Berlin

Fünf starke Förderer

Kai Diekmann (4.v.r.) und Vertreter von Yad Vashem sowie der Unternehmen Deutsche Bahn, Volkswagen, Borussia Dortmund, Deutsche Bank und Daimler stellten ihr Projekt in Berlin vor. Foto: Sergej Glanze

In Yad Vashem wird es langsam eng. Denn die 1953 gegründete Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem beherbergt die weltweit wohl größte und umfassendste Sammlung von Objekten aus der Zeit der Schoa. Von mehr als 210 Millionen Seiten Dokumenten, 500.000 Fotos sowie 11.500 Kunstwerken und etwa 2000 Artekfakten, die sich einst im Besitz der Opfer befanden, ist die Rede. »Und fast täglich kommen neue Sachen hinzu, die Schoa-Überlebende oder deren Nachfahren uns überlassen«, berichtet Haim Gertner, Leiter des Archivs von Yad Vashem.

Grundsteinlegung »Genau deshalb benötigen wir das ›Haus der Sammlungen‹, wie wir es nennen.« Grundsteinlegung für das auf mehr als 4200 Quadratmeter angelegte neue Zentrum soll am Jom Haschoa, dem 2. Mai dieses Jahres, sein. Der eigentliche Baubeginn ist für August vorgesehen. Knapp 30 Millionen Euro wird das Projekt wohl kosten. Rund ein Sechstel davon, nämlich fünf Millionen Euro, wird aus Deutschland kommen, wie am Dienstag der Deutsche Freundeskreis Yad Vashem e.V. in Berlin bekannt gab.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

»Fünf große Unternehmen spenden jeweils eine Million Euro, und zwar Borussia Dortmund, Daimler, die Deutsche Bahn sowie die Deutsche Bank und Volkswagen«, erklärt der ehemalige Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, der seit November 2017 Vorsitzender des Freundeskreises ist. »Unsere Initiative, Yad Vashem bei der Umsetzung dieses enorm wichtigen Vorhabens zu unterstützen, traf bei allen Beteiligten sofort auf offene Ohren und Zustimmung.«

Zeitzeugen Die Idee dazu kam vor rund einem Jahr. Daraufhin erfolgten erste Gespräche mit hochrangigen Unternehmensvertretern. Vor allem ein Argument sollte überzeugen: »Yad Vashem war schon immer der zentrale Ort des Gedenkens und der Dokumentation«, betont Diekmann. »Und gerade jetzt, wo es immer weniger Zeitzeugen gibt, gewinnen Gegenstände, die an das Menschheitsverbrechen erinnern, zunehmend an Bedeutung.« Das können Kleidungsstücke, Briefe oder vielleicht auch ein im Ghetto benutztes Werkzeug sein. Aber sie alle brauchen Platz, um fachgerecht konserviert, aufbewahrt oder angemessen ausgestellt zu werden – dafür soll der Neubau dienen, der das »Haus der Sammlungen« beheimaten wird. »Auf diese Weise können die Objekte das Wissen um die Schoa von Generation an Generation weitergeben.«

Ihr Engagement bei
dem Projekt signalisiert,
dass sich die Bahn
der Verantwortung stellt.

Vor allem für die Deutsche Bahn ist die Beteiligung an dem Projekt ein deutliches Signal, dass sie sich ihrer historischen Verantwortung stellt. »Schließlich war es unser Unternehmensvorläufer Deutsche Reichsbahn, der damals wesentlich an den Deportationen beteiligt war«, sagt Ronald Pofalla, Vorstand für Infrastruktur bei der Deutschen Bahn. »Das beschämt uns bis heute.« Doch darüber hinaus gibt es einen ganz spezifischen Grund, warum man ausgerechnet Yad Vashem in Jerusalem finanziell unter die Arme greifen möchte. »Die Nationalsozialisten planten nicht nur die totale Vernichtung der Juden«, sagt Pofalla weiter. »Auch wollten sie alles Persönliche, das an sie erinnert, auslöschen.«

Einzelschicksale »Yad Vashem will genau das Gegenteil, nämlich die individuellen Einzelschicksale vor dem Vergessen bewahren und das Erbe erhalten«, so Pofalla. In diesem Kontext kommt der Restaurierung sowie der Präsentation von persönlichen Hinterlassenschaften in Form von Dokumenten oder Gegenständen des Alltags eine Schlüsselrolle zu.

»Als Fußballverein schießt man nicht einfach nur Tore, sondern muss sich auch in der Gesellschaft positionieren«, sagt BVB-Chef Watzke.

Für den Volkswagen-Konzern, dessen Gründung eng mit dem Nationalsozialismus verwoben ist, soll die Unterstützung des »Hauses der Sammlungen« ein »Signal gegen die Geschichtsvergessenheit« sein, wie VW-Vorstandsmitglied Gunnar Kilian betont. Dabei weiß er die gleichfalls anwesenden Eckart von Klaeden, Leiter der Abteilung Politik und Außenbeziehungen der Daimler AG, und Thorsten Strauß, Bereichsvorstand bei der Deutschen Bank, auf seiner Seite. Auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich dagegen das Engagement von Borussia Dortmund.

»Aber als Fußballverein schießt man nicht einfach nur Tore, sondern muss sich auch in der Gesellschaft positionieren«, sagt Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der Geschäftsführung. »Aus dieser Grundhaltung heraus resultiert die Motivation für unsere Unterstützung des Projekts.« Für ihn ist der Kampf gegen den Antisemitismus eine Selbstverständlichkeit. »Deswegen sind wir sehr glücklich, dem Kreis der Förderer angehören zu dürfen.«

Chaim Uryson hat nicht überlebt – seine Kunst schon. Urysons Bilder wurden nach der Schoa zum Teil nach Yad Vashem gebracht.

Beispiele Yad-Vashem-Archivleiter Haim Gertner belegt an konkreten Beispielen, was es heißt, wenn nicht mehr Zeitzeugen, sondern Gegenstände die Geschichte erzählen. So berichtet er von dem 1943 ermordeten Maler Chaim Uryson, dessen Bilder nach der Schoa zum Teil nach Yad Vashem gebracht wurden. »Er hat nicht überlebt, seine Kunst aber sehr wohl.« Auch der Kinderschuh eines 1944 ermordeten zweijährigen Mädchens namens Hinda ist somit ein Beweis seiner Existenz und seines Schicksals, weil es sonst keinerlei Hinterlassenschaften von Hinda gibt.

»Deshalb ist das Sammeln von Fragmenten unsere Mission«, beschreibt Gertner die Aufgaben des Erinnerungshauses. Und genau diese wollen die fünf Unternehmen mit ihrer Unterstützung der Initiative des Freundeskreises Yad Vashem in Deutschland möglich machen.

Seele

Wenn alles zu viel ist

Erstarkende Extreme, Gedanken ans Auswandern, Rechtfertigen im Alltag – eine virtuelle Begegnung mit Jüdinnen und Juden und der Frage: Wie gehtʼs dir?

von Katrin Richter  27.10.2026

Ausstellung

Waschgefäß ohne Geschichte

Das Jüdische Historische Institut in Warschau zeigt Exponate aus dem ehemaligen Berliner Jüdischen Museum – ohne klare Verweise und mit auffälliger Distanzierung

von Ingo Loose  27.10.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens: Akademie öffnet

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 27.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026

Brandenburg

Neuer Staatsvertrag für jüdische Gemeinden in Brandenburg

In Brandenburg hat die Bekämpfung des Antisemitismus seit 2022 Verfassungsrang. Nun soll der Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden verbessert werden

 25.10.2026

Porträt der Woche

Die Erinnerung muss bleiben

Thomas Gabelin wurde in Theresienstadt geboren. Heute ist er aktiver Zeitzeuge

von Christine Schmitt  25.10.2026

Jubiläum

Brücke nach Israel

TAMAD feiert 25 Jahre Freundschaft und kulturellen Dialog mit dem jüdischen Staat

von Luis Gruhler  25.10.2026

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026

Würdigung

Bayerischer Walk of Fame

Zwei Lebensgeschichten, ein gemeinsames Zeichen: Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern werden für ihr Engagement geehrt

von Luis Gruhler  23.10.2026