Schwäbische Alb

Erinnerung sucht Nachfolger

Eberhard Zacher hat sich nicht nur Freunde gemacht. Er erforscht die Geschichte der Juden von Buttenhausen – und stößt dabei auch auf das Unverständnis einiger heutiger Bewohner. »Lass uns doch mit den Juden in Ruhe«, sagen ihm manche. Aber darauf ist der 85-Jährige eingestellt. Schließlich habe mancher Buttenhausener noch Bilder, Teppiche oder Schmuck zu Hause, die dessen Vorfahren einst von jüdischen Nachbarn raubten.

Zacher steuert sein Auto über die Landstraßen der Schwäbischen Alb. »Ich weiß nicht, wie viele hundert- oder tausendmal ich diese Strecke schon gefahren bin.«

Vor 50 Jahren organisierte der inzwischen pensionierte Realschullehrer mit seiner Schulklasse eine Exkursion nach Buttenhausen, ein Dorf mit 500 Einwohnern zwischen Reutlingen und Ulm. Doch vor Ort wollte kaum jemand über die jüdische Geschichte sprechen – also begann Zacher, selbst zu recherchieren.

Das jüdische Leben in dem Dorf begann im Jahr 1787. Damals siedelte Philipp Friedrich Freiherr von Liebenstein 25 jüdische Familien im Ort an, erlaubte ihnen, eine Synagoge zu bauen und Handel zu treiben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts betrieben sie 20 verschiedene Ladengeschäfte und vier Gaststätten.

Mancher Buttenhausener habe noch von Juden geraubte Bilder oder Schmuck zu Hause.

Die vierte Generation der Familie Lindauer zum Beispiel gründete eine Zigarrenfabrik mit 20 Angestellten. Der Vieh- und Pferdehandel der Brüder Salomon und Hermann Löwenthal reichte bis nach Bayern und ins Rheinland. Eberhard Zacher weiß auch zu berichten, dass viele Buttenhausener Christen am Sonntag lieber den jüdischen Wochenmarkt als ihre Kirche besuchten.

»Das waren alles Häuser von Juden hier, ausnahmslos«, sagt Zacher bei einem Spaziergang entlang der Hauptstraße von Buttenhausen. Dort hat er auch schon einmal den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg getroffen. Später erhielt er von ihm das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement. Die Juden von Buttenhausen sind Zachers Lebensthema. Aber ewig weiterforschen kann auch er nicht.

Die Synagoge von Sennfeld ist ein Beispiel dafür, wie das Lebenswerk eines Ehrenamtlichen in gute Hände übergeben werden kann. Mit Valentina Munz ist eine junge Judaistin in die Ortschaft nördlich von Heilbronn gezogen – und zur Ansprechpartnerin für deren jüdische Geschichte geworden.

Gut 1000 Menschen leben in Sennfeld, der Ortskern ist dicht bebaut. Das ist auch der Grund dafür, dass die Synagoge nicht – wie etwa die Buttenhausener – in den Novemberpogromen 1938 niedergebrannt wurde. Entweiht wurde sie trotzdem, diente während des Zweiten Weltkriegs als Filmsaal und Militärquartier. Den Psalmvers am Eingang hatten die Nazis mit Meißeln entfernt.

1951 kaufte eine Kirchengemeinde das Gebäude, ab 1964 wurde es zum Treffpunkt verschiedener Vereine. Erst als bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1992 zwei Mikwaot im Erdgeschoss der Synagoge freigelegt wurden, begann eine tiefere Aufarbeitung. Reinhard Lochmann, wie auch Zacher Geschichtslehrer, nahm sich der jüdischen Geschichte an. Er war es, der 2009 eine Genisa auf dem Dachboden des Bethauses fand und auswertete.

Die Bodendielen im ersten Stock der ehemaligen Synagoge knarzen laut, es riecht nach altem Papier. In dem Haus, in dem einst der Lehrer der jüdischen Gemeinde wohnte, hat der 81-jährige Lochmann in jahrelanger Fleißarbeit eine Ausstellung eingerichtet.

Eine große Tabelle mit den jüdischen Familien von Sennfeld und den Daten ihrer Deportation ist so präzise mit Lineal und Bleistift gezeichnet, dass an ihren inhaltlichen Angaben kaum Zweifel entstehen können. Und trotzdem: Ohne die Begleitung von Valentina Munz wäre die Ausstellung nicht leicht verständlich.

»Die Synagoge soll wieder ein Ort werden, wo neben Führungen verstärkt Angebote für Schülergruppen ihren Platz finden«, sagt Munz. Sie hat selbst Kinder und leidet unter dem Gedanken, dass diese kaum noch Zeitzeugen aus der NS-Zeit treffen können. Munz möchte eine neue Ausstellung über die Juden von Sennfeld einrichten und möglichst viele alte Dokumente digitalisieren. Weil ihr als Ehrenamtlicher aber die Kapazität dafür fehlt, hat sie sich mit Mitarbeitern anderer Gedenkstätten in der Region zusammengetan.

In den vergangenen 50 Jahren ist Zacher jeder Spur nachgegangen.

In Buttenhausen gibt es schon ein kleines Museum zur jüdischen Geschichte – es ist aber nur am Sonntagnachmittag geöffnet. Führungen werden alle paar Monate angeboten, dafür konnte Eberhard Zacher zwei Ehrenamtliche ausbilden. Einen richtigen Nachfolger aber, also einen, der Führungen durch die ganze Ortschaft geben, Kontakt zu den Nachfahren der Juden pflegen oder Zachers Privatbibliothek übernehmen könnte – so jemanden hat er in all den Jahren nicht gefunden.

Die Berührungsängste mit der jüdischen Geschichte sind in der jungen Generation geringer, findet Zacher – das historische Interesse aber auch. »Wenn ich einen Vortrag halte, sind da immer nur alte Leute«, sagt er. Wenn Schulklassen in das Museum kommen, lenkten die Schüler sich lieber mit ihren Handys ab, anstatt etwas über den Holocaust zu lernen. Und auch der hohe Zuspruch für die AfD in der Region zeuge nicht gerade von einem Geschichtsbewusstsein, meint Zacher.

Vor Kurzem habe man damit begonnen, einzelne Grabsteine vom jüdischen Friedhof des Orts in ein Labor zu schicken, um die verwitterten Inschriften zu entziffern. Natürlich nur mit Genehmigung des Stuttgarter Rabbinats, versteht sich. Zacher ist gespannt, auf welche vergessenen Geschichten die Grabsteine hinweisen werden. Und er hofft, dass sich neue Ehrenamtliche finden, die diesen Geschichten nachgehen.

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