Tagung

Orden und Gespräche

Von seiner jüdischen Mutter erhielt er den Nachnamen – Zolotkovsky. Sein Vater, der der jüdischen Religionsrichtung und Volksgruppe der Karäer angehörte und überzeugter Kommunist war, gab ihm den Vornamen Friedrich Engels’. Der von seinen Armee-Kameraden Fred genannte Friedrich schaffte es bis zum Rang eines Oberst der Panzerdivision. Nun ist er Rentner und kann seinen vielfältigen Interessen nachgehen. Zum Beispiel: Dichten.

Der Ex-Offizier und Dichter scheint etwas verbittert zu sein, dass sich für seine Verse bislang kein Verleger in Deutschland fand. Als Zolotkovsky seinen zweisprachigen Band Ich erinnere mich an den Holocaust dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, feierlich überreicht, sagt er nur kurz auf Deutsch: »Lesen Sie es!«.

Kriegserlebnisse Das Buch wurde in Kiew gedruckt, finanziert von der Tochter des Autors und von nichtjüdischen ukrainischen Veteranen und Freunden. Es enthält authentische Erlebnisse aus der Kriegsvergangenheit, die nach Überzeugung des Dichters den Menschen heute gute und lehrreiche Impulse für die Zukunft geben könnten.

Überhaupt nimmt das Engagement der Veteranen und der Holocaust-Überlebenden als Zeitzeugen der Geschichte während der jüngsten Jahrestagung der Veteranen im Dezember in Berlin einen gro- ßen Platz ein. Der Zentralratspräsident betont dabei: »Kein Geschichtsbuch und kein Lehrer kann wahre Geschichten, wie die von Ihnen erlebten, ersetzen.« Der Zentralrat sei gerne bereit, die Veteranen darin zu unterstützen, möglichst viele Treffen mit jungen Leuten in Deutschland zu organisieren.

Einen weiteren Diskussionspunkt rund um das Thema Lehrstoffvermittlung in der Schule spricht Arkadij Komissarchuk aus Bochum an. Von seinem Enkel, der die neunte Klasse besucht, habe er erfahren, wie durch die Geschichtslehrbücher die Rolle der Sowjetarmee, zum Beispiel im Vergleich zur amerikanischen Armee, marginalisiert werde, so Komissarchuk. Graumann stimmt ihm in der Sache zu und ergänzt, dass in seiner eigenen Schulzeit in 13 Jahren gerade mal eine Stunde dem Holocaust gewidmet wurde.

Befreiung Die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung vom Faschismus macht er mit einer ganz persönlichen Hommage an seine Mutter deutlich. »Sie war auch eine Heldin!« Als junges Mädchen habe sie in einem KZ in der damaligen Tschechoslowakei alle schrecklichen Seiten des Lagers erlebt und wurde am Ende von der Roten Armee befreit. »Ausgerechnet am 9. Mai 1945! So feierte sie ihr Leben lang diesen Tag als ihren zweiten Geburtstag.«

Graumanns Vater befreite die amerikanische Armee in Buchenwald. Somit sei seine Geschichte die kompakte und personifizierte Wiedergabe der großen Geschichte, so Graumann. Und doch: »Die Rolle der Roten Armee und der russischen Juden in der Roten Armee im Hinblick auf den Sieg über den Faschismus kann man gar nicht überschätzen!«, betont der Zentralratspräsident.

Fast alle Mitglieder des Verbandes und die Teilnehmer der Tagung sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Und so ist auch die Tagungssprache Russisch. Nur die Begrüßungsrede wird auf Deutsch gehalten und übersetzt. Aber mit seiner Rede und in der anschließenden lang andauernden Diskussion schafft es der Präsident des Zentralrats, eine gemeinsame Sprache mit den hier Versammelten zu finden: die Sprache des Herzens, die Sprache der Leidenschaft.

Dieses Treffen mit den Veteranen sei eine Herzensangelegenheit für ihn, versichert Graumann. Schon als Leiter des Flüchtlingsverbandes in Frankfurt kannte er die Menschen gut, die in den Reihen der Roten Armee gegen den Faschismus gekämpft hatten. Als sehr wertvoll schätzte er schon damals die von ihnen mitgebrachte Tradition ein, den Tag des Sieges zu feiern. »Hier in Deutschland kannten wir es nicht, aber nun feiern wir seit 20 Jahren diesen Tag des Sieges in Frankfurt.«

Juden als Sieger Eine weitere Bereicherung für alle Menschen in Deutschland und auch für die Juden hierzulande sei die neue perspektivische Sicht auf den Zweiten Weltkrieg. Juden sahen sich selbst und wurden von »außen« als Opfer betrachtet. »Sie aber haben gezeigt, es gibt Juden, die Sieger über die Faschisten geworden sind. Ich verbeuge mich vor Ihren Heldentaten. Wir sind stolz auf das, was Sie für den Sieg über den Faschismus getan haben. Und wir sind stolz darauf, dass Sie heute mit uns sind!«

Mehr als 500.000 Juden dienten in der Roten Armee, über 200.000 von ihnen fielen im Kampf, 160.000 erhielten Orden und Medaillen, 500 jüdische Offiziere und Soldaten wurden mit dem Titel »Held der Sowjetunion«, der höchsten Auszeichnung der Roten Armee, geehrt.

Die Rolle der sowjetischen Juden beim Kampf und Sieg gegen das nationalsozialistische Deutschland sei gleichzeitig Ehre und Inspiration für alle in Deutschland lebenden Juden, betont Graumann. »Wir alle haben jeden Grund, uns ganz besonders herzlich zu bedanken. Ohne den Sieg über den deutschen Faschismus, ohne Ihren Kampf wären wir alle ganz sicher jetzt nicht hier«, betont Graumann. »Das jüdische Leben ist auch heute nicht selbstverständlich sicher, aber das jüdische Volk ist stark.«

Auszeichnung »Dabei war es für unsere Leute eher schwieriger, eine Auszeichnung zu bekommen«, kommentiert Fred Zolotkovsky. »Eigentlich hätten es mehr von ihnen verdient«, weiß er und erinnert an einen Fliegereinsatz von vier Kampfpiloten, von denen drei für ihren Einsatz anschließend geehrt wurden. Der vierte, Salomon Vischnevski, der einzige Jude unter ihnen, erhielt diese Auszeichnung nicht.

Die Veteranentagung sah aber auch die Klärung von Sachfragen unter anderem zur Integration der russischsprachigen Emigranten sowie die Ermöglichung von qualifizierter Beschäftigung in den erlernten Berufen durch eine gleichwertige Anerkennung der Zeugnisse vor.

Doch, so scheint es, haben sich die ursprünglichen Ziele des Verbandes, Veteranen bei der Anerkennung ihrer Rentenansprüche und zu unterstützen nahezu umgekehrt in eine »Unterstützung ›durch‹ Veteranen«. So klingt denn auch ihr Ton selbstbewusst und kraftvoll, wenn sie Hilfestellung leisten möchten und fragen: »Wie können wir zum Kampf gegen Antisemitismus beitragen? Was können wir für die jüngere Generation tun? Was ist zu tun, damit die allgemeine Berichterstattung über Israel objektiver wird?«

Am zweiten Tag stimmen sie sodann über eine Resolution zur Unterstützung des Staates Israel ab und verabschieden sie. Im kommenden Jahr plant der Verband eine einwöchige Reise nach Israel, um sich mit dort ansässigen Veteranen-Verbänden auszutauschen.

Ehrenmitglied Mit einer besonderen Ehrung drückt der Verband seine Wertschätzung für den Zentralratspräsidenten aus und ernennt ihn durch seinen Vorsitzenden Peter Feldmann zum Ehrenmitglied des Veteranenverbandes. Graumann erhält eine Urkunde sowie die Medaille, die Feldmanns »Heimatsverband« Stuttgart zum zehnjährigen Bestehen herausgebracht hat. Sie trägt den Schriftzug: »Und das Leben geht weiter!« Feldmann, der mit der sowjetischen Infanterie im Jahre 1945 bis nach Berlin vorrückte, bittet Graumann, auf diesen feierlichen Moment anzustoßen – mit Wodka aus seiner damaligen Feldflasche!

Der Dichter und Zeitzeuge Zolotkovsky ist begeistert, wie der Zentralratspräsident diese interkulturelle Herausforderung
meistert: »Er macht das ganz richtig, wie er den Wodka kippt!« Freudig ruft er mit den anderen zusammen laut: »L’Chaim!«. Die Freude ist ganz auf Graumanns Seite. Eine zweite Runde lehnt er allerdings ab und verspricht: »Ich werde wiederkommen!«

Veteranen-Verband
Der Bundesverband der Veteranen, Ghetto- und KZ-Gefangenen sowie der Überlebenden der Leningrader Blockade ist aus der vor zehn Jahren gegründeten und vom Weltkongress der russischsprachigen Juden initiierten und gesponserten Veteranen-Organisation hervorgegangen. Er hat heute mehr als 2000 Mitglieder und vereint Veteranen-Organisationen aus den jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland.

Der Verband tagt einmal jährlich in Berlin. Außerdem treffen sich die Veteranen zum Tag des Sieges, am 9. Mai, wo sie unter anderem von den Botschaften der GUS eingeladen werden. 2011 setzte sich der Verband dafür ein, Gedenkstätten für
Holocaustopfer und jüdische Kriegsgefallene in Deutschland einzurichten.

Ziel des Verbandes ist vor allem rechtliche und soziale Unterstützung der Veteranen zur Anerkennung der Renten und der Kampf gegen Antisemitismus und Faschismus.

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