Porträt der Woche

»Ich mag keine Schubladen«

»Die Angst vor islamistischem Terror ist real – man sollte ohne Maulkorb diskutieren können«: Orit Arfa lebt in Berlin Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

»Ich mag keine Schubladen«

Orit Arfa ist Korrespondentin der Jerusalem Post und hat Donald Trump gewählt

von Jérôme Lombard  16.01.2017 18:04 Uhr

Schreiben ist meine große Leidenschaft. Beim Schreiben kann ich meinen Ideen freien Lauf lassen und ganz neue Welten entdecken. Ich schreibe, so viel ich kann und wo immer es nur geht – an meinem Schreibtisch in meiner kuscheligen Wohnung im Zentrum Berlins, im Café um die Ecke, einfach überall. In Berlin verspüre ich stets diese überaus kreative Atmosphäre. Ich liebe diese Stadt, die ich seit sieben Monaten meine Heimat nenne. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem ich in meiner jetzigen Lebensphase lieber wohnen würde.

Als Deutschlandkorrespondentin für die »Jerusalem Post« und das »Jewish Journal for Greater Los Angeles« schreibe ich über die jüdische Gemeinde, die deutsch-israelischen Beziehungen und die große israelische Expat-Community in Berlin. Ich schreibe in meiner Muttersprache Englisch, aber ich lerne seit einiger Zeit Deutsch mithilfe von Computerprogrammen und einem Tandem-Partner. Als freie Journalistin schreibe ich Texte, Artikel und Aufsätze über alle Themen, die mich interessieren oder die mir meine Redakteure auftragen.

siedler Momentan sitze ich an meinem zweiten Roman. Darin soll es um eine deutsch-israelische Liebesbeziehung gehen. Ich kenne persönlich einige deutsch-israelische Paare. Mit meinem Buch möchte ich dieses Stück gelebte Realität in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit rücken.

Im vergangenen Jahr habe ich meinen ersten Roman in den USA und Israel veröffentlicht. Er trägt den Titel The Settler. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Israelin, die in einer jüdischen Siedlung im Gazastreifen aufwächst und nach der Räumung im Jahr 2005 ihr Leben im israelischen Kernland neu ordnen muss. Sie hat gegen Stigmatisierungen zu kämpfen und muss nach dem Zusammenbruch ihrer bisherigen Welt eine neue Identität entwickeln.

Zu dem Buch habe ich zusammen mit einer Freundin und Musikproduzentin eine CD aufgenommen. Nach dem Schreiben sind wahrscheinlich das Singen und die Musik meine zweite große Leidenschaft.

kalifornien Geboren wurde ich im sonnigen Kalifornien, in Los Angeles. In welchem Jahr, werde ich nicht sagen. Mein Alter möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Es ist das einzige wirkliche Mysterium, das ich noch habe.

Ich entstamme der dritten Generation einer Familie von Schoa-Überlebenden. Meine Großeltern väterlicherseits kommen gebürtig aus Polen und haben den Zweiten Weltkrieg und die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt. Als sie nach 1945 auf der Durchreise in Deutschland waren, wurde mein Vater in einem Camp für sogenannte Displaced Persons in Hannover geboren. Mit ihm zusammen habe ich 2014 auch das erste Mal Deutschland besucht. Berlin haben wir uns damals auch angesehen. Doch erst bei meinem zweiten Besuch hat mich die Stadt mit ihrer Größe und Vielfältigkeit in ihren besonderen Bann gezogen. Mein Vater hat Germanistik studiert und sich immer sehr für die deutsche Kultur und Sprache interessiert. Ganz im Gegensatz zu meiner Mutter. Sie ist eine irakische Jüdin und hat mit Deutschland wenig am Hut.

Meine Eltern haben sich in Israel kennengelernt und leben seit vielen Jahren zusammen in Los Angeles. Nach meinem ersten College-Abschluss habe ich in Jerusalem meinen Master in Jüdischen Studien gemacht. Ein Großteil meiner Verwandten lebt in Israel – ich habe neben der amerikanischen auch die israelische Staatsbürgerschaft und besuche das Land regelmäßig.

politik Ich habe einige Zeit in Tel Aviv und Jerusalem gelebt. Ich denke, Israelis und Deutsche haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Beide haben mit ihren nationalen Identitäten zu kämpfen. Es gibt auch eine Menge soziokultureller Synergien.

Ich besuche gerne andere europäische Städte. Ich war schon in Madrid, London und Budapest. Es sind alles schöne, interessante Orte mit vielen Sehenswürdigkeiten und Kultur. Aber für eine längere Zeit wohnen möchte ich dort nicht. Genauso wenig, wie ich zurzeit gerne in den USA leben würde. Und das hat nichts mit dem zukünftigen Präsidenten Donald Trump zu tun.

Ich habe für Trump gestimmt, weil ich Hillary Clinton für eine korrupte Politikerin und schlechte Präsidentschaftskandidatin halte. Es war eine Protestwahl, da der Bundesstaat Kalifornien an sich eine Hochburg der Demokraten ist. Ich habe Trump gewählt, weil ich einige seiner im Wahlkampf geäußerten Positionen interessant finde und hoffe, dass er als politischer Neuling Amerika guttun wird. Mit Sicherheit sagen kann ich das natürlich nicht. Er spricht Dinge ohne Rücksicht auf politische Korrektheiten aus. Den Leuten gefällt das. Er entschuldigt sich nicht ständig und steht zu seinen Aussagen. Wir werden sehen, was er im Amt davon umsetzen wird.

liebesbrief Auch denke ich, dass Präsident Trump Israel mehr politisch unterstützen wird, als es eine Präsidentin Clinton getan hätte. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand Trump reflexartig als böse und schlecht abstempelt. Ein solches Schubladendenken finde ich nicht richtig. Deswegen halte ich es auch für grundlegend falsch, Menschen, die sich in Deutschland kritisch über Flüchtlinge äußern, pauschal als rechtsextrem zu diskreditieren.

Als ich im Spätsommer gerade zu einem Kurzbesuch in London war, habe ich Berlin so vermisst, dass ich einen offenen Liebesbrief an Deutschland geschrieben habe. Darin habe ich die Bundesrepublik direkt angesprochen. An die Deutschen habe ich appelliert, dass es in Ordnung ist, sich für ein so großartiges Land wie Deutschland einzusetzen und es vor Gefahren schützen zu wollen.

Natürlich weiß ich von dem besonderen Beigeschmack, den Nationalismus und Patriotismus hierzulande haben. Aber Deutschland hat sich intensiv mit seiner Geschichte auseinandergesetzt und ist heute integraler Bestandteil der freien westlichen Welt. Und steht deswegen auch im Fadenkreuz des internationalen islamistischen Terrors, dessen Bekämpfung ich für die entscheidende Aufgabe unserer Generation halte. Die Deutschen dürfen nicht ständig mit der Angst leben, Täter zu werden. Genauso wenig wie die Israelis nicht Politik machen dürfen mit der Furcht, wieder Opfer werden zu können.

freigeist Das jüdische Volk ist mit seinem Staat heute stärker denn je. Ich möchte mich als Jüdin in Berlin sicher fühlen und mich offen zu meiner Religion bekennen können. Wenn ich meinen Anhänger mit dem Davidstern trage, fühle ich mich damit in einigen Teilen von Neukölln und Kreuzberg nicht sicher. Die Angst vor antisemitischen Pöbeleien und Übergriffen ist in diesen Bezirken mit ihrem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil real. Diesen unhaltbaren Zustand muss man ohne Maulkorb diskutieren und kritisieren können.

Persönlich verstehe ich mich heute nicht als besonders religiös. Ich habe viele Phasen der Identität durchgemacht. Als Jugendliche in Los Angeles habe ich eine Zeit lang orthodox gelebt. In Tel Aviv wurde ich mehr und mehr säkular. Heute möchte ich mir keine Label mehr aufzwingen lassen. Labels sind wie Schubladen und schränken ein. Mein Judentum bedeutet für mich in erster Linie, mir selbst treu zu bleiben.

Wenn ich in die Synagoge gehen möchte, habe ich in Berlin eine gute Auswahl vor der Haustür. Viele Optionen zu haben, erachte ich ganz generell als Ausdruck von Lebensqualität. Ich bin ein Freigeist und liebe das Neue und Unbekannte. Ich bin gespannt, wohin mich mein weiterer Lebensweg verschlagen wird.

Der Journalismus und meine schriftstellerische Arbeit werden mich wohl immer begleiten. Im Leben gibt es selten wirkliche Sicherheiten. Dennoch kann ich zu 99 Prozent sicher sagen, dass ich Berlin in absehbarer Zukunft nicht den Rücken kehren werde.

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