Jubiläum

Ein wahrer Allrounder

Leo Blech Foto: picture alliance / akg-images

Jubiläum

Ein wahrer Allrounder

Vor 150 Jahren wurde der Komponist, Dirigent und langjährige Kapellmeister der Deutschen Oper, Leo Blech, geboren

von Christine Schmitt  29.04.2021 08:52 Uhr

»Ich war sehr, sehr glücklich. Denn jetzt durfte ich wieder nach Berlin.« Das schrieb Leo Blech (1871–1958), als er nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Stockholmer Emigration nach Deutschland zurückkehren konnte. Der international gefeierte Kapellmeister und Komponist war 35 Jahre lang eine zentrale Figur des Berliner Musiklebens, heißt es bei der Deutschen Oper Berlin. Aber er dirigierte auch die Berliner Philharmoniker und natürlich die Staatskapelle, die damals noch Hofoper hieß.

»In der Geschichte der Hof- und Staatsoper Unter den Linden dürfte es keinen Dirigenten gegeben haben, der so häufig vor dem Orchester gestanden hat, in Opern- wie Konzertaufführungen«, so der Chefdramaturg der Staatsoper, Detlef Giese. Mehr als 2600-mal hat Leo Blech die Hofoper über einen Zeitraum von rund drei Jahrzehnten dirigiert. »Er gehörte zu deren prägenden Dirigenten.«

WUNDERKIND Geboren wurde Leo Blech am 21. April 1871 als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie in Aachen. Obwohl er als ein pianistisches Wunderkind galt, absolvierte er erst eine kaufmännische Ausbildung bei einem Tuchhändler. Es folgte ein Studium an der Hochschule für Musik in Berlin. Doch nicht nur das Klavier zog ihn immer wieder in seinen Bann, auch das Komponieren faszinierte ihn. Seine erste von vielen selbst geschriebenen Opern wurde in Aachen uraufgeführt, wo er eine Anstellung als Kapellmeister bekam.

Nach seiner zweiten Station am Landestheater Prag kam er 1906 auf Empfehlung von Richard Strauss an das Opernhaus Unter den Linden. Leo Blech könne man als einen wahren »Allrounder«, gar als »Alleskönner« bezeichnen, meint Detlef Giese. Er dirigierte Opern von Mozart, Wagner und Strauss ebenso wie italienische und französische Opern sowie Stücke aus dem slawischen Sprachraum. Nach Querelen wechselte Blech zur Deutschen Oper. Mit den Orchestern beider Opernhäuser, aber auch mit den Berliner Philharmonikern und dem London Symphony Orchestra nahm er ab 1916 zahlreiche Schallplatten auf.

Mit Billigung Görings konnte Leo Blech über Berlin nach Schweden auswandern.

1926 ging Blech wieder an die Staatsoper Unter den Linden zurück. Emigrieren musste er nach der Machtergreifung der Nazis zunächst noch nicht, da Intendant Heinz Tietjen, der ihn außerordentlich schätzte, seine schützende Hand über ihn hielt, und auch Hermann Göring, dem die Staatsoper formell unterstand, ihn halten wollte, so Giese. Aber 1937 war damit Schluss. Blech floh mit seiner Frau nach Riga, um dort an der Nationaloper bei zahlreichen Opernaufführungen zu dirigieren, bis das Ehepaar 1941 ins Ghetto deportiert werden sollte. Mit Billigung Görings konnte Leo Blech über Berlin nach Schweden auswandern – wo seine Tochter lebte. Dort widmete er sich vor allem den Aufführungen von Wagner-Opern.

REPERTOIRE 1949 kehrten er und seine Frau nach Berlin zurück. In den Folgejahren stand er wieder oft am Pult der Deutschen Oper, vor allem, um immer wieder Carmen zu dirigieren. In seinem Leben leitete er mehr als 700-mal Bizets Oper, überwiegend in der Staatsoper, zu der er aber sonst »keine besondere Beziehung« hatte. Bei einer Aufführung stürzte er, verletzte sich und beendete daraufhin als über 80-Jähriger sein Arbeitsleben.

Die Intendantin der Berliner Philharmoniker, Andrea Zietzschmann, würdigt ihn: »Leo Blech war nicht nur ein prägender Dirigent und Komponist für die Berliner Opernwelt, sondern hat seit seinem Debüt 1907 auch regelmäßig die Berliner Philharmoniker dirigiert. Bis zu seiner erzwungenen Emigration im Jahre 1937 hat er über 45 Konzerte geleitet, nach 1950 stand er noch elfmal am Pult unseres Orchesters. Sein Repertoire war dabei sehr vielfältig, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf dem deutschen Opernrepertoire lag. Er galt als einer der bedeutendsten Wagner-Interpreten seiner Zeit.«

Er wurde auf dem Friedhof Heerstraße beerdigt, aber nach einigen Jahrzehnten wurde das Ehrengrab »aufgelassen« und der Grabstein abgesägt – was zu Protesten führte, die so stark waren, dass der Stein wieder aufgestellt wurde. Dass die Emigration die Familie auseinanderriss – der Sohn blieb in den USA, die Tochter in Stockholm –, belastete ihn. Er soll jeden Tag lange Briefe geschrieben haben, um den Kontakt zu halten.

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