Mauergedenkstätte

Gräber im Grenzstreifen

Gedenkmarke für Max und David Jaschkowitz Foto: Marco Limberg

Am vergangenen Samstag, dem 13. August und 50. Jahrestag des Mauerbaus, haben Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, den zweiten und dritten Abschnitt der Gedenkstätte Berliner Mauer eröffnet. Zwischen einer langen Reihe von rostbraunen Stelen wird hier in einer eindrucksvollen Art und Weise Menschen gedacht, deren Leben nachhaltig durch die Berliner Mauer bestimmt wurde. Auf 140 in den Rasen eingelassenen Ereignismarken stehen Namen, die an gelungene und gescheiterte Fluchten, an Tod und Verhaftungen erinnern.

Auf diesem Geschichtsparcours ist auch eine Marke mit dem Namen Max und David Jaschkowitz zu entdecken. Sie erzählt eine etwas andere Historie. Eine bewegende Familiengeschichte nämlich, die im November 1943 in Berlin beginnt und gleichzeitig endet. Sie berichtet vom Überleben und Sterben einer Familie in Nazi-Deutschland, von jüdischen Gräbern auf einem evangelischen Friedhof, der später durch den Mauerbau zum Teil des »Todesstreifens« werden sollte, sowie am Ende von der deutschen Wiedervereinigung und dem Sichtbarwerden dieser Gräber.

Recherche Auf die Schliche gekommen ist alledem Christian Dirks in einer mühsamen Detektivarbeit. »Es war sicher die härteste Nuss, die ich bisher zu knacken hatte«, so umschreibt der Historiker seine aufwendige Jaschkowitz-Recherche gegenüber dieser Zeitung.

Ausgangspunkt der Spurensuche war eine Entdeckung des Pfarrers der evangelischen Sophiengemeinde in Berlin-Mitte, Johannes Hildebrandt, in den Totenbüchern des Friedhofs. Hinter den Vornamen von Max und David Jaschkowitz, bestattet im Dezember 1943, ist der Zwangsvorname »Israel« vermerkt.

Der Pfarrer schließt daraus, dass sich hier, direkt an der Bernauer Straße, jüdische Gräber befinden. Durch jahrelange Bemühungen Hildebrandts, in die sich der Zentralrat der Juden unterstützend einschaltet, erinnert man sich bei den Planungen zur Neugestaltung des Gedenkstättenareals wieder an diese Eintragungen.

Im Sommer 2010 beauftragen die Stiftung Berliner Mauer, der Zentralrat und das Centrum Judaicum Dirks Agentur »BERGZWO« mit der Recherchearbeit zur Familie Jaschkowitz. »Zwei Namen, ein Geburts- und ein Todesdatum, mehr hatte ich nicht«, beschreibt Dirks die dünne Informationslage zu Anfang. Was der Historiker fortan aus den Tiefen der vergessenen Familiengeschichte ans Tageslicht brachte, ist nun als Buch auf 88 Seiten in der Reihe »Jüdische Miniaturen« erschienen (vgl. Jüdische Allgemeine vom 28. Juli). Es liest sich ebenso spannend wie berührend.

Luftangriff Max Jaschkowitz war mit seiner Frau Clara, seinem Sohn David und seiner Enkelin Margarete Ende November 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin umgekommen. Das Haus in der Rosenthaler Straße 19 in Berlin-Mitte, in dem die jü-disch-evangelische Familie lebte, wurde in dieser Nacht komplett zerstört. Als am Abend des 23.

November 1943 die Sirenen einen Luftangriff ankündigten, saß noch ein anderer Teil der Familie, Max’ Tochter Herta mit ihrem Mann und ihrer Tochter Lieselotte, mit am Tisch. Herta bestand darauf aufzubrechen. Die anderen Familienmitglieder wollten noch bleiben.

ch Herta setzte sich durch und ging mit ihrer Familie in die nur wenige Hundert Meter entfernte Wohnung in der Kastanienallee im Bezirk Prenzlauer Berg. Dieser Entschluss rettete ihrer Familie das Leben. Die in der Rosenthaler Straße Lebenden kamen durch den Bombenangriff um.

Zeitgeschichte Dirks Recherchen ergaben, dass die beiden jüdischen Männer der Familie gemeinsam mit ihren evangelischen Frauen auf dem protestantischen Friedhof der Sophiengemeinde begraben wurden. »In Ausnahmefällen war das damals möglich«, so Dirks. Der Kirchhof grenzt unmittelbar an die Bernauer Straße. Nach dem Mauerbau im August 1961 befanden sich diese Gräber unterhalb des Eisernen Vorhangs.

Die Friedhofsmauer verwandelte sich, auf der Mauerkrone mit Glasscherben versehen, zur Grenzmauer. Die Gräber auf dem Todesstreifen zwischen Ost und West waren fortan nicht mehr öffentlich zugänglich. Sie stehen symbolisch für die deutsche Zeitgeschichte, die sich quasi schichtenweise und schwer an diesem Ort überlagert hatte. Jetzt werden die jüdischen Gräber auf dem Areal der Mauergedenkstätte in Form einer Gedenkmarke gewürdigt.

Dies ist jetzt – eher zufällig – auch den Nachkommen bekannt geworden. Enkelin Lieselotte, die den Bombenangriff überlebte, wanderte in den 50er-Jahren in die USA aus. Sie nannte sich dort Lee Fellow. Ihre Tochter Diane stieß vor einigen Wochen im Internet auf die Veröffentlichung in der Reihe »Jüdische Miniaturen«. Seit über 20 Jahren sucht sie nach ihren Familienmitgliedern.

Dass es möglich wäre, die Gräber zu finden, haben Diane und ihre Mutter Lee Fellow nicht im Entferntesten in Erwägung gezogen, auch nicht, als sie Mitte der 60er-Jahre Berlin besuchten. Lee Fellow ist vor wenigen Tagen verstorben. Von der Recherche in ihrer alten Heimatstadt und der Würdigung der Familie Jaschkowitz aber hat sie noch erfahren. Sie war, so schildert es ihre Tochter, überwältigt.

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026

Lesung

»Die ganze jüdische Welt war in Trauer«

Zum Gedenken an den 7. Oktober stellte Dafna Gerstner ihr Buch vor

von Luis Gruhler  18.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin gern mittendrin«

Sonja Fira Grinman mag Mädelsabende, ist Erzieherin und ein Familienmensch

von Annette Kanis  18.10.2026

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Sachsen-Anhalt

Drohungen gegen jüdische Studenten nach Aktion vor Synagoge

Eine Menschenkette hinderte den AfD-Politiker Tillschneider an der Teilnahme an einer Gedenkfeier in Halle. Das hat Folgen für die Studierenden

 16.10.2026

Frankfurt/ Main

Einst Provisorium, heute selbstbewusst

Zum 75. Jubiläum beleuchtet ein Almanach die Geschichte der jüdischen Gemeinde nach der Schoa, ihre inneren Konflikte und ihren Weg zu einem festen Platz in der Stadtgesellschaft

von Leon Stork  15.10.2026

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026