Berlin-Mariendorf

Erinnern an die Lewissohns

»Schönstes Bad Berlins«: Seebad Mariendorf Foto: ullstein bild - Atelier Balassa / Atelier Balassa

Mehrere Jahrzehnte war die Familie Lewissohn in Vergessenheit geraten. Und das, obwohl Adolf und seine Frau Louise laut Martin Rutsch von der Linksfraktion der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Tempelhof-Schöneberg das »schönste Bad Berlins« gebaut hatten, in das die Leute seit 1876 strömten. Das Seebad Mariendorf war eines der größten Berlins. Doch unter dem Nazi-Terror änderte sich die Situation, und Lewissohns einzige Tochter und Erbin Helene musste es verkaufen – ohne eine entsprechende Entschädigung zu erhalten. Sie starb völlig verarmt einige Jahre nach Kriegsende.

Doch nun soll der Name Lewissohn wieder in die Öffentlichkeit gelangen, so wünschen es sich Martin Rutsch und die Schwimm-Bloggerin Bianca Tchinda vom Verband der Berliner Bäderbesucher. Auf Antrag der Linksfraktion und in Zusammenarbeit mit Tchinda soll eine Ehrung der gesamten Familie Lewissohn vorgenommen werden, indem die Grünfläche, neben der das ehemalige Seebad Mariendorf stand, nach der Familie benannt wird. Darüber wird die Bezirksverordnetenversammlung am 18. Mai abstimmen.

EMPFEHLUNG Rutsch rechnet damit, dass die BVV ohne Diskussionen der Empfehlung des Kulturausschusses folgen wird und die Grünfläche zwischen Ullsteinstraße, Mariendorfer Damm und Markgrafenstraße in »Familie-Lewissohn-Park« im Andenken an die Verdienste von Adolf, Louise und Helene Lewissohn um das Seebad Mariendorf benannt wird. Der durch die Fläche verlaufende Weg soll in »Seebadweg« umbenannt werden.

Mit ein bisschen Glück könnten in ein paar Monaten die neuen Straßenschilder stehen. »Aber mit dem Grünstreifen muss auch noch etwas passieren«, sagt Rutsch. Das Bezirksamt wurde bereits gebeten, sich darum zu kümmern.

Tochter Helene galt als Wohltäterin, richtete Armenspeisungen aus. Sie hat für das Bad nie eine Entschädigung erhalten.

So könnte das Straßenschild an einem authentischen Ort auf die Familie hinweisen, denn hier haben die drei gelebt. In der Seniorenresidenz, die an den Park grenzt, erinnern heute noch ein Bild von dem Bad und die Reste der einstigen Grotte im Garten an die frühere Badeanstalt. Demnächst soll auch eine Gedenktafel für Adolf Lewissohn aufgestellt werden. »Allerdings zieht sich dieser Prozess bereits Jahre hin«, so Rutsch.

FINANZIERUNG Falls das neue Bad in Mariendorf gebaut werden sollte, könnte es immer noch nach der Tochter, Helene, benannt werden. Leider stehe der Bau des Multifunktionsbades aufgrund der fehlenden Investitionsmittel der Berliner Bäderbetriebe nun zur Disposition, so Rutsch. Es könnte das dritte werden, das nach Hans Rosenthal und James Simon an ein jüdisches Schicksal erinnert.

Von den Berliner Bäderbetrieben heißt es, die Finanzierung der Sanierung sei derzeit »nicht gewährleistet«. Gleichwohl stehe eine Entscheidung, wie es mit dem Kombibad Mariendorf weitergeht, noch aus. Diese werde »auf politischer Ebene getroffen«, teilen die Berliner Bäderbetriebe mit.

Die Familie Lewissohn habe an der Ullsteinstraße das Seebad Mariendorf betrieben, heißt es bei der Linksfraktion zur Begründung des Straßennamens. Adolf Lewissohn hat das Seebad gebaut, das 1876 am dortigen Riesenpfuhl eröffnet wurde. Über die Jahre wurde es stetig ausgebaut zu einem der größten und schönsten Seebäder Berlins. Bis zu 4000 Menschen konnten dort schwimmen.

VERDIENSTE Der Kaufmann war außerdem an vielen großen Projekten im Alt-Bezirk Tempelhof beteiligt. Darunter fielen der Bau des Teltowkanals und die Ansiedlung des Gaswerks, durch dessen Einnahmen das Eckener Gymnasium, das heute nicht mehr existierende Rathaus, die Feuerwehr und weitere Projekte ermöglicht wurden. Im Seebad Mariendorf konstituierte sich die erste Tempelhofer BVV nach dem Krieg.

Die »Lewissohnschen Eiswagen« galten als Institution.

Seine Frau Louise baute im Winter Eis ab und versorgte Brauereien mit dieser Möglichkeit, ihre Waren zu kühlen. Die »Lewissohnschen Eiswagen« galten als Institution. Helene Lewissohn, die Tochter der beiden, arbeitete vermutlich als Bademeisterin im Seebad Mariendorf. Sie galt als Wohltäterin, richtete Armenspeisungen aus. »Gesichert ist, dass sie nach dem Tod ihrer Eltern von den Nationalsozialisten um ihr Hab und Gut betrogen wurde«, sagt Martin Rutsch. Auch nach der Befreiung wurde sie nie für den Verlust entschädigt.

»Sowohl das Seebad als auch ihre sozialen und wirtschaftlichen Verdienste für den Alt-Bezirk sollten durch eine Benennung Sichtbarkeit erfahren«, so Rutsch. Der dafür vorgesehene Grünzug sei ideal.

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026