Halle

Normalität und Sicherheit

Zentralratspräsident Schuster und Ministerpräsident Haseloff (v.l.) am Zentralrats-Cube. Er zeigt jüdisches Leben jenseits der Schoa. Foto: Thyra Veyder-Malberg

»Eigentlich schauen wir alle normal aus«, witzelte Zentralratspräsident Josef Schuster, als er am Sonntag am Rande der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), den Ausstellungskubus »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« besuchte.

Der Würfel zeigt unter anderem kurze, filmische Porträts von Jüdinnen und Juden in Deutschland und ist Teil der EinheitsEXPO in Halle, einer Art Freiluft-Ausstellung, bei der sich Bundesländer und Verfassungsorgane, aber eben auch Teile der Zivilgesellschaft präsentieren.

Josef Schuster und Reiner Haseloff hatten sich kurz zuvor auf dem Hallenser Marktplatz getroffen und waren gemeinsam durch die Stadt zum Kubus spaziert. Begleitet wurden sie vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, und den Antisemitismusbeauftragten des Bundes und des Landes Sachsen-Anhalt, Felix Klein und Wolfgang Schneiß.

Sichtbarkeit Schuster sagte, der Würfel sei eine gute Möglichkeit, jüdisches Leben in Deutschland sichtbar zu machen: »Ich finde ihn sehr gut gemacht. Er bringt jüdisches Leben als natürlichen Bestandteil des Landes gut herüber«, sagte Schuster. Und mit der Sichtbarkeit komme Normalität. »Gerade mit diesem Festjahr, wo jüdische Themen, jüdische Gemeinden, jüdisches Gemeindeleben quer durch Deutschland in die Öffentlichkeit getragen werden – und zwar jenseits und unabhängig vom Thema Holocaust und Schoa –, wird schon dem einen oder anderen vielleicht klarer werden, dass jüdisches Leben nicht nur etwas ist, das von 1933 bis 1945 zum Thema wurde, sondern viele Jahrhunderte davor fester Bestandteil in diesem Land war – nicht ohne Brüche.«

Ministerpräsident Haseloff freute sich, dass der Kubus so gut angenommen wird.

Ministerpräsident Haseloff freute sich, dass der Kubus so gut angenommen wird. »Das ist für mich auch ein positives Zeichen, es ist immer Leben hier ringsherum.« So könnten sich die Menschen über die Vielfalt jüdischen Lebens informieren. »Wir können froh sein, dass das unter uns alles so stattfindet, dass wir gemeinsam, plural unterwegs sind. Dass das nicht selbstverständlich ist, das haben wir hier in Sachsen-Anhalt erlebt«, sagte Haseloff mit Blick auf den Terroranschlag von Halle vor knapp zwei Jahren.

Deshalb werde es auch dieses Jahr eine gemeinsame Gedenkveranstaltung mit der Jüdischen Gemeinde geben, so der Ministerpräsident, »damit wir immer im Auge behalten, was die Konsequenz ist, wenn wir nicht aufpassen als Gesellschaft, und dass wir Verantwortung füreinander tragen«.

Zielkonflikt Ziel des Würfels – genau wie viele der Veranstaltungen zum Festjahr – ist es, das jüdische Leben als selbstverständlichen, als integralen Bestandteil der deutschen Gesellschaft sichtbar zu machen. Das betonte auch der Antisemitismusbeauftragter des Bundes. Felix Klein.

Doch wie viel Normalität ist möglich, wenn Sichtbarkeit oft genug zu Anfeindungen und Angriffen führt? »Das ist natürlich ein Zielkonflikt«, bekundete Klein. »Einerseits müssen wir die Sicherheit jüdischen Lebens gewährleisten, andererseits wollen wir Normalität haben. Ich glaube, es sollten die weichen Faktoren sein, die da eine Rolle spielen: Ausstellungen, Konzerte, Koch-Events, also die Dinge, die das Leben einfach schöner machen.«

Genauso wenig, wie man von »den Juden« sprechen könne, könne man von »den Hallensern« sprechen, sagte Josef Schuster.

Dieser zerbrechliche Normalzustand wird in Sachsen-Anhalt durch eine Ergänzung des Staatsvertrages abgesichert, die Max Privorozki als Vorsitzender des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr unterzeichnen konnte. Die sieht unter anderem eine wesentlich bessere Absicherung jüdischer Einrichtungen im Land vor.

staatsvertrag Privorozki sieht darin einen Beleg dafür, dass das Land Sachsen-Anhalt aus den Ereignissen des 9. Oktober 2019 gelernt habe – und hofft, dass der Staatsvertrag bundesweit Nachahmer findet. Seine Gemeinde solle jedoch auf keinen Fall nur auf den Anschlag reduziert werden: »Ich könnte ein ganzes Buch füllen mit den Dingen, die wir hier ganz unabhängig davon machen.«

Eine bemerkenswerte Begegnung am Rande fand an diesem Tag vor dem Treffen mit dem Ministerpräsidenten statt. Als Josef Schuster auf dem Marktplatz auf Haseloff wartete, sprach ihn eine Passantin an. Die ältere Dame stellte sich als Hallenserin vor und dankte dem Zentralratspräsidenten dafür, dass er angesichts der schrecklichen Ereignisse vor zwei Jahren überhaupt bereit gewesen sei, in ihre Heimatstadt zu kommen.

Als Antwort verwies Schuster auf die Unterschiede, die es eben nicht nur unter Juden, sondern unter allen Menschen gebe: Genauso wenig, wie man von »den Juden« sprechen könne, sei es eben richtig, wenn von »den Hallensern« gesprochen werde.

Ehrenamt

Zeit für andere

Vereine, Institutionen und auch Gemeinden bauen auf sie: Menschen, die sich freiwillig für jüdisches Leben engagieren. Zwei Projekte werden nun ausgezeichnet

von Katrin Richter  27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  25.08.2026

München

Von Deutschland in die Welt

Eine Ausstellung widmet sich dem Wirken jüdischer Architekten, deren Karrieren von Verfolgung und Exil bestimmt waren. Ihre Bauten beeinflussten die Moderne maßgeblich

von Ellen Presser  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026