Kirche

»Es geht um Haltung«

Thomas Leu Foto: Thomas Leu

Herr Leu, an der Stadtkirche in Calbe bei Magdeburg hängt eine sogenannte Judensau-Darstellung. Die Kirchengemeinde hat Sie als Künstler beauftragt, die Hassbotschaft dieser Skulptur zu brechen. Was genau haben Sie vor?
Der Entwurf sieht vor, sechs Ölzweige aus lasergeschnittenem und dunkel gefärbtem Edelmetall auf die Stein­skulptur zu setzen, die einen Juden zeigt, der sein Gesicht an den Hintern eines Schweins drückt. Es geht darum, diese extreme Hassbotschaft zu verdecken und in ihr Gegenteil umzuwandeln. Der Olivenzweig ist sowohl im Judentum als auch im Christentum ein Symbol des Friedens.

Die Denkmalschutzbehörde hat der Kirchengemeinde untersagt, die Schmäh­skulptur zu entfernen. Wie bewerten Sie die Diskussion darüber, ob solche Darstellungen abgetragen werden sollten?
Es kommt auf den Einzelfall an. Die Entscheidung hier in Calbe hat mit der besonders extremen Art der Darstellung zu tun. Mein Entwurf ist keine Lösung für all die anderen Schmähskulpturen an Kirchen in Deutschland.

Ein prominentes Beispiel ist Wittenberg. Dort bleibt die antijüdische Darstellung sichtbar, und es gibt eine erklärende Platte.
Eine Platte wird es in Calbe auch geben. Aber ich denke, Kontextualisierung allein stößt hier an ihre Grenzen, wenn die Skulptur sichtbar bleibt und ihre Hassbotschaft weiterhin aussendet. Daher finde ich es wichtig, in dieser Form zu intervenieren.

Was wünschen Sie sich, dass die Betrachter heute daraus mitnehmen?
Es soll ein Denkanstoß sein, denn Antisemitismus spielt ja leider immer noch eine große Rolle. Wenn ich nicht möchte, in einer solchen Form dargestellt zu werden, dann muss das auch für andere gelten.

Wie war die Reaktion der Gemeinde und der Öffentlichkeit auf Ihren Entwurf? Gab es kontroverse Diskussionen?
Der Entwurf ist im Dialog entstanden. Es gab eine große Arbeitsgruppe, die von der Staatskanzlei über die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland bis hin zur Kirchengemeinde und dem Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen‑Anhalt reichte. Ich habe meine ersten Entwürfe vorgestellt, Anregungen aufgenommen und dann weitergearbeitet. Besonders habe ich mich gefreut, dass der finale Entwurf die ausdrückliche Zustimmung des jüdischen Landesverbandes bekommen hat. Das ist mir am wichtigsten: dass die Menschen, die es letztlich betrifft, mit der Aussage etwas anfangen können.

Was können Kunst und Künstler heute beitragen im Kampf gegen Antisemitismus?
Letztlich sind ja auch Künstler Menschen, die – wie alle anderen – eine klare Haltung zeigen sollten. Ob dabei immer die Kunst das Mittel der Wahl ist, wage ich zu bezweifeln. Es geht um Haltung – unabhängig davon, ob man Künstler ist oder Postbote.

Mit dem Hallenser Künstler sprach Tobias Kühn.

Wiesbaden

Hessen verlängert Staatsvertrag mit jüdischen Gemeinden

Die Zahlungen an jüdische Gemeinden steigen schrittweise

 12.08.2026

Brandenburg

Cyberangriff auf Gedenkstätten

Immer wieder schädigen Ransomware-Attacken Behörden, Krankenhäuser und andere Einrichtungen. In Brandenburg ist nun die Gedenkstätten-Stiftung betroffen

 11.08.2026

Gedenken

Stolpersteine für jüdische Familie Frank in Erfurt

Als Zwölfjährige wurde Ingeburg Geißler nach Theresienstadt deportiert. Jahrzehnte später erzählt sie von ihrem Schicksal. Ihre Stimme soll nun bei der Gedenkveranstaltung erklingen

 11.08.2026

Porträt der Woche

Aus Erfahrung handeln

Marina Koren hat Ausgrenzung erlebt und unterstützt heute Betroffene von Hassgewalt

von Gerhard Haase-Hindenberg  09.08.2026

München

Klassiker des Humors

Im früheren Gemeindehaus in der Reichenbachstraße sorgte ein Abend mit Sketchen in jiddischer Sprache für Spaß und Unterhaltung

von Ellen Presser  09.08.2026

Porträt

Stil auf Rädern

Der Swing-Musiker Andrej Hermlin sammelt Oldtimer – und fährt sie, statt sie nur in der Garage zu bewundern. Ein Besuch in Pankow

von Imanuel Marcus  09.08.2026

Karlsruhe

Altes Amt mit Zukunft

Die Jüdische Kultusgemeinde ernannte erstmals einen Oberrabbiner, erinnerte an 55 Jahre Gemeindehaus und gab ihrer Synagoge den Namen eines berühmten Gelehrten der Stadt

von Mascha Malburg  09.08.2026

Reformpläne

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026