Frankfurt/Main

»Falsche Deklaration ist unvorstellbar«

Der ehemalige Laden der Firma »Aviv« Foto: Chris Hartung

Nach dreiwöchiger Verhandlungspause ist am Mittwoch der Prozess gegen die beiden Geschäftsführer des ehemaligen Lebensmittelhandels »Aviv« vor dem Frankfurter Landgericht fortgesetzt worden. Für den Angeklagten H. wurde es ein guter Tag: Nach erneuter Antragstellung durch seinen Anwalt wurde der Haftbefehl aufgehoben. H. wurde nach mehreren Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen.

Der Anwalt hatte vorgebracht, dass sein Mandant durch die Inhaftierung geläutert sei und ihm zudem der Verlust des Arbeitsplatzes drohe. H. war im November noch im Gerichtssaal verhaftet worden, weil er versucht hatte, einen der als Zeugen geladenen Metzger vor dessen Aussage im Prozess zu beeinflussen.

Als weiteren Grund für die Freilassung aus der U-Haft nannte der Vorsitzende Richter der Großen 26. Wirtschaftskammer des Frankfurter Landgerichts, Jörn Immerschmitt, die voraussichtliche Verfahrensdauer. Diese dürfte sich, weil nun doch alle registrierten Kunden der Firma Aviv gehört werden sollen, bis Ende Februar hinziehen. Zurzeit bemüht sich das Gericht, die aktuellen Adressen der ehemaligen Kunden zu ermitteln.

Zeugen Zu den Zeugen, die am Mittwoch vor Gericht erschienen, zählte auch der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Der Würzburger Arzt bestätigte, bei Aviv Kunde gewesen zu sein. Meist sei ihm die Ware zugeschickt worden. Nur vor Pessach hätten er beziehungsweise seine Frau jeweils persönlich in Frankfurt eingekauft. Dass ein Lebensmittelhändler Unkoscheres als koscher deklariere und verkaufen könne, sei ihm bis dato »unvorstellbar« gewesen, sagte Schuster. Die Aussage des Rabbinatsgerichts, Familien sowie die jüdischen Einrichtungen in Frankfurt hätten kein treifes Fleisch bezogen, könne er »nicht nachvollziehen«.

Dass sich dieser Kritik auch der seit Kurzem für die Kaschrut in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zuständige Rabbiner Arie Folger anschließt, verdeutlichte die Aussage von Shula Meron, Betreiberin der Mensa in der Lichtigfeld-Schule im Frankfurter Philanthropin. Sie sagte, dass der Rabbiner ein komplettes Kaschern der Küchen- und Mensaeinrichtung angeordnet habe, die dieser Tage abgeschlossen worden sei.

Koscher-Zertifikat Übereinstimmend sagten alle Zeugen aus, dass sie mit dem heutigen Wissensstand nicht bei Aviv eingekauft hätten. »Wenn ich wüsste, dass Fleisch nicht koscher geschlachtet wurde, würde ich es nicht kaufen. Auch nicht, wenn ein Koscher-Zertifikat draufklebt«, formulierte das eine der Zeuginnen.

Einzige Ausnahme bildet dabei Sohar Gur, Pächter des koscheren Restaurants im Frankfurter Gemeindezentrum und Caterer für mehrere jüdische Einrichtungen sowie für Lufthansa. »Für mich zählt nur, was der Rabbiner sagt«, erklärte der gelernte Koch. »Wenn er Fleisch für in Ordnung befindet, dann ist es das auch für mich.« Privat hätte er deshalb weiter bei Aviv eingekauft. »Als Firma hätte ich aber vielleicht eine Pause gemacht.«

Die Behauptung des Rabbinatsgericht, dass das Catering Sohar seit 2005 kein Fleisch mehr bei Aviv bezogen habe, wurde vor Gericht anhand von Bestelllisten widerlegt.

Mittlerweile hat der Angeklagte H. gestanden, dass er unkoscheres Fleisch mit denselben Gerätschaften verarbeitet hat wie das koschere und beides auch nebeneinander im Kühlraum gelagert wurde. bg/kib

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