Sachsen

Im Geiste der Aufklärung

Keine Angst – er sei Mediziner und kein Germanist, sagt Josef Schuster vor ein paar Dutzend Schülern in der Aula des Lessing-Gymnasiums. Er wolle über Toleranz sprechen – aber: »Ihr müsst jetzt keine Sorge haben, dass ich die Ringparabel in allen Facetten interpretiere.«

Schuster gesteht, dass auch er sich als Jugendlicher nicht für Lessings Drama Nathan der Weise begeistern konnte. Doch seit Jahren beschäftige ihn das Thema Toleranz, »denn wir leben in einer Zeit, in der sie sich auf dem Rückzug befindet«.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, ist nach Döbeln gekommen, um in der Reihe »Prominenter Besuch« einen Vortrag zum 150. Gründungsjubiläum des Lessing-Gymnasiums zu halten.

Provinz Tief in der sächsischen Provinz, genau in der Mitte zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz, liegt der Ort, der sich zwar Große Kreisstadt nennt, mit seinen gerade einmal 21.000 Einwohnern jedoch eher eine Kleinstadt ist.

Im Vorfeld hatte Josef Schuster erklärt, er halte es »für besonders wichtig, gerade jetzt mit jungen Menschen in Sachsen ins Gespräch zu kommen«.

Herausgeputzte Gründerzeithäuser in Hellblau, Rosa und Ocker säumen den Obermarkt; ähnlich sieht es am Untermarkt aus sowie in den Straßen dazwischen. Ein kleiner Fluss, die Freiberger Mulde, schlängelt sich durch das Städtchen, und in der Umgebung erstrecken sich bewaldete Hügel und Felder – ein idyllischer Ort, wie es viele in Sachsen gibt. Wer nach Döbeln kommt, könnte meinen, hier sei die Welt in Ordnung.

Wenige Stunden, bevor sich Josef Schuster auf den Weg nach Döbeln machte, hatte er erklärt, er halte es »für besonders wichtig, gerade jetzt mit jungen Menschen in Sachsen ins Gespräch zu kommen«. Er denke »an die Aufmärsche der vergangenen Monate in Chemnitz und Plauen. Auch heute schwelen Judenhass und Rassismus in der Gesellschaft«. Es gebe »Bestrebungen, einen Schlussstrich unter die NS-Zeit zu ziehen, Rechtsextreme sitzen in Gemeinderäten«.

Parlament In Döbeln war die NPD bisher mit einem Sitz im Kommunalparlament vertreten. Zwar flog sie bei den jüngsten Wahlen im Mai hinaus, doch dafür kam die AfD auf rund 21 Prozent der Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft.

In Döbeln ist die AfD die zweitstärkste Kraft im Stadtrat.

All das wissen die jungen Menschen, die an diesem heißen Nachmittag in der Aula des Lessing-Gymnasiums sitzen und Schusters Worten lauschen. Sie gehören wohl nicht zu jenem Fünftel der Stadtbevölkerung, das AfD wählt. Schulleiter Michael Höhme, der auch Geschichts- und Deutschlehrer ist, beschreibt seine Schüler als »proeuropäisch« und erzählt davon, wie sich etliche in der Flüchtlingsarbeit engagieren.

Dass sie der Zentralratspräsident vor der AfD warnt, »die Intoleranz zu ihrem Prinzip macht«, stößt bei den meisten Schülern in der Aula auf offene Ohren. Die meisten hören gespannt zu, einige nicken.

»Weder hier im Ort noch bundesweit dürfen wir die Einflussmöglichkeiten dieser Partei unterschätzen«, betont Schuster. »Sie beherrscht die Mittel der modernen Kommunikation ziemlich perfekt. Gerade in den sozialen Netzwerken verbreitet die AfD ihren Rassismus, ihre religiöse Intoleranz und ihre spalterische Hetze.« Dass viele Menschen nur sehr wenig über Islam und Judentum wissen, sich ungern mit dem Nationalsozialismus befassen, spiele der AfD in die Hände, diagnostiziert Schuster.

Lehrplan Als Schulleiter Michael Höhme vor mehr als 20 Jahren ans Lessing-Gymnasium kam, merkte auch er, dass sein Wissen über das Judentum recht bescheiden war. Doch er sagte sich, das könne kein Dauerzustand sein, und fing an zu lesen. Bald erzählte er seinen Kollegen davon. Und weil sie merkten, dass man mit den drei Doppelstunden, die der Lehrplan vorsieht, unmöglich die Ursachen für die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten erklären kann, richteten sie 1997 für die Oberstufe einen Wahlkurs »Judentum« ein. Der kommt bei den Schülern gut an, inzwischen nimmt rund ein Drittel daran teil.

Seit 1997 gibt es in der Oberstufe einen Wahlkurs »Judentum«.

Das Besondere an dem Kurs ist, dass ihn die Lehrer interdisziplinär angelegt haben, sodass er weit über Schoa, Antisemitismus und Nahostkonflikt hinausgeht. So beschäftigen sich die Schüler auch mit dem antiken Israel oder mit Sigmund Freud, Levi Strauss, Lise Meitner oder der Gründung der ersten Kibbuzim. Ihre Ergebnisse präsentieren sie im Internet unter www.judentum-projekt.de.

kultusminister Vor dieser Website könne er nur den Hut ziehen, lobt Schuster die Schüler und Lehrer in der Aula. »Was Sie mit ihrem Kurs leisten, ist außergewöhnlich. Sie setzen seit 20 Jahren um, was wir seit Kurzem mit der Kultusministerkonferenz anstreben: eine breite Vermittlung des Judentums, in all seinen Facetten.«

An die Lehrer gewandt, fügt Schuster hinzu: »Ihre Schüler werden die Zahl der Juden in Deutschland nicht auf mehrere Millionen schätzen.« Als sie das hören, müssen einige Jugendliche grinsen – so absurd erscheint ihnen diese Zahl. »Und sie werden auch nicht«, fährt Schuster fort, »die seltsame Unterscheidung zwischen Deutschen und Juden machen.«

Genau das ist dem Schulleiter wichtig. So habe er den Zentralratspräsidenten auch deshalb zum Schuljubiläum eingeladen, weil er ein Signal in die Döbelner Stadtgesellschaft senden wolle, sagt er. »Das Judentum gehört in Deutschland dazu.« Dies müsse man im Osten allerdings erst wieder vermitteln. »Es ist deshalb ein Wert für sich, wenn die Döbelner Lokalpresse morgen über den Besuch des Zentralratspräsidenten berichtet.«

Viele in Ostdeutschland wissen kaum etwas übers Judentum.

Viele in Ostdeutschland wissen kaum etwas übers Judentum. »Es war in der DDR lange kein Thema«, sagt Höhme, »es wurde tabuisiert.« Statt den Holocaust zu thematisieren, habe die DDR die anderen Opfergruppen hervorgehoben. Aber das beste Rezept gegen Antisemitismus sei Wissen. Davon gebe es in den neuen Bundesländern noch immer viel zu wenig, vor allem bei älteren Menschen.

Wirtschaftsraum »Etliche sind enttäuscht nach den vielen Veränderungen, die ihnen seit 1990 zugemutet wurden«, sagt Höhme. Döbelns Einwohnerzahl ist in den vergangenen 30 Jahren um ein Drittel gesunken, viele Betriebe gingen ein. »Die Menschen im ländlichen Raum haben das Gefühl, ein Stück weit abgehängt zu sein. Früher hielt der Schnellzug aus Berlin in Döbeln, heute fährt einmal in der Stunde eine Regionalbahn nach Leipzig und Chemnitz, und die Bahnstrecke nach Dresden ist stillgelegt.« Bei manchen schlägt sich der Frust darüber eben auch im Wahlverhalten nieder.

Doch Höhme verteidigt seinen Ort. Döbeln sei »eine normale Kleinstadt« – allerdings mit »den üblichen Problemen, die sächsische Städte haben«, kommentiert er das jüngste Wahlergebnis. Dann hält er inne, überlegt kurz, will nichts herunterspielen. Schließlich sagt er bedächtig: »Döbeln ist eine Stadt mit einer mutigen Bürgergesellschaft – die diesen Problemen etwas entgegensetzt.«

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