Eifel

Haus mit Vergangenheit

Das ehemalige Kaufhaus Samuel Foto: Jochen Zenthöfer

Eifel

Haus mit Vergangenheit

Im Dorf Eisenschmitt besaßen die Samuels einst einen Krämerladen – heute erinnert nichts mehr an die jüdische Familie

von Jochen Zenthöfer  15.01.2018 16:12 Uhr

Das Haus befindet sich mitten im 300-Seelen-Eifeldorf Eisenschmitt. In der Manderscheider Straße 2 befand sich einmal der Krämerladen der jüdischen Familie Samuel. Inserate aus dem »Wittlicher Tageblatt« von 1925 vermitteln eine Vorstellung vom Warenangebot des »Kaufhauses Samuel«. Es handelte mit Lebensmitteln, Porzellan, Schuhen und Kleidung. »Hier konnten sich die Bewohner des Dorfes mit allem versorgen, was sie täglich brauchten«, schreibt Maria Wein-Mehs in ihrer Chronik Juden in Wittlich (1808–1942).

Die Samuels waren beliebt und anerkannt. In der Pogromnacht von 1938 wurden jedoch alle Innenräume des Geschäftes verwüstet, Fensterscheiben eingeschlagen, das Klavier mit der Spitzhacke bearbeitet, Simon Samuel und seine Frau drangsaliert. Simon Samuel sah sich gezwungen, sein Anwesen zu veräußern. Er starb am 26. November 1940 in Berlin. Die älteste Tochter, Theresa Samuel, war zuvor Opfer der NS-Euthanasie-Programms geworden.

Kriegerdenkmal Wenn man heute durch Eisenschmitt geht, erinnert nichts an die Juden, die hier gelebt haben. Es gibt jedoch ein Kriegerdenkmal zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs (an der Kirche) und des Zweiten Weltkriegs (auf dem Friedhof), jeweils mit den Namen der Toten. Juden, so scheint es, hat es in diesem Ort nie gegeben, nicht eine kleine Gedenkplakette erinnert an die früheren Eigentümer des Hauses.

Das Anwesen beherbergt heute das »Clara-Viebig-Zentrum«. Die Schriftstellerin lebte von 1860 bis 1952; ihr Mann, Fritz Cohn, war Jude. Er starb 1936. Der Ort Eisenschmitt diente Viebig als Vorlage für ihren Roman Das Weiberdorf. Darin erzählt sie, wie die Männer des Dorfes »Eifelschmitt« zu Gastarbeitern im Ruhrgebiet werden und die Frauen allein zurückbleiben, um dann alle Arbeiten nicht nur im Haus, sondern auch – damals eine Provokation – auf dem Feld zu erledigen. Im konservativen Eisenschmitt kam das Buch nicht gut an: Berichtet wird, dass Viebig ein Ortsverbot erhielt. Heute schmückt sich der Ort mit der Autorin und hat ihr ein »Zentrum« errichtet – im Hause der Samuels.

Zeitzeugen Bürgermeister Georg Fritzsche betont, dass er die Geschichte des Hauses »bei jeder Besucherführung und jedem Gruppenbesuch« erwähne. »Allerdings kann ich keine Einzelheiten dazu mitteilen, weil mir diese auch nicht bekannt sind. Ich weiß nur von Zeitzeugen, die aber auch inzwischen verstorben sind, was früher im Haus war, und dass die Leute wohl sehr froh mit Samuels waren.«

Allerdings war Bürgermeister Fritzsche im Jahr 2006 Mitherausgeber einer Dorfchronik, in der die Geschichte der Familie Samuel von dem Historiker Stefan Roos genau beschrieben wird. Und bei Wein-Mehs ist zu lesen, dass der Käufer des Anwesens – im Rahmen der Arisierung – der Kokosweber August Schär war. Schär ist der Großvater des heutigen Bürgermeisters Fritzsche.

Zwangsverkauf Das jüdische Ehepaar Samuel erhielt aus dem Verkauf seines Haus- und Landbesitzes lediglich einen Betrag von 3800 Reichsmark. Der Rest wurde an Grundpfandgläubiger verteilt, auch ein Makler musste aus dem Kaufpreis bezahlt werden. Das ergeben Akten, die das Wittlicher Grundbuchamt Ende 2017 zur Verfügung stellen konnte.

Nachdem das Haus in der Nachkriegszeit durch verschiedene Hände ging, wurde es vor mehr als 15 Jahren von der Gemeinde übernommen, die es vor dem Verfall rettete. Clara Viebig freilich lebte nie in Eisenschmitt und ist dort auch nicht begraben. Sie eignet sich für Marketing und Fremdenverkehr, vergessen bleiben dagegen die Familie Samuel und die jüdische Geschichte des Hauses.

Weder die Webseite des Zentrums noch die Geschichtschronik der Gemeinde verweisen auf das frühere jüdische Leben. An der Außenwand des Hauses an der Manderscheider Straße 2 befinden sich heute zahlreiche Erklärungstafeln. Auf keiner davon ist die Familie Samuel erwähnt. Als hätte es sie nie gegeben.

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026

Worms

Ein Turm in der Erde

Seit ein paar Wochen können Besucher wieder die Mikwe besichtigen. Ein Ort mit einer langen Geschichte. Doch der Klimawandel hinterlässt seine Spuren

von Mascha Malburg  28.07.2026