Freiburg

Informieren statt gedenken?

Der Brunnen zeichnet die Umrisse der einstigen Freiburger Synagoge nach, die in den Morgenstunden des 10. November 1938 angezündet wurde. Foto: imago/Thomas Meyer

Die Stadt Freiburg im Breisgau will ein »Dokumentations- und Informationszentrum über den Nationalsozialismus in Freiburg« errichten. Eine entsprechende Beschlussvorlage wurde am 24. Juli mit großer Mehrheit im Stadtrat verabschiedet.

Im Beschlussantrag sind bereits viele Eckpunkte bestimmt. So sollen die finanziellen Mittel für dieses NS-Doku- und Infozentrum im Doppelhaushalt 2019/20 bereitgestellt werden. Außerdem will man zur Vorbereitung der weiteren Schritte bereits 2018 »außerplanmäßige Mittel in Höhe von 30.000 Euro zur Verfügung« stellen.

Die Verwaltung wird angewiesen, sich »mit allen relevanten Gruppen über Ausstellungskonzept und Einrichtungsplanung abzustimmen«, die bis Ende 2019 zum Beschluss vorgelegt werden sollen. Des Weiteren wurde die Verwaltung angewiesen, eine geeignete Immobilie im innerstädtischen Bereich zu suchen und die Organisationsform zu entwickeln.

Zeitzeugen Zur Begründung für diese Beschlussvorlage heißt es in der Drucksache G-18/159 des Bürgermeisteramts, dass Freiburg bislang eine zentrale Erinnerungs- und Gedenkstätte zum Nationalsozialismus fehle und es durch den zeitlichen Abstand immer schwieriger werde, »jungen Menschen den Nationalsozialismus und die Verbrechen der Zeit von 1933 bis 1945 nahezubringen«. »Bestand bisher immer noch die Möglichkeit, dem Auftrag der historischen Bildungsarbeit mittels Zeitzeugen nachzukommen«, heißt es weiter, »werden in Zukunft andere Wege zu beschreiten sein, da viele dieser Zeitzeugen nicht mehr leben.«

Die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg, Irina Katz, stimmt grundsätzlich einem Dokumentationszentrum zu. Man habe sich der normativen Kraft des Faktischen gebeugt und der Unterbringung der Fundamentsteine in der zukünftigen Gedenkstätte des NS-Dokuzentrums zugestimmt. »Natürlich wäre es viel besser, wenn die Gedenkstätte auf dem authentischen Ort, an dem die größte Katastrophe im jüdischen Leben Freiburgs geschah, errichtet würde«, sagte Katz der Jüdischen Allgemeinen.

»Nun hat die Stadt Freiburg unter der Leitung des ehemaligen Amtsinhabers Dieter Salomon diese Chance vertan.« Für den würdevollen Umgang mit dem Synagogenbrunnen schlage die Gemeinde vor, eine schützende Glaswand um das Becken zu ziehen, in welche die Namen der 351 ermordeten Freiburger Juden eingraviert würden.

»Schandbrunnen« François Blum, Sprecher der Nachkommen der Mitglieder der damaligen Israelitischen Gemeinde Freiburg, ist dennoch empört. In einem Brief an Oberbürgermeister Martin Horn spricht er von einem »Schandbrunnen«, als der das Mahnmal zumal in diesem heißen Sommer missbraucht werde. Das Tourismusbüro zeige, wie Freiburger das flache Wasserbecken, das die Umrisse der einstigen Synagoge nachzeichnet, für ein Fußbad, als Kühlung für Bier oder als Planschbecken für Kinder missbrauchten.

»Das Verhalten der Freiburger und Freiburgerinnen am Ort der alten zerstörten und ausgeraubten Synagoge, die unsere Vorfahren und Verwandten 1869 gebaut haben, bleibt unannehmbar«, schreibt Blum und zitiert aus Leserbriefen von Freiburger Bürgern, die das fehlende Verbot, das Mahnmal zu betreten, »als verheerendes Signal« der Erinnerungspolitik bezeichnen. »Sie verrät die Sache vollends an die Interessen der ach so ›liberalen‹ Spaßbürger«, heißt es in einer Zuschrift an die Badische Zeitung.

Blum setzt zwar immer noch auf das lange verabredete Treffen mit OB Horn am 27. August, doch viel Hoffnung, das Mahnmal als würdigen Ort des Gedenkens zu erhalten, sieht Blum nicht. Er appelliert dennoch an das Ehrgefühl der Stadt. »Ein NS-Dokumentationszentrum sehe ich sehr positiv«, betont Blum, »aber es ist absolut keine würdige Gedenkstätte.«

Dresden

Jüdisches Leben: Gefühl von Unsicherheit im Alltag

In Sachsen gestalten Jüdinnen und Juden das kulturelle und gesellschaftliche Leben entscheidend mit. Dennoch bleibt Antisemitismus ein präsentes Problem

 23.06.2026

Meinung

Essen mit Beigeschmack

Katrin Richter kritisiert, dass jüdische und israelische Küche zunehmend nur noch mit Schutzkonzept serviert werden kann

 23.06.2026

Berlin

Zusammen genießen

Zum fünften Mal fand das Koschere Streetfood-Festival statt – mit Geschmäckern von fast überall

von Katrin Richter  23.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bildung

»Die jüdische Sicht stärken«

Eduard Steinberg über den neu gegründeten Verband jüdischer Pädagogen, Ausbildung von Lehrern und Fakten statt Meinungen

von Katrin Richter  22.06.2026

Maccabi

Eine Feier für den jüdischen Sport

Der Verein lud zum traditionellen Sommerfest im Vereinsgelände an der Riemer Straße

von Luis Gruhler  21.06.2026

München

Ganz im Vertrauen

Seit rund sechs Wochen ist Dominik Krause als Oberbürgermeister im Amt. Nun traf er sich mit Vertretern des Vorstandes der IKG zum Gespräch

von Luis Gruhler  21.06.2026

Porträt der Woche

Flucht und Farben

Alexander Glinkin ist Maler. Im Frühjahr 2022 verließ er Kyjiw und lebt heute in Berlin

von Matthias Messmer  21.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026