Potsdam

Offene Türen, offene Fragen

Kippot liegen bereit. Eine Frau will gerade nach einer greifen, als sie ihr Begleiter darauf hinweist: »Die brauchen nur die Männer.« Sie schaut ihn an, scheint nachzudenken und lässt von ihrem Vorhaben ab. Gemeinsam betreten die beiden den Synagogenraum, wo bereits geschäftiges Treiben herrscht. Am vergangenen Sonntag hatte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zum Tag der offenen Tür ins neue Synagogenzentrum Potsdam eingeladen.

In der Synagoge schauen sich zwei ältere Damen die Bücher in den Regalen an. Sie ziehen einzelne hervor und blättern interessiert darin. »Aha, die Tora«, stellt die eine fest, um dann zu fragen: »Wie viele Bücher hat sie?« Die Antwort wartet sie gar nicht erst ab, schon legt sie das Buch zurück und wendet sich den Sitzbänken zu: »Vom feinsten Holz.« »Schön gemacht«, stimmt ihre Freundin zu. »Modern«, finden beide. Andere lassen sich vor der Torarolle fotografieren. Ein Mann erzählt einem Jugendlichen von der Zerstörung der alten Potsdamer Synagoge.

»Potsdam hat lange auf eine Synagoge gewartet, und entsprechend ist das Interesse«

Das Interesse ist groß an diesem Tag. Bereits um elf Uhr, die Türen sind gerade einmal seit einer Stunde geöffnet, zählen die Veranstalter um die 300 Besucher. Jan-Niklas Hörmann von der ZWST ist zufrieden. Er leitet die Einrichtung. »Man merkt, Potsdam hat lange auf eine Synagoge gewartet, und entsprechend ist das Interesse«, sagt er. Erst im Juli vergangenen Jahres wurde das Zentrum eröffnet. »Die ersten Gottesdienste hatten wir im September. Seitdem wurde das Programm nach und nach aufgebaut.«

Ein Mann erzählt einem Jugendlichen von der Zerstörung der alten Potsdamer Synagoge.

Es dauerte Dekaden, bis die Planung umgesetzt wurde. Uneinigkeiten zwischen den vier involvierten jüdischen Gemeinden hatten zu mehreren Unterbrechungen geführt. »Ich glaube, die Streitereien aus der Vergangenheit sind vorbei«, meint Hörmann. »Dass es aber nach wie vor hier und da zu Streitigkeiten kommen kann, ist menschlich.«

»Wir freuen uns, hier sein zu dürfen«, so zwei Besucherinnen. In Jerusalem seien sie zwar schon einmal in einer Synagoge gewesen, in Deutschland bislang allerdings noch nicht. Sie stellen sich selbst als gläubige Christinnen vor, sagen, sie interessieren sich vor allem für die Gemeinsamkeiten der beiden Religionen. Überrascht waren sie über die Einlasskontrollen, die hätten sie sich strenger vorgestellt. In der Tat: Um für die Besucher die Schwelle niedrig zu halten, so Hörmann, seien im Gegenzug die Sicherheitsvorkehrungen massiv erweitert worden. »Zusätzlich haben wir die üblichen Aktivitäten der Gemeinden aus Sicherheitsgründen nicht stattfinden lassen.« Die meisten Gemeindevertreter waren an diesem Tag nicht vor Ort.

Riten und religiöse Gegenstände

Doch einer ließ es sich nicht nehmen: Ud Joffe, Vorsitzender der Synagogengemeinde Potsdam, steht in der Nähe des Aron Hakodesch und beantwortet bereitwillig sämtliche Fragen. Es geht um Riten, religiöse Gegenstände. Joffe weiß sein Publikum zu unterhalten, erzählt mit Witz und baut kleinere Show-Einlagen ein. Besucher sitzen auf den Bänken, einige müssen stehen, und auch von der Frauenempore, die an diesem Tag für alle geöffnet ist, werden Fragen gestellt. Irgendwann scheint sich Joffe der Situation bewusst, lacht, sagt, das sei hier kein Vortrag, man dürfe sich ruhig im Raum bewegen. Seine Zuhörer folgen den Anweisungen.

Bis die Türen um 14 Uhr wieder schließen, dürften es um die 600 Besucher gewesen sein.

Eine junge Jüdin sagt, sie sei mit »einem lachenden und einem weinenden Auge« hier. Zwar freue sie sich über das Zentrum, werde allerdings weiterhin zum Beten nach Berlin fahren. Denn in ihrer Synagoge müssten Männer und Frauen nicht räumlich voneinander getrennt beten. »Ich finde es schade, dass es das Café nicht gibt. Da wäre ich gern hingegangen«, ergänzt sie. Im Dezember wurde bekannt, dass ein Cafébetrieb, wie es der ursprüngliche Plan eines offenen Hauses vorsah, doch nicht möglich ist. Die Gründe liegen nahe, Hörmann bestätigt sie: »Aus Sicherheitsgründen ist eine Öffnung des Cafés nicht absehbar.«

»Dass Jüdinnen und Juden heute noch immer Angst haben müssen, dafür schäme ich mich als Deutsche«, sagt die Freundin der jungen Jüdin. Umso wichtiger sei es, betonen beide, dass das Zentrum so zentral liege, »da, wo es hingehört«– fußläufig vom Landtag, hinter dem Filmmuseum und in unmittelbarer Nähe zum klassizistisch-barocken Barberini-Palast, in dem sich Potsdams bedeutendstes Kunstmuseum befindet. »Für meinen Geschmack fehlt nur noch ein riesiger, leuch­tender Davidstern auf dem Dach«, sagt die Frau und lacht. Die Gastgeber scheinen zufrieden mit dem Tag. Der Andrang gibt ihnen jedenfalls alles Recht dazu. Bis die Türen um 14 Uhr wieder geschlossen werden, dürften es um die 600 Besucher gewesen sein. »Also, das hat sich gelohnt«, sagt eine ältere Dame beim Gehen.

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