisches Zitat aus dem Hohelied eingravieren lassen. »Matzati Et SheAhawa Nafshi« – »Ich habe ihn gefunden, den meine Seele liebt.« Das steht auch auf unseren Hochzeitseinladungen. Die Chuppa wird in der Synagoge stattfinden, für mich ist das sehr symbolisch, denn ich gehe seit meiner früher Kindheit in diese Synagoge. Im Anschluss feiern wir groß mit Familie und Freunden.

Ich liebe es, tiefgründige und lange Gespräche zu führen.

Leidenschaft ist ein sehr wichtiges Konzept in meinem Leben. Mein Studium beispielsweise. Es ist mein Ding, und ich wünsche mir öfters, bis mindestens 22 Uhr in der Bibliothek sitzen zu können, um zu lernen. Oft gehe ich auch in die Buchhandlung und verbringe Stunden in der englischen Abteilung, um Bücher mit psychologischem Fokus zu lesen. Einmal kam mein Verlobter mit. Ich verbrachte Stunden mit dem Lesen, während er einschlief.

Freunde Wenn die Uni und meine Arbeit als Werkstudentin es zulassen und ich etwas Zeit habe, dann treffe ich mich gern mit Freunden. Das ist dann ein guter Tag. Ich mag keinen Smalltalk, sondern liebe es, tiefgründige und lange Gespräche zu führen. Gerne verabrede ich mich mit zwei Freundinnen, von denen eine jüdisch und die andere Muslimin ist. Dann diskutieren wir auch über den Islam und das Judentum. Für mich ist unser Trio das, was mit Empowerment gemeint ist. Wir pushen einander immer, um besser zu werden.

Meine Freunde werden mir fehlen, wenn ich in Israel bin. Die Spontanität, sie einfach mal auf einen Kaffee zu treffen, werden wir nicht mehr haben. Dank der Machanot habe ich in vielen Städten in Deutschland Freunde. Ich hoffe, dass ich – wie in den vergangenen Jahren – auch im nächsten Sommer wieder als Madricha angefragt werde. Wenn ich im nächsten Kalenderjahr nach Frankfurt zu Besuch zurückkehre, möchte ich jede Sekunde für meine Familie und Freunde nutzen. Dafür werde ich mir einen Zeitplan erstellen. Und dann die schönste Stadt Deutschlands in vollen Zügen genießen. Aber jetzt freue ich mich erst einmal auf alles Neue.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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