München

Eine Frage der Existenz

Max Mannheimer Foto: Miryam Gümbel

Der Umgang mit Nachdrucken von NS-Propaganda war am 16. Juni Thema im Ausschuss für Hochschule, Forschung und Kultur des Bayerischen Landtags. Unter den Sachverständigen, die dazu angehört wurden, war Max Mannheimer, Überlebender der Schoa, Zeitzeuge, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees. Er appellierte eindringlich an die Politiker, diese Nachdrucke nicht zuzulassen. Für Mannheimer ist mit diesem Thema eine Existenzfrage verbunden – »nicht nur für uns Überlebende des nationalsozialistischen Terrors, sondern für die demokratische Kultur und Zukunft unseres gesamten Landes. Die Werte von Freiheit und Toleranz hängen in nicht geringem Maße von unserer Entscheidung ab, wie wir hier mit Nachdrucken von NS-Propaganda und Nazizeitungen umgehen«.

Bücher Gegen Argumente von Befürwortern, mit Verboten das selbstbestimmte Handeln von Bürgern zu beschneiden, stellte er die Frage, ob der Staat nicht auch aufgerufen ist »seine Bürger – und ich denke hier vor allem an unsere Jugend – zu schützen. Zu schützen vor Aufrufen zum Hass, zu Krieg, zum Rassismus und Antisemitismus. Denn aus nichts anderem bestehen diese Blätter und Bücher, die zwischen 1933 und 1945 das deutsche Volk auf einen Weg eingeschworen haben, an dessen Ende wir fast 60 Millionen Tote in Europa zu beklagen hatten.«

Gegen das Argument, demokratisch erzogene Menschen von heute seien für NS-Parolen nicht anfällig, setzte Mannheimer augenfällige Erfahrungen: »Ich frage, warum haben dann die neonazistischen Bewegungen in diesem Land und in Europa Zulauf, warum werden jüdische Friedhöfe (wieder) geschändet und Juden, Ausländer oder Roma und Sinti angegriffen, warum steigt die Zahl rechtsradikaler Verbrechen? 65 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus stellen wir Überlebende eine Besorgnis erregende Tendenz – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa – fest, eine Tendenz die Vergangenheit auszublenden.« Er zitierte aus dem 2009 in Berlin verabschiedeten Vermächtnis der Holocaust-Überlebenden: »Gerade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. Gerade deshalb müssen Erinnerung und Gedenken weiterhin gleichermaßen Aufgabe der Bürger und Staaten sein.«

Appell Auch von kommentierten Nachdrucken hält der Zeitzeuge mit bald 30 Jahren Erfahrung in Tausenden von Gesprächen mit Schülern über den Nationalsozialismus nichts. Er schätze die unverzichtbare Arbeit der Zeithistoriker, betonte Mannheimer. Aber es ist ihm »unerklärlich, wie gerade diese Historiker die Gefahr der Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes offenbar nicht einmal erahnen«. Mannheimers Appell: »Es wäre unverantwortlich, Nachdrucke von NS-Propagandamaterial für den freien Markt zuzulassen, ob nun aus kommerziellen Gründen oder auch in guter Absicht. Deshalb wende ich mich – als Stimme der Überlebenden des NS-Regimes – an die Regierungen des Freistaates Bayern und des Bundes in der Hoffnung, dass die Verbreitung nationalsozialistischen Pressematerials verhindert wird, ob es die juristischen Voraussetzungen erlauben oder nicht. Das, so glaube ich, sind wir, ist dieses Land auch den Opfern des NS-Regimes schuldig. Das ist auch eine Frage von Anstand und Moral.« Er schloss mit den Worten: »Es liegt in unserer Hand, ein Zeichen zu setzen.«

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