Identität

Hannah, Sarah, Ben, Elias

Esthers Mann hat rote Haare. »Als ich schwanger war, haben unsere Freunde alle darauf gewettet, dass unser Kind auch rothaarig sein wird. Da kam, falls es ein Junge würde, nur ein Name in Frage: David, weil König David rote Haare hatte.« Esthers Sohn hat übrigens dunkelblonde Haare. Wie gut, dass er noch einen zweiten Namen bekommen hatte: Israel, nach seinem Urgroßvater und nach Israel David Goodkind, einer Figur aus dem Lieblingsbuch seiner Mutter, Inside Outside (auf Deutsch: Der Enkel des Rabbi), einem Roman von Herman Wouk.

Auch die neunjährige Anne trägt in ihrem Namen die Erinnerung an ihre Vorfahren. So heißt sie mit zweitem Namen Zoe, eine feminine Aneignung von Szoel, dem Namen ihres früh verstorbenen Großvaters. Fejga, so ihr dritter Name, geht auf ihre Urgroßmutter zurück.

Hoffnungsträger Namen sind also keineswegs Schall und Rauch. Sie sind vielmehr – so formuliert es der Historiker Michael Wolffsohn – »ein Signal vom Inneren der Eltern nach außen«, ein beredter Ausdruck von deren Wünschen und Hoffnungen für das Leben ihres Kindes und auch ein Indikator dafür, wie und wo sie sich selbst innerhalb der Gesellschaft sehen oder gerne sehen würden.

Wolffsohn, der bis 2012 an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte lehrte, ist deshalb überzeugt, dass sich anhand von Vornamen die »Identifizierungen, Identitäten und Mentalitäten« der namensgebenden Eltern näher bestimmen lassen. In dem Buch Deutschland, jüdisch Heimatland (2008) hat er daher, zusammen mit seinem Kollegen Thomas Brechenmacher, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, die Namenswahl bei deutsch-jüdischen Familien in der Zeit zwischen 1860 und 1939 und von 1945 bis 1999 untersucht und statistisch ausgewertet.

Siegfried Das Ergebnis dieser Recherche bringt Erstaunliches zutage: So zeichnet sich während der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine deutliche Tendenz weg von erkennbar jüdischen Vornamen ab. Beliebt werden in dieser Zeit eher neutrale, universell gebräuchliche Namen wie Alexander, Rose, Anna, Max oder Henry, bis schließlich sogar immer häufiger germanische Namen wie Siegfried, Hermann, Bertha und Gertrud in den Gemeinderegistern auftauchen.

»Einer Rutschbahn gleich«, so beschreiben Wolffsohn und Brechenmacher diese Entwicklung, »führt die Linie für die jüdischen Vornamen seit 1860 nach unten, von etwa 17 Prozent im Jahr 1860 bis zum absoluten Tiefpunkt von nur noch fünf Prozent im Jahr 1926«. Darin sehen die beiden Historiker einen frappierenden Hinweis darauf, »wie durchschlagend der Prozess der Angleichung, der Akkulturation an die deutsche Leitkultur gewesen sein muss«.

Lea Ganz anders das Bild nach 1945. Findet sich bis 1939 in der Liste der bei jüdischen Familien beliebtesten zehn Vornamen für Mädchen kein einziger jüdischer Name, rangieren in der jüdischen Gemeinschaft in Nachkriegsdeutschland bis auf eine Ausnahme (»Natalie«) ausschließlich Namen wie Miriam, Esther, Lea, Sarah, Rachel und Rebekka ganz oben.

Ähnlich verhält es sich mit den Jungennamen: Nach 1945 findet sich unter den bevorzugten Namen kein Hermann, kein Alfred, kein Kurt und auch kein Hans mehr. Vielmehr nennt man die Neugeborenen jetzt am liebsten David, Daniel, Benjamin, Rafael und Samuel.

In den 80er-Jahren wählen mehr als 60 Prozent der jüdischen Eltern jüdische Vornamen für ihre Kinder aus. Darin erkennen die Autoren einen eindeutigen Beleg für »die Auferstehung des deutschen Judentums«, für eine neue Orientierung am Judentum und ein neu erwachtes Bekenntnis dazu.

Bei den Juden aus der ehemaligen Sowjetunion lässt sich ebenfalls ein interessantes Phänomen beobachten. So zeichnet sich dort während der 90er-Jahre ein regelrechter Boom jüdischer Vornamen ab, und zwar vor allem vor der Emigration der Familien nach Deutschland: Das kann als Zeichen der Befreiung gewertet werden, denn endlich schien man keine staatlichen Repressionen mehr befürchten zu müssen, wenn man sein Jüdischsein offen zeigte.

Top Ten Seit mehreren Jahren ist es anscheinend auch unter Nichtjuden in Deutschland schick geworden, den Nachwuchs auf einen jüdischen Namen zu taufen. In Kitagruppen und Schulklassen gibt es meist mehrere Davids, Benjamins, Miriams und Sarahs. Drei jüdische Vornamen haben es im vergangenen Jahr sogar unter die Top Ten der beliebtesten Vornamen geschafft. Nach Angaben der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Wiesbaden rangierten Ben und Elias 2012 auf den Plätzen fünf und acht bei den Jungen; Hannah konnte sich bei den Mädchen auf dem siebten Platz behaupten.

Eine irgendwie geartete religiöse oder politische Motivation lässt sich dahinter allerdings kaum vermuten. »Der Klang spielt eine weit größere Rolle als die Bedeutung«, erklärt vielmehr Frauke Rüdebusch, Sprecherin der Gesellschaft für Deutsche Sprache, auf Anfrage.

Chaim Und aktuell? Wolffsohns und Brechenmachers Untersuchung endet mit der Jahrtausendwende. Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben – die Recherche in den Simches, den freudigen Nachrichten über Brit Mila und Namensgebung im Archiv der Frankfurter Jüdischen Gemeindezeitung hat folgenden Trend offenbart: In den vergangenen fünf Jahren hat fast jedes Kind als Ruf- oder Zweitnamen einen hebräisch-israelischen Namen erhalten wie zum Beispiel Malka, Bracha, Aliyah, Yuval, Dow, Elinor, Arie und Chaim.

Diese Tendenz gab es schon einmal, vor allem unter nach Palästina ausgewanderten deutschen Juden: Damals manifestierte sich darin ein Bekenntnis zum Zionismus, heute ist es wohl eher Ausdruck der Verbundenheit mit Israel.

Auch Esther kann diesen Trend bestätigen: Vor fünf Jahren hat sie einen zweiten Sohn bekommen. »Damals war er der einzige Levi weit und breit. Ein Jahr später gab es plötzlich drei oder vier kleine Jungen in unserem Bekanntenkreis, die auch Levi gerufen wurden«, erzählt sie. Aber nicht alle heißen auch Mayer, wie ihr Sohn: »Das schien uns passend für einen Jungen aus Frankfurt, als Reminiszenz an Mayer Amschel Rothschild, der auch aus dieser Stadt stammte.« Nomen ist eben omen, auch bei Juden.

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