Berlin

Israel auf 32 Tafeln

Motivation für das Konzept ist eine Diskursverschiebung – denn die antiisraelische Bewegung stellt heute die Legitimität Israels infrage. Foto: Uwe Steinert

Wenn wir in Berlin jährlich die Durchführung der Demonstration zum Al-Quds-Tag hinnehmen müssen, hängen wir wenigstens eine Israelfahne vor das Rathaus.» Mit diesen Worten eröffnete der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann, die Vernissage der Ausstellung 1948 im Charlottenburger Rathaus. «Die Ausstellung ist dringend notwendig, weil es gravierende Wissenslücken zur Staatsgründung Israels gibt», sagte der SPD-Politiker.

Der Verein «DEIN – Demokratie und Information» unter Vorsitz von Yehoshua Chmiel, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hatte die Wanderausstellung im vergangenen Jahr zum 70. Geburtstag des jüdischen Staates konzipiert, jetzt ist sie in Berlin und demnächst in zahlreichen weiteren Städten zu sehen.

Wanderausstellung Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Berlin und Brandenburg ist Unterstützer der Ausstellung in Berlin und zeigt in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg jeden Freitag den Film Hummus als Teil des Rahmenprogramms.

1948 zeigt auf 32 Tafeln die Vorgeschichte und Gründung des israelischen Staates

«Die Ausstellung würdigt die Anstrengungen und die Resilienz, mit der Juden ihren Traum vom eigenen Staat verwirklicht haben», betonte Felix Klein, Schirmherr sowie Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, bei der Eröffnung. Israelbezogener Antisemitismus sei die Form des Antisemitismus, die leider den geringsten Widerstand hervorrufe. «Ich hoffe, dass die Ausstellung der Dämonisierung entgegenwirkt und Zweifel an der Legitimität Israels ein für alle Mal ausräumt», so Klein weiter.

Korrektiv 1948 zeigt auf 32 Tafeln die Vorgeschichte und Gründung des israelischen Staates. Konzipiert ist die Schau als Antwort auf die umstrittene Nakba-Ausstellung des Vereins «Flüchtlingskinder im Libanon». Diese stellt die israelische Staatsgründung als Katastrophe dar und arbeitet mit groben Verdrehungen und Auslassungen.

«Aus der verzweifelten Verteidigung von 600.000 jüdischen Bewohnern gegen fünf arabische Invasionsarmeen wurde ein Überfall auf arabische Dörfer. Aus dem Erwerb menschenleerer Sümpfe und Wüsten wurde der Landraub blühender Felder», schreibt Yehoshua Chmiel im Vorwort zur Begleitbroschüre. «Die Ausstellung 1948 ist ein historisches Korrektiv.»

Die Ausstellung 1948 ist ein historisches Korrektiv.Yehoshua Chmiel

Zusammenfassen lässt sich die Haltung der Ausstellung mit einem Zitat des israe­lischen Politikwissenschaftlers Shlomo Avineri: «Nicht die Gründung des Staates Israel schuf das Flüchtlingsproblem, sondern der Krieg der Araber gegen die Gründung des jüdischen Staates. Hätten die Palästinenser und die arabischen Staaten den Teilungsbeschluss der Vereinten Natio­nen akzeptiert, wäre Palästina schon seit 1948 ein unabhängiger Staat, und das Problem der Flüchtlinge hätte nie existiert.»

MOTIVATION Der Historiker und DEIN-Projektleiter Oren Osterer nennt als eine Motivation für die Ausstellung eine Diskursverschiebung: Sei es in Israel-Diskussionen lange um den Sechstagekrieg und die «Grenzen von 1967» gegangen, würde es der antiisraelischen Bewegung heute oft gelingen, «den Diskurs auf 1948 und die Wurzeln zu verschieben».

«Die Ausstellung ist dringend notwendig, weil es gravierende Wissenslücken gibt.»

Intensiv beleuchtet die Schau die Vertreibung der Juden aus den arabischen Ländern und dem Iran sowie ihre Aufnahme und Integration in die israelische Gesellschaft. Sie beleuchtet die Rolle des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge, UNRWA, sowie die grundsätzliche, sicherheitspolitische und ökonomische Kritik an diesem. Sie thematisiert den Angriff der arabischen Staaten auf Israel unmittelbar nach der Staatsgründung, und sie widmet sich knapp den historischen Grundpfeilern des Zionismus. Zu all diesen Themen werden interessante und gut aufbereitete Informationen angeboten. Zahlreiche Mythen und Legenden werden entkräftet.

Flucht Die Ausstellung hat jedoch eine Schwäche. Nicht immer ist klar, woher die Informationen kommen. Wenn beispielsweise fünf Hauptgründe für die Massenflucht Hunderttausender Araber nach der Staatsgründung Israels genannt werden, die durch «differenzierte historische Analysen» sichtbar gemacht werden, «generelle Angst vor Kriegsgefahren, Aufrufe zur Flucht durch arabische Führer, Angstpropaganda, soziokulturelle Aversion, Rückkehr in die arabischen Heimatländer», wird nicht genannt, auf welche historischen Analysen sich die Ausstellungsmacher beziehen.

Auch an anderen Stellen fehlen Quellenangaben, die die Nachprüfbarkeit erschweren. Dennoch ist 1948 samt filmischem Begleitprogramm in jedem Fall eine sehenswerte Ausstellung – erst recht 71 Jahre nach der Staatsgründung Israels.

Die Ausstellung «1948» ist noch bis zum 31. Mai im Rathaus Charlottenburg, Otto-Suhr-Allee 100, zu sehen. Der Film «Hummus» läuft freitags um 18 Uhr.

Die Träger des Georg-Stefan-Troller-Preises 2026

Frankfurt am Main

Auszeichnung für Journalisten und Buchautoren

Der Georg-Stefan-Troller-Preis für die Berichterstattung über jüdisches Leben wurde erstmals verliehen. Mit Mascha Malburg und Joshua Schultheis sind auch zwei JA-Journalisten unter den Ausgezeichneten

 11.10.2026

Porträt der Woche

Verliebt in Berlin

Carolina Schomer ist Brasilianerin, kam für eine Auszeit – und fand eine zweite Heimat

von Alicia Rust  11.10.2026

7. Oktober

»Wir erinnern nicht schweigend«

Melody Sucharewitz über ihren Kampf gegen das Vergessen des 7. Oktober bei der Gedenkveranstaltung auf dem Bebelplatz in Berlin. Ihre Rede im Wortlaut

von Melody Sucharewicz  08.10.2026

9. Oktober 2019

Gedenken zum Jahrestag des Anschlags von Halle

Der antisemitische Anschlag von Halle jährt sich am Freitag zum siebenten Mal. Die jüdische Gemeinde, Kirchen, Stadt und zivilgesellschaftliche Gruppen planen Gedenkveranstaltungen auch an den Anschlagsorten

 08.10.2026

Frankfurt

Erst Rivalinnen, dann Freundinnen

Israelische Nachwuchsfußballerinnen aus sieben Jugenddörfern spielen gegen Makkabi

von Katja Sturm  08.10.2026

Münster

Rote Linien für die Roten

Bei einer Veranstaltung mit der Schoa-Überlebenden Eva Szepesi und Zentralratspräsident Josef Schuster verspricht Gregor Gysi, innerhalb der Linken klare Grenzen gegen Antisemitismus zu ziehen

von Stefan Laurin  08.10.2026

Tagung

Krisen der Gegenwart

Auf dem »Media TLV Summit« diskutierten Experten Fragen von Technologie und Krieg, Extremismus und Antisemitismus sowie die Rolle der Medien

von Luis Gruhler  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026