Geschichte

Letzte Ruhe für die Brüder Jaschkowitz

Gedenkstein auf dem Sophienfriedhof Foto: Verlag

Ein Totenbuch, ein evangelischer Friedhof, eine jüdische Familie, die Berliner Mauer – das sind die Zutaten für ein krimiartiges Sachbuch, das die Geschichte der Berliner Familie Jaschkowitz nachzeichnet. Nach der Wende wurde, Johannes Hildebrandt, Pfarrer der Sophiengemeinde, auf zwei Namen im Totenbuch aufmerksam: Im Dezember 1943 waren offenbar zwei Juden auf dem evangelischen Friedhof begraben worden.

Max und David Jaschkowitz waren durch ihre Zwangsnamen Israel kenntlich gemacht. Zwei Frauen der Familie, Clara und Margarete Jaschkowitz, waren ebenfalls am selben Tag auf dem Sophienfriedhof beerdigt worden. Als Todesursache wurde »verschüttet« angegeben. Die Familie Jaschkowitz, wohnhaft in der Rosenthaler Straße 19 in Berlin-Mitte war am 23. November 1943 Opfer eines Bombenangriffs geworden, bei dem das Haus in Schutt und Asche gelegt worden war.

Volkeszählung Aber wie konnten noch 1943 zwei Juden in der Rosenthaler Straße gemeldet sein? Wie konnten sie auf einem evangelischen Friedhof beerdigt werden? Mit detektivischer Akribie begaben sich die Historiker Christian Dirks, Axel Klausmeier und Gerhard Sälter auf Spurensuche. Standesamtliche Urkunden und Unterlagen der Volkszählung von 1939 halfen, die Familienverhältnisse zu entschlüsseln.

Die Familie Jaschkowitz stammte aus Kempen in der Provinz Posen. Ein Zweig der Familie kam Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin. Es war eine orthodoxe jüdische Familie, die innerhalb einer Generation einen großen Wandel durchlebte: So ging Max Jaschkowitz, geboren 1873, eine Ehe mit einer evangelischen Frau ein, Clara. David, geboren 1897, war vermutlich der Sohn von Max aus einer ersten Ehe mit einer jüdischen Frau.

Er heiratete ebenfalls eine evangelische Frau, Emma, die früh verstarb. Ihre gemeinsame Tochter Margarete wurde evangelisch getauft. Somit lebten nach der NS-Terminologie Vater Max und Sohn David Jaschkowitz in einer sogenannten Mischehe und Tochter Margarete galt als »Mischling ersten Grades«. Die Ehe Davids war deshalb eine »privilegierte Mischehe«.

Luftschutzkeller Wie die Lage der Familie Jaschkowitz in ihrem Wohnhaus und im Luftschutzkeller war, können die Autoren nur vermuten. Sicher ist, dass getrennte Luftschutzkeller für Juden und Nichtjuden vorgeschrieben waren. Im Falle des Bombenangriffs vom 23. November 1943 hätte es auf jeden Fall für die Bewohner der Rosenthaler Straße 19 keinen Unterschied gemacht: Über 30 Personen starben, das Haus wurde vollkommen zerstört.

Nach den Unterlagen der Sophiengemeinde waren Max und David Jaschkowitz die einzigen Juden, die zwischen 1943 und der Befreiung auf dem Sophienfriedhof begraben wurden. Am 13. August 1961 wurde der Sophienfriedhof in den Mauerbau mit einbezogen. Nach der Wende 1989 wurde der ehemalige Grenzstreifen Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer. Auch die jüdischen Gräber von Max und David Jaschkowitz wurden als solche kenntlich gemacht.

Christian Dirks, Axel Klausmeier, Gerhard Sälter: Verschüttet. Leben, Bombentod und Erinnerung an die Berliner Familie Jaschkowitz, Hentrich & Hentrich, Berlin 2011, 88 S., 8,90 €

Chemnitz

Gestohlener Davidstern sichergestellt

Unbekannte hatten laut Polizei in der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkortes eine Schautafel beschädigt und den Davidstern mitgenommen

 28.09.2026

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Düsseldorf

Attacke auf Juden wird Thema im Landtag NRW

Nach dem antisemitischen Angriff auf einen Juden am vergangenen Dienstag sucht die Polizei weiter nach den Tätern. Nun soll Innenminister Reul (CDU) im Innenausschuss Auskunft geben

 28.09.2026

Architektur

Von Brandenburg nach Haifa

In Finow wird ein historisches Kupfer-Haus restauriert. Einst von Walter Gropius modernisiert, zogen die mobilen, industriell gefertigten Bauten mit ihren Eigentümern bis nach Palästina

von Mark Feldon  27.09.2026

Literatur

Wenn Fiktion zur Geschichtsschreibung wird

Der israelische Bestsellerautor Dror Mishani stellte im Gespräch mit Richard C. Schneider seinen neuen Roman »Nicht« vor

von Nora Niemann  27.09.2026

München

»Ihr Licht ist nicht verloschen«

Die Frauen-Mikwe der Gemeinde trägt seit Kurzem den Namen von Rebbetzin Shoshana Brodman

von Luis Gruhler  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismus-Leugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

von Katrin Richter  24.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026