Köln

Geburt des jüdischen Staates

»Unser Schicksal liegt nun in den Händen der Verteidigungskräfte«, sagte David Ben Gurion am 14. Mai 1948 anlässlich der Staatsgründung Israels. Ob er ahnte, wie schnell seine Worte Realität würden? Bereits am 15. Mai wurde Israel von fünf arabischen Armeen angegriffen. Dabei hatte der arabisch-jüdische Krieg eigentlich bereits vor der Staatsgründung begonnen und wurde danach weitergeführt. Kaum jemand hielt es für möglich, dass der junge Staat Israel das überstehen und 1949 Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen können würde. »Wer in Israel nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist«, fasste David Ben Gurion die Dramatik der Ereignisse zusammen.

Aus Sicht des Historikers Oren Osterer ist die »wesentliche Lehre aus diesem Krieg, dass Israel sich nur mit eigenen Kräften schützen und verteidigen kann«. Osterer, der anlässlich des 70. Jahrestags der Staatsgründung Israels im vergangenen Jahr nach über einem Jahr der Recherchen und Forschungen 1948. Die Ausstellung. Wie entstand der Staat Israel? konzipierte, sagte: »Wenn wir jetzt nicht bestehen, bestehen wir nicht mehr – dieses Vertrauen in die eigene Stärke ist seitdem Teil des kollektiven Bewusstseins.«

Verteidigung Auch 71 Jahre nach der Staatsgründung gilt für Israel eigentlich das, was eine Ausstellungstafel für die Zeit unmittelbar nach dem 14. Mai 1948 programmatisch zeigt: »Die Verteidigung des Aufbaus – Der Aufbau der Verteidigung«.

Aus Sicht des Historikers Oren Osterer ist die »wesentliche Lehre aus diesem Krieg, dass Israel sich nur mit eigenen Kräften schützen und verteidigen kann«.

Die Ausstellung erzählt jüdische Geschichte zwar schwerpunktmäßig mit dem Blick auf die Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – beispielsweise anhand von historischen Dokumenten, Fotos und Zeitzeugenberichten. Da geht es etwa um das Völkerbundmandat für Palästina aus dem Jahr 1922, das sich der »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« verpflichtete oder um die Darstellung und Einordnung des – von den Juden akzeptierten – im Jahr 1947 von den jungen Vereinten Nationen vorgeschlagenen Teilungsplans für Palästina. Doch die Schau schlägt einen viel weiteren Bogen und macht die jahrtausendelangen Bedrohungen und kriegerischen Auseinandersetzungen, denen sich die Juden ausgesetzt sahen und bis heute ausgesetzt sehen, offenkundig.

Nach einer kurzen soziogeografischen Einordnung in die Zeit von vor 10.000 Jahren »warten schon die Römer«, wie die Eröffnungstafel einleitet. Seit der Antike formten sich die unterschiedlichsten Beziehungsbilder zwischen Juden und Arabern heraus. Zudem wird der jüdische Patriotismus für Deutschland in den Kriegen 1864, 1870/71 sowie im Ersten Weltkrieg – 12.000 jüdische Soldaten ließen ihr Leben für das deutsche Kaiserreich – beleuchtet.

Zionismus Breiten Raum nehmen der Zionismus und sein Anspruch, ein generelles und tragfähiges Konzept für einen Staatsaufbau zu bilden, ein. Auch die vielen bedeutenden zionistischen Impulse aus Deutschland berücksichtigt die Schau. Wer indes meint, die Ausstellung ziele zu einseitig auf ein rein positives Israelbild, sollte vor allem die Tafel über den »Weg zur palästinensischen Identität« studieren.

»Es ist mutig, dieser Ausstellung hier in diesem bedeutungsvollen Raum einen Platz zu geben«, würdigt Bettina Levy das Engagement des Kölner Landgerichts. Das Vorstandsmitglied der Kölner Synagogen-Gemeinde (SGK) sagte bei der Eröffnung: »Es ist auch ein klares Bekenntnis zu Israel als Rechtsstaat.«

Die Schau will Israel fair und im demokratischen Kontext zeigen.

Levy erinnerte daran, dass Israel als einziger Rechtsstaat im Nahen Osten die Basis für eine funktionierende Demokratie darstelle. In Zeiten, in denen der israelbezogene Antisemitismus in Deutschland immer mehr zunehme, sei es eine »besondere Haltung«, in der kritischen gesellschaftlichen Auseinandersetzung eine Ausstellung zu zeigen, die den Anspruch erhebt, »Israel fair und im demokratischen Kontext« darzustellen, denn: »Israel ist für uns in seinem Existenzrecht unantastbar.«

Roland Ketterle, der Präsident des Landgerichts, nahm diesen Befund auf und ordnete ihn in die jüngere deutsch-israelische Geschichte ein. »Die Verbindung von Rechtsstaatlichkeit mit unserer Vergangenheit ist es, die im Kontext dieser Ausstellung besonders betont werden muss.« Ketterle, der der Synagogen-Gemeinde persönlich seit Langem eng verbunden ist, ergänzte: »Wenn ich mit dem Auto an der Synagoge vorbeifahre und dort einen Polizeiwagen stehen sehe, wird mir der Auftrag unserer Justiz immer wieder in besonderer Weise bewusst.«

Oren Osterer, »ein Kind unserer Gemeinde«, wie Bettina Levy mit Stolz anmerkte, standen Chana Bennett, in der Kölner Gemeinde verantwortlich für Veranstaltungen, sowie die Pressedezernentin des Landgerichts, Miriam Müller, zur Seite. Ihnen ist es gelungen, die 32 großformatigen Ausstellungstafeln mit den sehr dicht und kompakt zusammengefassten Texten und Bildern im Foyer des zweiten Obergeschosses zu platzieren. Keine leichte Aufgabe in dieser sehr nüchtern wirkenden Umgebung.

Nur so ist verständlich, warum ausgerechnet die Tafeln, die die entscheidenden Schritte in den Jahren 1947 und 1948 hin zur Staatsgründung dokumentieren, für die Besucher kaum zu sehen sind. Dass Israel damals seine Unabhängigkeit mit einem Friedensangebot an die Araber verband, ist vielen heute nicht mehr bekannt oder wird sogar bewusst verschwiegen. Das sollte die Besucher nicht davon abhalten, sich dem in den vergangenen Jahrzehnten mit vielen historischen Verzerrungen dargestellten Thema zu nähern. Die Ausstellung bringt viele validierte Fakten auf Basis reichhaltig vorhandenen und zugänglichen Quellenmaterials.

Halbwissen »Wo allzu oft nur Fehl-, Halb- und Falschwissen vorhanden ist, entstehen verzerrte Bilder als Grundlage einer verfälschten Meinungsbildung«, konstatiert Cora Rimoczi, die Vorsitzende des Vereins DEIN – Demokratie und Information, der Träger der Ausstellung ist. Rimoczi sagte: »Diese Ausstellung ist ein praktisches Beispiel für ein längst überfälliges Korrektiv, denn sie beantwortet auf strikter Faktenbasis die Frage ›Wie entstand Israel?‹ und räumt Zweifel an der Legitimität aus.« So bestärkt die Schau Juden, ebenso wie sie Nichtjuden die Möglichkeit eröffnet, sich fundiert zu informieren. Diese Hoffnung äußerte auch die Bürgermeisterin der Stadt Köln, Elfi Scho-Antwerpes. Oren Osterer merkt in diesem Zusammenhang an: »Grundlagenwissen erlangt man nicht durch die Beobachtung des tagespolitischen Geschehens.«

Welche aktuelle Brisanz die von renommierten Wissenschaftlern und Experten in ihren Qualitätsstandards überprüfte Ausstellung hat, zeigt sich auch darin, dass Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, die Schirmherrschaft übernommen hat. Osterer kündigte zudem an, die Ausstellung bis Ende 2019 in einer mit Kommentaren versehenen Form digital zu publizieren. Darüber hinaus soll ein umfassender Begleitband erstellt werden, der auch die Quellen auflistet. Begleitet wird die Schau von einem anspruchsvollen Rahmenprogramm.

»1948. Wie entstand der Staat Israel?« Landgericht, bis 29. November, Mo bis Do 8 bis 16 Uhr, Fr 8 bis 15.30 Uhr

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