Frankfurt

Genau hinschauen

Podiumsdiskussion über »Antisemitismus in jugendrelevanten Lebenswelten« Foto: TR

Was haben so unterschiedliche Phänomene wie Rap-Musik, Videospiele, TikTok und Fridays for Future gemeinsam? Sie alle spielen eine große Rolle für die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen – und keines von ihnen ist frei von Antisemitismus. Wenn man wissen will, wie junge Menschen judenfeindliche Stereotype verinnerlichen, muss man daher genau hier anfangen zu suchen: in der Musik, die sie hören, den sozialen Plattformen, über die sie sich informieren, und den politischen Bewegungen, in denen sie sich engagieren.

»Zwischenzeilen – Antisemitismus in jugendrelevanten Lebenswelten« heißt die Tagung, die vergangene Woche genau das getan hat. Von Mittwoch bis Freitag trafen sich auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland zahlreiche Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Kunst und Pädagogik in Frankfurt am Main. In einer Reihe von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Workshops wurden das Problem des Antisemitismus unter Jugendlichen und die Möglichkeiten seiner Prävention diskutiert.

CHIFFREN Den Titel der Tagung erläuterte Sabena Donath, Direktorin der Bildungsabteilung im Zentralrat, in ihrem einführenden Vortrag so: »Wir wollen genau hinschauen, was zwischen den Zeilen steht, wo und in welchen Formen und Chiffren antisemitische Inhalte in jugendrelevanten Lebenswelten auftauchen können und welche strukturellen Faktoren ebenjenes Auftreten begünstigen können.«

Die Tagung fand in den Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde Frankfurt statt.

Ein Novum sei der intensive Austausch jüdischer Akteure im Themenfeld mit Fachkräften der außerschulischen Jugendarbeit. »Für die Entwicklung eines nachhaltigen Konzepts zur Antisemitismusprävention ist es unerlässlich, diese Welten zu verbinden«, so Donath. Sie versteht die Veranstaltung als den »Auftakt eines fruchtbaren und sukzessiv fortentwickelten Fachaustauschs«.

Die Tagung fand in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt statt. Vorstandsmitglied Benjamin Graumann sagte zur Begrüßung: »Antisemitismus hat einen festen Platz, einen Stammplatz in Deutschland 2023, egal ob im Sportverein, in der Schule, in Universitäten, in Internetforen, in der Kulturszene oder auf Social Media.« Er sprach von einem vielfältigen und beeindruckenden Programm der dreitägigen Tagung und begrüßte ausdrücklich, »dass auch viele Stimmen von jungen jüdischen Menschen hier gehört werden«.

grusswort Daniel Neumann, Geschäftsführer der hessischen Landesgemeinde und Präsidiumsmitglied des Zentralrats, sprach in seinem Grußwort davon, »wie schnell, einfach und umfassend der Antisemitismus in die Lebenswirklichkeiten junger Menschen Einzug hält«. Neumann zeigte sich schockiert darüber, wie wenig deutsche Schülerinnen und Schüler über den Holocaust wissen. Er zitierte eine aktuelle Studie, die zeige, »dass vier von zehn befragten Schülern nichts mit dem Namen Auschwitz anfangen können«.

Jakob Baier vom Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter der Universität Bielefeld gab eine kurze Einführung in das Thema. Er erläuterte, wie antisemitische Verschwörungstheorien über soziale Medien bereits sehr junge Menschen erreichten und welche Rolle israelbezogener Antisemitismus in Jugendbewegungen wie Fridays for Future spiele.

In der Gesamtschau zeigt sich, dass es kaum einen relevanten Bereich gibt, in dem junge Menschen nicht potenziell mit antisemitischen Narrativen konfrontiert werden können.

ASPEKTE In den darauffolgenden Veranstaltungen wurden die unterschiedlichen Aspekte jugendlicher Wirklichkeiten detaillierter beleuchtet. Den Anfang machte die Podiumsdiskussion »Über jeden Verdacht erhaben? Antisemitismus in Kunst und Kultur«. Es unterhielten sich unter anderem die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, Hanna Veiler, der Videokünstler Leon Kahane und Stella Leder vom Institut für Neue Soziale Plastik.

Diese gab einen kurzen Überblick über die zahlreichen Antisemitismus-Skandale, die die Kunstwelt in den vergangenen Jahren bewegten und von denen die documenta fifteen nur die Spitze des Eisbergs war. »Es gibt einiges, das darauf hindeutet, dass wir es mit einem strukturellen Problem zu tun haben«, so Leder. Kahane beschrieb, wie selbstverständlich insbesondere israelbezogener Antisemitismus im Kunstbetrieb ist. Die Ablehnung des jüdischen Staates gehöre dort »zum Betriebssystem«.

Den zweiten Konferenztag leitete die Sozialpsychologin Pia Lamberty vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie mit einem Vortrag über Verschwörungsmythen ein. Von Erzählungen über geheime Mächte, die die Politik lenken, sei es »immer nur ein Schritt in den Antisemitismus«. Hinter Verschwörungen würden schnell »die« Juden vermutet. Lamberty zitierte eine Studie, nach der ein beträchtlicher Teil der Jugendlichen in Deutschland verschwörungstheoretischen Aussagen beipflichte. Ein interessanter Befund: je einsamer ein Jugendlicher, desto höher die Zustimmung.

Deborah Schnabel von der Bildungsstätte Anne Frank ging näher auf eine soziale Plattform ein, die sie als »ein Leitmedium junger Menschen« bezeichnete. »TikTok ist für Jugendliche eine reale Welt, in der sie ganz viel Zeit verbringen«, so Schnabel. Und das ist nicht immer unproblematisch: Mit viralen Trends wie der »TikTok Intifada« oder der »Holocaust Challenge« wurde auf der Plattform in großem Maßstab Antisemitismus und Schoa-Relativierung verbreitet. Sich einfach von TikTok fernzuhalten, sei aus pädagogischer Perspektive aber keine Lösung, glaubt Schnabel. Stattdessen solle man Influencer antisemitismuskritisch weiterbilden und sie so zu Multiplikatoren gegen Judenhass machen.

IDENTITÄT In der anschließenden Podiumsdiskussion wurden weitere Bereiche jugendlicher Lebenswelten besprochen. Nicholas Potter von der Amadeu Antonio Stiftung ging näher auf die Techno-Szene ein. »Die Klubs waren immer schon Schutzräume für marginalisierte Identitäten, gleichzeitig ging es darum, Identität zu überwinden«, erläuterte er. In dem Milieu verstehe man sich in der Regel als progressiv, ein Thema werde dabei jedoch immer wieder ausgeklammert: Antisemitismus. So erfahre die gegen Israel gerichtete antisemitische Boykott-Bewegung BDS unter zahlreichen DJs Unterstützung. Potters Fazit: »Diese vermeintlich utopische Klubkultur ist nicht frei von Diskriminierung.«

In kaum einem Bereich werden junge Menschen nicht potenziell mit Judenhass konfrontiert.

Wiederholt wurde auf der Tagung darauf hingewiesen, wie hartnäckig antisemitische Einstellungen sind. Mit reinem Faktenwissen ist ihnen in der Regel nicht beizukommen. Immer wieder stand daher die Frage im Raum: Was kann man tun, um Jugendliche vor dem Abrutschen in ein antisemitisches Weltbild zu bewahren?

Jakob Baier von der Universität Bielefeld appellierte an die Anwesenden, hoffnungsvoll zu bleiben. »Es gibt Möglichkeiten der Intervention, der Prävention und wenn nötig der Repression«, zeigte er sich sicher. Nachdem die Konferenz am Freitag zu Ende gegangen war, gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit vielen neuen Ideen, worin genau diese Möglichkeiten bestehen könnten, nach Hause.

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