Interview

»Er hat ein Opfer gebraucht«

Will sich auch nach dem antisemitischen Überfall weiter am interreligiösen Dialog beteiligen: Rabbiner Daniel Alter Foto: Thomas Rosenthal

Herr Rabbiner, Sie wurden am Dienstagabend Opfer eines antisemitischen Angriffs und liegen jetzt im Krankenhaus. Wie geht es Ihnen?
Nun ja, ich werde keine bleibenden Schäden davontragen. Ich habe einen Jochbeinbruch, ein paar Prellungen, Schürfwunden und Schwellungen.

Inzwischen sind Sie am Jochbein operiert worden. Haben Sie den Eingriff gut überstanden?
Der Knochen wurde gerichtet, das hat offenbar gut funktioniert. Nun bekomme ich Antibiotika und Schmerzmittel und bin ziemlich schlapp, auch weil die OP unter Vollnarkose gemacht wurde.

Wissen Sie schon, wann Sie entlassen werden?
Der Ärzte sagen, relativ bald. Wenn ich Glück habe, noch vor dem Schabbes.

Mit welchem Gefühl werden Sie nach Hause gehen?
Ich werde in erster Linie froh sein, wieder mit meiner Familie zusammen zu sein.

Sie leben mit Ihrer Familie in unmittelbarer Nähe des Tatorts …
Dafür kann ja der Ort nichts. Das hätte mir auch woanders passieren können.

Hat es Sie nicht überrascht, ausgerechnet vor der eigenen Haustür zusammengeschlagen zu werden?
Nein, ich bin, seit ich da wohne, immer wieder mal von jungen Menschen mit Migrationshintergrund doof angequatscht oder antisemitisch angepöbelt worden. Dass ich mir fiese Sprüche anhören musste, wenn ich als Jude identifiziert wurde, war nicht neu für mich – weder in diesem Stadtteil noch irgendwo sonst in Deutschland. Ich habe es bisher immer geschafft, eine weitere Eskalation zu vermeiden. Aber diesmal ging das nicht, denn der junge Mann war, aus welchem Grund auch immer, fürchterlich aggressiv und hat ein Opfer gebraucht. Da lief ihm ein Jude über den Weg – für ihn ein Feindbild par excellence.

Da hätte es Ihnen wohl auch nicht geholfen, wenn Sie vorher mal einen Krav-Maga-Kurs besucht hätten …
Das weiß ich nicht. Ich bin kein Rambo. Wenn ich in Kampfsport fit gewesen wäre, dann hätte ich mir die Jungs vielleicht besser vom Leibe halten können. Aber wer weiß, vielleicht war der Angreifer ja selbst ein Kampfsportler. Das ging alles sehr schnell.

Ihre siebenjährige Tochter hat den Angriff mit angesehen. Wie geht es ihr?
Sie versucht, das Erlebte mit überschäumender Aktivität zu verarbeiten. Wir müssen abwarten.

Sie waren über Jahre im jüdisch-muslimischen Dialog aktiv. Wie wird sich der Angriff auf Ihr Engagement auswirken?
Es gibt für mich keine kollektive Schuld. Für das, was ein einzelner Araber getan hat, kann ich nicht den ganzen Islam verantwortlich machen. Das Gespräch ist die einzige Chance, um aufzuklären und solche oder schlimmere Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern. Es steht schon in der Tora: Die Juden sind ein halsstarriges Volk. In diesem Sinne werde ich mich, so gut ich kann und wann immer ich eine Gelegenheit dazu bekomme, weiter am interreligiösen Dialog beteiligen. Daran wird auch ein Dumpfbackenschläger nichts ändern.

Mit dem Rabbiner sprach Tobias Kühn.

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  01.06.2026

Frankfurt am Main

Jüdische Gemeinde zeichnet Jugendengagement mit Beni-Bloch-Preis aus

»Wir ehren unser langjähriges Vorstandsmitglied Benjamin Bloch sel.A. und erinnern damit an seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft«, sagt der Vorstandvorsitzende der Gemeinde, Benjamin Graumann

 01.06.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Geburtstag

Mit exaktem Blick – Dagmar Nick zum 100. Geburtstag

Die Lyrikerin feierte in München mit einer Lesung ihren Jahrhundert-Geburtstag

von Michael Schleicher  30.05.2026

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026

Nordhausen

Ausstellung zeigt Lebensgeschichten von jüdischen Kindern

Im April 1945 befreite die Rote Armee bei Tröbitz 2.300 Häftlinge aus einem abgestellten Zug des »Verlorenen Transports«. Eine Ausstellung dokumentiert mit Fotos das Schicksal von acht überlebenden Kindern

 27.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Berlin

Orden Pour le mérite begrüßt Wolf Biermann als neues Mitglied

Die Künstler- und Gelehrtenvereinigung Pour le mérite trifft sich am Wochenende in Berlin zu ihrer Jahrestagung. Dabei werden neue Mitglieder in den exklusiven Kreis aufgenommen

 26.05.2026