Gespräch

»Frankfurt war sein Zuhause«

Frankfurts Gemeindechef Salomon Korn und Kulturdezernentin Ina Hartwig (r.) tauschen – moderiert von Shelly Kupferberg – Erinnerungen an Marcel Reich-Ranicki aus. Foto: screenshot

Schon der Ort ist symbolträchtig. »Kurz nach der Eröffnung unseres neuen Gemeindezentrums Mitte der 80er-Jahre habe ich Marcel Reich-Ranicki genau hier kennengelernt«, erinnert sich Salomon Korn im Gespräch mit der Kulturdezernentin und Literaturkritikerin Ina Hartwig.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Reich-Ranicki wurde ihr Gespräch über den wohl prominentesten Büchermenschen in Deutschland am Dienstag via Livestream aus dem Frankfurter Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum übertragen.

»Damals hatten Ignatz Bubis und ich ihn zu einer Veranstaltung eingeladen«, sagte der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. »Im Laufe des Abends kam die Rede dann auf Heinrich Heine«, so Korn weiter. »Es ging um seine Äußerungen zur Tora als einem ›portativen Vaterland‹. Ich war mir sicher, dass es Heimat heißen musste, wir wetteten um ein Abendessen, und ich verlor.« Was er jedoch gewonnen habe, war die Freundschaft zu Reich-Ranicki, die bis zu dessen Tod im Jahr 2013 anhalten sollte.

PERSÖNLICHES Auch Ina Hartwig konnte Persönliches beitragen, und zwar vor allem aus ihrer Perspektive als Literaturkritikerin. »Je älter ich wurde, desto mehr begann ich, ihn zu bewundern«, beschreibt sie ihr Verhältnis zu Reich-Ranicki und weist darauf hin, dass er es meisterhaft verstanden hatte, eine Literaturkritik zu formulieren, die nicht nur für viele Menschen verständlich war, sondern darüber hinaus auch äußerst unterhaltsam.

»Vielleicht lag dies ja auch einfach daran, dass er nie studiert hatte.« Genau deshalb begegneten seine akademisch geschulten Kollegen dem »Literaturpapst« nicht selten mit einem gewissen Dünkel. »Auch in meinem Milieu sprach man damals recht despektierlich über ihn.«

In seinen Rezensionen konnte Reich-Ranicki entweder wahre Lobeshymnen auf einen Autor anstimmen oder aber ihn gnadenlos verreißen. Und was in der legendären Fernsehsendung Das Literarische Quartett positiv besprochen wurde, orderten die Buchhandlungen dann gerne gleich palettenweise. Dabei scheute Reich-Ranicki keine Kontroverse – und genau das sollte sein Markenzeichen werden.

Doch was machte diesen großen Kenner und Liebhaber der deutschen Literatur aus? Welche Stationen prägten sein Leben, auch vor der Zeit als Literaturchef bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«? All diese Fragen brachte Shelly Kupferberg, Journalistin und freie Redakteurin bei Deutschlandfunk Kultur, als Moderatorin immer wieder ins Spiel.

»Religion – das war für ihn alles Aberglaube und Humbug.«

Gemeindechef Salomon Korn

Gemeinde »Und wie sah sein Verhältnis zum Judentum aus?« Schließlich war Reich-Ranicki nie offizielles Gemeindemitglied in Frankfurt. Dazu konnte Gemeindechef Salomon Korn eine Menge berichten. »Reich-Ranickis Großvater mütterlicherseits war Rabbiner, und seine Mutter hatte wohl mehrfach versucht, ihn der Religion näherzubringen.« Jedoch mit mäßigem Erfolg. »Das war für ihn alles Aberglaube und Humbug.«

Trotzdem pflegte Reich-Ranicki ein hohes Maß an Bewunderung für das Judentum, weil es der Kenntnis von Texten eine hohe Bedeutung beimaß. »Juden waren für ihn deshalb das Volk der Schriften und damit des Abstrakten«, so Korn.

Über Bücher und Schriftsteller brachte Korn den Literaturkritiker doch noch der Gemeinde näher.

Und über Bücher und Schriftsteller konnte Korn den Literaturkritiker dann doch der Gemeinde näherbringen. So gewann er ihn dafür, von 1988 bis 1997 die Leitung des Literaturforums im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum zu übernehmen. »Wir haben ihn mit dem Argument überzeugen können, dass diese Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde weit in die Stadtgesellschaft von Frankfurt hineinwirkt.«

Umgekehrt funktionierte der Name Reich-Ranicki wie ein Magnet. Das Who’s who der deutschsprachigen Literatur gab sich dort bald die Klinke in die Hand, darunter auch Namen wie Martin Walser und Günter Grass, die heute einen eher problematischen Ruf genießen.

»Das Haus war auf jeden Fall voll dank ihm«, freut sich Gemeindechef Korn noch heute. »Wir mussten sogar Lautsprecher vors Gemeindezentrum stellen, weil so viele Leute kamen.«

HAMBURG Für Hartwig steht fest: »Reich-Ranicki konnte seine Karriere nur in Frankfurt machen. Im unterkühlten Hamburg hat es ihn ja nicht lange gehalten.« Zwar war die Mainmetropole nach seiner Ausreise aus Polen 1958 die erste Station in Deutschland, doch folgte er 1960 einem Ruf der Wochenzeitung »Die Zeit« in die Hansestadt, wo er aber nie ganz glücklich wurde – nicht zuletzt deshalb, weil er sich von der Redaktion dort ausgegrenzt fühlte. 1973 ging es also zurück nach Frankfurt.

Reich-Ranickis Verhältnis zu Deutschland blieb ambivalent und belastet.

»Oft wurde Reich-Ranicki gefragt, was seine Heimat sei«, erzählt Korn. »Die Antwort lautete dann meist: ›die deutsche Literatur‹. Irgendwann gegen Ende seines Lebens sprach er davon, dass Frankfurt vielleicht nicht Heimat, aber so etwas wie ein Zuhause für ihn sei.«

Auch das Verhältnis zu Deutschland blieb nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen, die Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto machen musste, ambivalent und belastet. »Das Ehepaar Reich-Ranicki hat seinen Hochzeitstag nie in Deutschland feiern wollen. Meist reiste man dafür eigens in die Schweiz.«

TOSIA Korn hat auch bemerkenswerte Erinnerungen an Reich-Ranickis Frau Teofila, genannt Tosia. »Sie unterhielten sich beide oftmals auf Polnisch. Dabei benutzten sie gerne Wörter, die besonders zärtlich und hingebungsvoll klangen.« Auch gab es eine interessante Rollenverteilung. Meist war sie in Anwesenheit von Gästen die Stillere. »Fiel Reich-Ranicki aber mal ein Name nicht ein, dann sprang sie ihm sofort zu Hilfe. Tosia war so etwas wie sein Lexikon im Hintergrund.«

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