Porträt

Glücklich über die Befreiung

»Ich tue, was ich kann«: Yael Front (38) aus Berlin Foto: Stephan Pramme

Porträt

Glücklich über die Befreiung

Yael Front ist Dirigentin, Sängerin, Komponistin und engagierte sich für die Geiseln

von Alicia Rust  22.11.2025 22:46 Uhr

Bei uns zu Hause bestimmte die Musik einen Großteil unseres Familienlebens. Wir haben gemeinsam musiziert, noch bevor ich überhaupt sprechen konnte. Von uns Kindern bin ich die Älteste, meine Schwester ist zwei, mein Bruder sieben Jahre jünger. Unsere Familie war nicht groß, doch sie zeichnete sich durch einen engen Zusammenhalt aus.
Geboren wurde ich in Haifa, aufgewachsen bin ich in Beit Yitzhak-Sha’ar Hefer im Zentrum Israels. Meine Eltern sind leidenschaftliche Amateur-Musiker, meine Schwester und ich spielten Klavier, mein Bruder Klarinette, alle haben gesungen. In unserem Dorf gab es den international bekannten Moran Choir, der mit führenden Orchestern wie dem Israel Philharmonic Orchestra zusammenarbeitet.

Mit diesem Chor traten wir auf zahlreichen Festivals, Wettbewerben und Events auf, unsere Reisen führten uns durch die ganze Welt, neben den USA und Europa ging es sogar nach Taiwan. Dem Chor, dem ich mit acht Jahren beitrat und den ich erst mit Mitte 20 wieder verließ, habe ich eine besondere Kindheit und Jugend zu verdanken. Die Musik zu lesen und sie zu interpretieren, fiel mir leicht. In dieser Zeit sammelte ich auch meine ersten Erfahrungen im Komponieren von Stücken und machte erste Schritte als Dirigentin.

Die Musik zu lesen und sie zu interpretieren, fiel mir leicht

Meine Mutter ist von Hause aus Kinderärztin, mein Vater Ingenieur. Ursprünglich träumte meine Mutter davon, Sängerin zu werden. Doch es kam anders, denn ihre Familie war nicht wohlhabend, und der Weg in die Medizin schien die sicherere Option. Meine Urgroßmutter väterlicherseits war Opernsängerin, insofern gab es eine Ader für Musik in unserer Familie.

Mein Vater wurde in Israel geboren in einem Kibbuz im Norden, seine Eltern kamen beide aus Deutschland. Meine Großmutter kam aus Berlin, wo ich inzwischen seit fast fünf Jahren lebe. Mein Großvater stammt aus Darmstadt, doch seine Familie war ebenfalls nach Berlin gezogen, bevor alle deportiert wurden.

Ich habe alle Adressen, gefunden, an denen meine Urgroßeltern in Berlin lebten.

Mein Vater erzählte uns, dass seine Eltern nur Deutsch miteinander sprachen, wenn etwas nicht für Kinderohren bestimmt war. Beide liebten die deutsche Kultur sehr, folglich fiel es ihnen schwer, in Israel Fuß zu fassen. Sie waren klassische Jeckes. Zeitlebens wollten sie nicht, dass wir Kinder einmal die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Diesen Wunsch habe ich lange Zeit respektiert, doch heute fühle ich mich in Berlin verankert, die deutsche Staatsbürgerschaft habe ich aber trotzdem noch nicht. Meine Mutter wurde kurz nach dem Krieg in Polen geboren, in Breslau. Deshalb habe ich neben der israelischen auch die polnische Staatsbürgerschaft.

Seit dem 7. Oktober hat sich mein Gefühl für Berlin verändert. Vorher habe ich mich hier viel sicherer gefühlt als zum Beispiel in Ohio. Doch seither trage ich nichts Sichtbares mehr, was an das Judentum erinnert. Ich vermeide es, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen. Wenn ich höre, dass man uns Juden hier in Deutschland nicht haben will, antworte ich, dass ich sehr wohl ein Recht habe, hier zu sein.

Da ich mich sehr für Musik interessierte, ging ich an die Thelma Yellin High School for the Arts in Givatayim bei Tel Aviv, benannt nach der berühmten Cellistin. Um diese Schule zu besuchen, musste man eine Aufnahmeprüfung bestehen. Schon nach einem Tag erfuhr ich, dass ich bestanden hatte.

Während meiner Militärzeit war ich Pianistin und Sängerin in der Armeeband

Von da an schrieb ich Instrumentalmusik und fürs Theater. Mein Schwerpunkt war Gesang, doch schon nach kurzer Zeit wusste ich, dass ich nicht dabeibleiben würde. Es war eine sehr inspirierende Zeit, und ich lernte viele unglaubliche Künstler kennen.

Während meiner Militärzeit war ich Pianistin und Sängerin in der Armeeband. Danach ging ich für ein Jahr nach Michigan, wo ich in ein internationales Vokalquartett aufgenommen wurde. Die »Singers of United Lands« sind jeweils vier Interpreten aus verschiedenen Ländern. Die Mitglieder der Gruppe wechseln jedes Jahr. In unserem Fall kam die Sopranistin aus Mexiko, ich wurde als Alt eingesetzt, ein Musiker kam aus Japan, einer aus Uganda, beides Tenöre.

Wir tourten durch die USA und erzählten dem Publikum viel über unsere jeweilige Kultur. Ein toller Ansatz zum gegenseitigen Verständnis, zum Abbau von Vorurteilen. Dabei entstand auch mein Wunsch, Dirigentin zu werden. Auf diese Weise kann ich am meisten ausrichten. Rückblickend war es die richtige Entscheidung.

Eine Rückkehr nach Israel schien mir auch keine Option

Zwischen 2007 und 2013 lebte ich in Israel. Dann ging es zurück in die USA, nach Cincinnati, wo ich meinen Master als Orchesterdirigentin machte, meinen Bachelor als Dirigentin hatte ich zuvor in Jerusalem gemacht. Diesmal blieb ich sieben Jahre und wurde Musikdirektorin der Cincinnati Chamber Opera. Während der Pandemie habe ich dann promoviert.

Ursprünglich hatte ich geplant, in den Vereinigten Staaten zu bleiben, doch bereits die erste Amtszeit der Trump-Regierung und dann eben Covid führten mir vor Augen, wie fragil dort alles ist. Sämtliche Projekte, in denen ich mich bis dahin engagiert hatte, wurden plötzlich eingestellt. Außerdem hatte ich nur ein Studentenvisum. Eine Rückkehr nach Israel schien mir auch keine Option. Selbst vor der Pandemie war es schwer, in Israel Künstlerin zu sein. Es gibt keine öffentliche Förderung. Mir kam der Gedanke, dass ein Neuanfang vielleicht an einem Ort sinnvoll wäre, an dem es in der Gesellschaft eine höhere Anerkennung für Kunst gibt. Berlin fühlte sich irgendwie sofort vertraut an.

Inzwischen habe ich alle Adressen zusammen, an denen meine Urgroßeltern in Berlin gelebt haben. Sogar das Geburtshaus meiner Großmutter in Friedenau habe ich gefunden. Meine Großmutter war Teil einer Jugendbewegung, auf diesem Wege kam sie nach Palästina.
Ihren Eltern war es rechtzeitig gelungen, nach London zu ziehen. Von dort aus gelangten sie auch nach Palästina. Erst im hohen Alter kehrten meine Großeltern noch einmal zurück nach Deutschland, um in Archiven nach Unterlagen über ihre Familien zu suchen. Einige wenige Spuren fanden sich in Darmstadt.

Ich versuche den Glauben an das Gute im Menschen nie zu verlieren. Deshalb engagiere ich mich, wo immer möglich.

Meine Urgroßeltern väterlicherseits haben den Holocaust leider nicht überlebt, auch sie wohnten damals in Berlin. Einzig mein Großvater wurde gerettet und konnte nach Palästina fliehen – durch die Initiative des Philanthropen und Kaufhauserben Wilfried Israel und dessen Bruder. Die gesamte Familie meines Großvaters kam ins Warschauer Ghetto.
Noch immer haben wir keine Stolpersteine für die ermordeten Mitglieder unserer Familie. Man sagte mir, es gebe zurzeit zu viele Anfragen, sie kämen kaum nach. Deshalb habe ich Wilfried Israels Stolperstein besucht, der die Leben von so vielen Menschen gerettet hat. Denn ohne ihn gäbe es mich nicht.

Ich versuche den Glauben an das Gute im Menschen nie zu verlieren. Deshalb engagiere ich mich, wo immer möglich. Schon vor dem 7. Oktober habe ich in Berlin etliche Demos für die Demokratie in Israel mitorganisiert. Kurz nach den Terrorangriffen der Hamas begann ich, mich für die Rückkehr der Geiseln einzusetzen. Auf diesen zunächst spontan organisierten Veranstaltungen sang ich und spielte Klavier.
Im Dezember 2023 bekam ich einen Anruf von der Familie Alon Ohels, jenes jungen Pianisten, der sich bis vor Kurzem für 738 Tage lang als Geisel in den Händen der Hamas befunden hat. Alons Familie hatte das Projekt mit dem gelben Piano ins Leben gerufen und erkundigte sich, ob ich diese Initiative auch nach Berlin bringen wolle.

Das gelbe Piano war immer der Mittelpunkt

Ich bin so unsagbar glücklich über die Befreiung der letzten 20 noch lebenden Geiseln! Für sie hatten wir seit Januar 2024 das Projekt mit dem gelben Piano in Berlin initiiert. Dabei trat ich nicht nur auf, ich produzierte auch die Konzerte. sie fanden an verschiedenen Orten statt, so am Bebelplatz und am Humboldt-Forum. Das gelbe Piano war immer der Mittelpunkt, und alle Künstler traten ehrenamtlich auf, auch Igor Levit. Mein Lebensmotto ist: Ich tue, was ich kann.

Neben der Musik und meinem Engagement koche ich in meiner Freizeit gern für Gäste. Außerdem reise ich gern, besonders in Städte, wo ich mich mit der Geschichte und der Architektur beschäftigen kann. Es ist wichtig, den eigenen Horizont zu erweitern, andere Kulturen zu entdecken. Die Musik ist das Talent, das mich bisher am stärksten geprägt hat – doch wer weiß, was die Zukunft bringt.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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