Frankfurt

Heimspiel für Makkabi

Beim jüdischen Sportverein »TuS Makkabi Frankfurt« hängt der Haussegen schief. Doch wider Erwarten ist die Freude darüber groß. Der Frankfurter Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan, der zur feierlichen Eröffnung des neuen Makkabi-Campus im Frankfurter Norden gekommen ist, um dort die Mesusa anzubringen, erklärt, warum: Über die Frage, wie die kleine Schriftkapsel, die traditionell am Türrahmen angebracht wird und ein jüdisches Haus schützen soll, korrekt auszurichten ist, habe es im Mittelalter einen Streit zwischen zwei Rabbinern gegeben. Während der eine darauf bestanden habe, die Mesusa waagerecht anzubringen, habe der andere dafür argumentiert, sie senkrecht zu befestigen. Man sei schließlich zu einem Kompromiss gekommen, weswegen die Schriftkapsel mit Toraversen, dem Gebet »Schma Israel«, bis heute schräg am Türstock angebracht wird.

Auf diesen Moment haben die Mitglieder des jüdischen Sportvereins lange gewartet. Nach mehreren Jahrzehnten ohne sportliche Heimat bekommen sie endlich ein eigenes Trainingsgelände. Und was für eins! Auf dem 24.000 Quadratmeter großen Gelände finden sich gleich mehrere Fußballfelder, drei Padelplätze, ein Outdoor-Basketballfeld und ein Parkour-Areal.

Das dreistöckige Mehrzweckgebäude, dessen Fassade ganz in den Vereinsfarben Blau und Weiß gehalten wurde, umfasst eine Sporthalle, einen 300 Quadratmeter großen Multifunktionsraum, Umkleidekabinen und mehrere Kursräume. 21 Millionen Euro hat die Anlage gekostet – zur Hälfte von Spenden und dem Verein finanziert, die andere Hälfte hat die Stadt Frankfurt übernommen. Doch der neue Campus ist nicht nur ein modernes Sportzentrum. Mit dem Gelände an der Wilhelm-Eppstein-Straße setzen Makkabi und die Stadt Frankfurt vielmehr ein klares Zeichen für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens, für Zusammenhalt und für Vielfalt. Der Verein, der mittlerweile über 5500 Mitglieder aus
87 Nationen zählt, heißt alle willkommen. Ob jüdisch oder nicht, spielt keine Rolle.

Sport ist Lebensschule

Schon seit der Gründung durch Wolfgang S. H. Meyer sel. A. im Jahr 1965 setzt der Verein auf die verbindende Kraft des Sports. Das betont auch sein Sohn Alon Meyer, der heutige Präsident von Makkabi Frankfurt: »Es war immer das Ziel meines Vaters, mithilfe des Sports mehr zu erreichen als nur körperliche Ertüchtigung. Es freut mich sehr, dass wir diesem Ziel heute einen Schritt nähergekommen sind. Und es macht mich stolz, dass wir trotz des grassierenden Antisemitismus steigende Mitgliederzahlen verzeichnen.«

Die Hoffnung auf das demokratische Potenzial des Sports teilen auch die zahlreichen Rednerinnen und Redner, die dem Verein während der offiziellen Eröffnungsfeierlichkeiten ihre Glückwünsche aussprechen. Allen voran betont der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) die Bedeutung des Vereins für ein solidarisches Miteinander. Hier spiele vor allem die Jugendarbeit des Vereins eine besondere Rolle: »Es ist einzigartig, dass muslimische Kinder, christliche Kinder, jüdische Kinder hier zusammenkommen, sich anschauen und sagen: ›Es ist mir egal, woran du glaubst oder woran deine Eltern glauben. Wir gemeinsam sind hier in diesem Verein, und ich unterstütze dich.‹«

»Es war immer das Ziel meines Vaters, mit Sport mehr zu erreichen als nur Ertüchtigung.«

Die hessische Sportbeauftragte und Olympiasiegerin im Dressurreiten, Ann Kathrin Linsenhoff (CDU), weiß, wovon sie spricht, wenn sie in ihrer Rede die gesellschaftliche Bedeutung der Vereinsarbeit hervorhebt: »Kein Erfolg beginnt auf der großen Bühne. Er beginnt im Verein. Dort, wo man lernt, dranzubleiben, sich anzustrengen und immer wieder aufzustehen. Sport ist Lebensschule, und gerade in unserer heutigen Welt sind die Werte des Sports wichtiger denn je.« Für eine demokratische Gesellschaft seien das Vereinsleben und der Breitensport unverzichtbar: »Beim Sport im Verein lernen wir jeden Tag, wie Freiheit und Regeln, Leistung und Rücksicht, Unterschiedlichkeit und gemeinsames Ziel zusammengehören.«

Ähnliche Töne schlägt auch Rabbiner Soussan an, wenn er abseits der Eröffnungsfeierlichkeiten noch einmal die jüdische Identität des Vereins ins Gedächtnis ruft. Das Judentum sei idealerweise ein Vorbild in Moral und Ethik und mache darin auch keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. »An Orten wie dem Makkabi-Campus kommen Menschen zusammen, bauen Vorurteile ab und begegnen sich auf einer zwischenmenschlichen Ebene.«

Der gemeinsame Sport stärke nicht nur das Selbstbewusstsein des Einzelnen. Er ebne vielmehr den Weg für ein anderes Miteinander: »Ich glaube, wir als Gesellschaft sind das größtmögliche Team. Wenn wir lernen, die Werte des jeweils anderen als Bereicherung zu schätzen und uns dadurch ergänzen, dann entsteht etwas, das viel größer ist als jeder Einzelne.«

Als der offizielle Teil unter Applaus zu Ende geht, hat sich vor den Türen des Campus schon eine lange Schlange gebildet. Besonders die jüngeren Besucher können es kaum erwarten, die neue Anlage auszuprobieren, und im Handumdrehen herrscht ein geschäftiges Treiben auf dem Gelände am Fuß des Frankfurter Fernsehturms. Neben blau-weißen Fanartikeln gibt es alles, was zu einer gelungenen Eröffnung dazugehört: Bratwürste, eine Live-Band und am späten Nachmittag ein Fußballspiel, bei dem die Legenden des Vereins gegeneinander antreten. Wie auf Bestellung stoppt sogar genau zum richtigen Zeitpunkt der Nieselregen.

Viel Überzeugungsarbeit und ein langer Atem

Max Baum, der den Bau von Anfang an als Projektleiter begleitet hat, wirkt erleichtert. In den elf Jahren, die es von den ersten Plänen bis zur Eröffnung gedauert habe, sei viel Überzeugungsarbeit und ein langer Atem nötig gewesen. Besonders hebt Baum die Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro »AS+P Albert Speer + Partner« hervor. Dem mittlerweile verstorbenen Gründer und Sohn des gleichnamigen Nazi-Architekten, Albert Speer jun., sei das Projekt besonders wichtig gewesen: »Er hat sich persönlich sehr dafür eingesetzt und sogar auf seinen Honoraranteil verzichtet. Es war ihm ein großes Anliegen, dass wir ihm ermöglichen, diese Anlage zu bauen.«

Währenddessen kommt Makkabi-Präsident Meyer überhaupt nicht mehr aus dem Händeschütteln heraus, so viele Freunde und Mitstreiter sind gekommen, um ihm ihre Glückwünsche auszusprechen. In einer ruhigen Minute lobt er noch einmal das Engagement und die Offenheit der Stadt Frankfurt, während er den Blick über das Treiben auf den nagelneuen Fußballplätzen streifen lässt: »Es freut uns sehr, dass wir mitten in der Stadt präsent sind und nicht irgendwo in der Peripherie. Das wäre in anderen Städten wahrscheinlich nicht möglich gewesen.«

»Es ist einzigartig, dass muslimische, christliche, jüdische Kinder hier zusammenkommen.«

Neben dem Sportlichen soll auch die Bildungsarbeit auf dem neuen Campus nicht vernachlässigt werden. Luis Engelhardt, Projektleiter des Präventionsprogramms »Zusammen1«, will zwar nicht die an diesem Tag häufig beschworene integrative Kraft des Sports in Abrede stellen, merkt aber an, dass man es sich hier nicht zu einfach machen dürfe. Es brauche vielmehr ein zielgerichtetes Bildungsangebot, um Sport und antisemitismuskritische Aufklärungsarbeit miteinander zu verbinden. »Dafür müssen aus der Politik und aus anderen Strukturen personelle und finanzielle Ressourcen sowie fachliches Know-how zur Verfügung gestellt werden.«

Immer wieder hört man an diesem Eröffnungstag von den Verantwortlichen, dass die Einweihung zwar geglückt sei, dass die große Aufgabe jetzt aber darin bestehe, den neuen Campus in einen lebendigen Ort zu verwandeln. Wer an diesem Sonntagnachmittag über das Gelände spaziert und das bunte Treiben beobachtet, gewinnt jedoch den Eindruck, dass auch dieser Schritt bereits geglückt ist. Makkabi lebt – das steht außer Frage.

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