Berlin

Kabbala und Liebe

Überall freundliche, freudige Menschen. Teils von weither sind fast 1.000 Kabbalisten aus 49 Ländern zum internationalen Kabbala-Kongress im »Kosmos« in Berlin-Friedrichshain angereist, dabei 50 Kinder. Die meisten aus Israel, Deutschland und den ehemaligen Sowjetstaaten, auch Italiener, Franzosen und Spanier sind stark vertreten, einzelne Teilnehmer kommen sogar aus Kanada, Zaire oder Chile. Sie wollen sich drei Tage lang in Workshops mit Texten der alten mystischen Lehre beschäftigen. Und Michael Laitman lauschen.

Der in feinen Zwirn gekleidete Gründer und Leiter des »Bnei Baruch Institutes« ist omnipräsent, der Büchertisch biegt sich unter seinen in viele Sprachen übersetzten Texten. Beim Reden über den »Raw« bekommen alle glänzende Augen. Laitman ist allerdings kein Rabbiner, sondern gelernter Ingenieur. Er bezeichnet sich selbst als Kybernetiker und Philosoph. Der gebürtige Weißrusse wanderte 28-jährig nach Israel aus. Jetzt ist er 63, und von ungeheurer Energie. Dreimal täglich hält der Raw im Kongresssaal »Unterricht«, je anderthalb Stunden, auf Russisch. Alles wird in sechs Sprachen übersetzt und multimedial ins Internet übertragen. Zwischendurch gibt Laitmann Interviews, bis tief in die Nacht arbeitet er und kommuniziert mit seiner weltweiten Anhängerschar.

Kraft Vor dem Unterricht sitzen die Teilnehmer in Kreisen zusammen und sprechen über kabbalistische Texte. Oft fassen sie sich an den Schultern, um ihre Energien zusammenfließen zu lassen. »Es gibt aber keine Rituale«, sagt Eduard, 35, aus Wien. Schon als Schüler wollte er alles wissen, fühlte sich aber bald »leer«. Wer wir sind, was wir sind – weder in herkömmlichen Wissenschaften noch in der Philosophie fand er Antworten. In der Kabbala sieht er die »verbindende Kraft, Hass und Egoismus zu korrigieren« und sich »dem Schöpfer anzunähern«. Erst betrieb Eduard in Wien Internetcafés, dann eine Schönheitsklinik. Jetzt ist er mit seiner Frau und einem der drei Kinder beim Kongress. »Der Raw gibt kein Wort von sich selbst dazu«, sagt Eduard, »er übersetzt nur die Lehre von Baruch Aschlag in die heutige Zeit«. Bei Rabbiner Baruch hatte Laitmann studiert und nennt seine Gemeinde entsprechend »Bnei Baruch«, Söhne Baruchs.

Hass, Egoismus, darum kreist die Lehre. Zwar im Menschen begründet, führten sie aber zu Katastrophen. Denn die übrige Natur strebe nach Harmonie, sagt der Meister. Der Mensch unterscheide sich nicht vom Tier, wenn er sich seiner »Absichten« nicht bewusst werde. Es gehe darum, den Egoismus zwar auszukosten, aber ihn mit den anderen Menschen zusammenzuführen. Ein volles Programm, immerhin sind dabei 125 Stufen zu überwinden, von denen man keine auslassen darf. Mit Kabbala gehe es aber schneller.

Unkomplizierter sieht das Christian, 45, aus der Steiermark. Ehemals Sportler, sitzt er im Rollstuhl, den Krebs hatte er auch schon zu bekämpfen. Von Religion und Esoterik hält er nicht viel: »Die wollen nur was von mir. Gott will dauernd, dass du dich änderst.« Die Kabbala, auf die er per Mail aufmerksam wurde, helfe ihm indes, »weder Sklave meines Egos noch von meinem Schöpfer zu sein, einen mittleren Weg zu finden«. Er weiß jetzt,»warum ich lebe und aufstehe« und will die Liebe »nicht mehr auf Kosten anderer erreichen«.

Leben »Du wirst Gott ähnlich«, meint Smadar, Friseurin aus Tel Aviv. Vier Kinder, Zoff mit dem Ehemann – da erfuhr sie von der Kabbala. Die hat ihr »Herz geöffnet«, ihr Verhalten, ihre Ausstrahlung geändert, und das brachte die Familie in Ordnung. »Mein Mann und ich haben die Betten wieder zusammengestellt.« Außerdem »macht Kabbala weniger religiös«, sagt die 35-Jährige.

Aris Peralta, 28, Designerin aus Venezuela, hat in Berlin zum ersten Mal Schnee gesehen. Sie hat Buttons und T-Shirts mit dem Lebensbaum-Symbol der »Bnei Baruch« entworfen. Sie kann es täglich »nicht abwarten, mich mit der Kabbala zu beschäftigen«.

Frauen Knapp die Hälfte der Teilnehmer sind Frauen. Beim »women round table« erzählt die Managerin des Tel Aviver Kabbalah Center – dort gibt es über 100 bezahlte Kräfte, in der übrigen Welt läuft alles ehrenamtlich –, wie ihr der Raw Mut gemacht hat, gegen die Männer zu bestehen. »Wir müssen den Männern helfen«, sagt sie selbstbewusst, denn: »Männer wollen immer schlafen, wir Frauen wecken sie auf.«

Christiane lebt in London, ist 67 Jahre und kommt aus einem evangelischen Elternhaus. Seit zehn Jahren bestimmt die Kabbala ihr Leben, sie reist zu Kongressen, übersetzt Laitmanns Schriften. Wenn sie Geld braucht, gibt sie »bioenergetische Kurse« und verkauft Magnetschmuck. Anfangs lernte sie bei einem anderen Baruch-Schüler, Philip Berg, dem Guru einiger prominenter Amerikaner wie Madonna. Sie habe bei Berg »viele Armbänder gekauft«, sagt Christiane, war aber letztlich unzufrieden. Beim Raw ist sie glücklich: »Laitmann fragt nicht nach Geld«.

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