Frankfurt/Main

Juden, Türken, Offenbacher

Ulla Kux (l.) und Norbert Hinterleitner im Workshop Foto: Rafael Herlich

Es passiert nicht oft, dass ein glühender Fußballfan sein Lieblingsthema ausgerechnet mit einer Sportignorantin diskutiert. Und ein angeregtes Gespräch zwischen einem Eintracht-Frankfurt-Fan und einem Anhänger der Kickers Offenbach ist etwa so wahrscheinlich wie ein Sieg des SC Paderborn in der Champions League. Doch mitunter passieren ungewöhnliche Dinge – zumindest dann, wenn die Diskutanten ein ganz anderes Thema eint und der Fußball nur Mittel zum Zweck ist.

In diesem Fall ist es die pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus. Ein Sport wie Fußball, der im Idealfall Jung und Alt, Rechts und Links, Schwarz und Weiß in einer gemeinsamen Leidenschaft verbindet, birgt Potenziale auch für die Bildungsarbeit. Wie diese genutzt werden können,
diskutierten Fachleute aus Praxis und Wissenschaft Anfang Mai auf einer Tagung über Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft, zu der unter anderem die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« und das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin
nach Frankfurt/Main eingeladen hatten.

Zielgruppe Im Fokus stand dabei die Erkenntnis, dass Antisemitismus kein Randgruppen- oder Minderheitenphänomen ist, sondern herkunfts- und schichtenübergreifend funktioniert. Lehrer, Pädagogen, Sozialarbeiter und Forscher stritten darüber, wie Bildungskonzepte gestrickt sein müssen, damit sie ihre Zielgruppe auch erreichen.

Für Stefanie Filke, die Leiterin eines Jugendzentrums in Wiesbaden, ist Fußball ein Anknüpfungspunkt par excellence, wenn sie mit ihren »türkischen Jungs« ins Gespräch über Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus kommen will: »Fußball ist ihr Lieblingsthema. Aber wir wollen nicht nur die Jugendlichen, sondern auch Vereine und deren Trainer erreichen«, so die Pädagogin. Denn Ressentiments gebe es nicht nur bei den Jungen: »Wir wissen, dass es sowohl auf dem Platz als auch am Spielfeldrand bei den Eltern abgeht.«

Auch Uffa Jensen, Historiker am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, der zur jüdischen Geschichte forscht, berichtete von antisemitischen, rassistischen und homophoben Äußerungen im Stadion und anderswo. Er erlebt jedoch auch immer wieder, dass man sich ihm gegenüber nur sehr vorsichtig äußert, sobald er sich als Wissenschaftler vorstellt, der über Antisemitismus forscht: »Wenn ich das sage, kann ich eine Stecknadel fallen hören. Dann rätselt mein Gegenüber, ob ich vielleicht jüdisch bin oder nicht.« Anschließend schweigt er dann lieber.

Turnerbewegung Um trotz dieser Mauern einen Zugang zur Alltagskultur von Jugendlichen zu finden, arbeitet Andreas Koch von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIGA) unter anderem mit Biografien jüdischer Fußballer, etwa dem 1892 geborenen deutschen Nationalspieler Julius Hirsch, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Außerdem gehe es um »den starren Nationalismus« in der Fußballgeschichte oder um Daten zur konservativ-völkischen Turnerbewegung.

Mit Fakten auf Vorteile und antisemitische Äußerungen reagieren – um diesen pädagogischen Ansatz ging es nicht nur im Fußball-Workshop der Tagung, sondern auch in anderen Vorträgen und Debatten. Doch selbst Pädagogen, die auf fast alle Fragen zum Nahostkonflikt oder zu antisemitischen Verschwörungstheorien eine Antwort parat haben, stoßen mitunter an ihre Grenzen. »Mit interkulturellem Training und grauer Theorie kommt man in der Praxis nicht weit«, bedauerte ein Teilnehmer. Eine Mitarbeiterin der Begegnungsstätte Anne Frank fand es schwierig, dass sie immer wieder auf Äußerungen von Jugendlichen zu reagieren hatte, dass »alle Juden reich« seien: »Plötzlich finde ich mich in der Rolle wieder, ein Stereotyp erklären zu müssen.«

Nimmt man dadurch Vorurteile ernster, als man sollte? Klärt man auf oder verleiht man ihnen im Gegenteil noch zusätzliche Bedeutung? Welche Äußerungen, die im Alltag en passant fallen, sind aufgeschnappte Ressentiments, und bei wem steckt ein ideologisches antisemitisches Weltbild dahinter? »Es bleibt eine Sisyphusarbeit«, resümierte Rosa Fava vom Jüdischen Museum in Berlin mit Blick auf die Bildungsarbeit vor Ort.

Auch für den Fußball-Workshop stand am Ende, dass »Dichtmachen« nicht gilt. Zumindest untereinander haben die Teilnehmer das spielend umgesetzt. »Ich spreche auch mit Offenbachern«, scherzte die Frankfurterin Sabena Donath vom Vorstand der Begegnungsstätte Anne Frank. Immerhin ein Anfang.

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

Jorge Steffen ist Germanist und engagiert sich für den Erhalt von Grabsteinen

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2026

Sachsen-Anhalt

Halle: Gemeindevorsitzender hat keine Angst vor AfD-Regierung

Max Privorozki kritisiert in einem aktuellen Interview das Geschichtsbild der AfD in Sachsen-Anhalt. Er wolle jedoch abwarten, »was die Partei tatsächlich umsetzen würde«

 20.09.2026

Kommentar

Die Schatten der Vergangenheit sind lang

Wie der Hessische Rundfunk über jüdische Grundstücke stolpert

von Daniel Neumann  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Staatsanwaltschaft geht von Judenhass aus

Der 37 Jahre alte mutmaßliche Täter soll aus antisemitischen Gründen gehandelt haben

 18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Sukkot

Fast zu Hause

Unsere Autorin flüchtete mit ihren Kindern 2022 aus der Ukraine. In Rottweil begann die kleine Familie ein neues Leben. Zum Laubhüttenfest blickt die Manikeurin auf ihr Ankommen zurück

von Olga Nemchenko  17.09.2026

Jubiläum

Jüdischer Landesverband Sachsen feiert 100-jährige Geschichte

Rund 20.000 Jüdinnen und Juden haben vor dem Zweiten Weltkrieg in Sachsen gelebt. Bereits vor 100 Jahren wurde eine jüdische Interessenvertretung gegründet

 16.09.2026

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026