Porträt der Woche

Ein Überlebenswerk

Mein Kardiologe sagt immer, ich sei nicht alt, sondern speziell. Mag sein. Jedenfalls hätte ich nie gedacht, dass ich einmal meinen 105. Geburtstag erlebe. Ich wurde 1920 in Düsseldorf geboren. Mein Vater arbeitete damals als Elektroingenieur bei Siemens. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und noch nicht wussten, wie sie mit jüdischen Bürgern umgehen sollten, forderten sie viele zur Auswanderung auf. So verließen auch wir – meine Eltern und meine jüngere Schwester Mirjam – 1934 Deutschland.

Meine Mutter stammte aus Bessarabien, das heute größtenteils zur Republik Moldau gehört. In Chisinau fand mein Vater eine Anstellung. Dort blühte das jüdische Leben: Schulen, Synagogen, Krankenhäuser. Wir fühlten uns nicht als Minderheit. Ich sang im Chor und spielte mit dem Gedanken, Kantor zu werden. Streng religiös waren wir nicht, eher liberal. Meine Eltern gaben uns viel Liebe. Ich besuchte das jüdische Gymnasium, übersprang zwei Klassen und studierte anschließend Bautechnik – ohne zu ahnen, wie sehr mich diese Entscheidung nach dem Krieg prägen würde.

Ausreise in die USA oder nach Argentinien

Wir hatten vergeblich versucht, in die USA oder nach Argentinien auszureisen, wo seit 1926 meine Tante Adele lebte. Mit dem Angriff der Nationalsozialisten auf die Sowjetunion änderte sich unser Leben erneut. Ich erinnere mich noch genau: Eines Tages sah ich zwei Flugzeuge am Himmel kämpfen. Da wusste ich, das ist keine Übung, das ist Krieg.

Wir versprachen einander, uns nach dem Krieg
bei Tante Adele zu treffen. Ich war der Einzige.

Im Sommer 1941 pferchten uns SS-Männer, unterstützt von rumänischen Faschisten, im Ghetto von Iași zusammen. Nach drei Monaten befahlen sie mir, mich mit rund 1400 anderen jüdischen Männern auf einem Schulhof einzufinden. Von dort brachte man uns zum Bahnhof und deportierte uns in regulären Zügen zur Zwangsarbeit. An diesem Tag sah ich meine Eltern und meine Schwester zum letzten Mal. Wir versprachen einander, uns nach dem Krieg bei Tante Adele wiederzutreffen. Ich war der Einzige, der sich bei ihr meldete.

Bis heute weiß ich nicht, was mit ihnen geschehen ist – nur, dass keiner von ihnen die Schoa überlebt hat.

Nach mehreren Zwischenstationen brachten sie mich in die »Gleiwitzer Drahtwerke«, ein Außenlager von Auschwitz-Birkenau. Dort begegnete ich meiner späteren Frau Maria. Sie war 16 Jahre alt, machte ein Praktikum im Büro und stammte aus einer katholischen Familie, die mit jüdischen Familien befreundet war. Es war uns streng verboten, miteinander zu sprechen – doch über heimliche Blicke entstand eine stille Zuneigung.

Als uns 1944 die sowjetische Armee befreite, trennten sich unsere Wege. Ein Wiedersehen schien unmöglich. Erneut glaubte ich, einen Menschen verloren zu haben. Doch 1945, als ich mich in Berlin bei den Amerikanern als »Displaced Person« registrieren musste, stand sie plötzlich wieder vor mir. Sie war mit ihrer Familie aus Schlesien vertrieben worden. Doch ich erkannte sie zunächst nicht. Eine Leberentzündung hatte sie schwer gezeichnet. Ich brachte sie ins Jüdische Krankenhaus, wo sie wieder zu Kräften kam. Das Schicksal hatte uns wieder zusammengebracht, und wir hatten nicht vor, uns jemals wieder zu trennen.

Mit der Geburt unserer Söhne René und Michael begann für mich ein neues Leben

Maria lebte zunächst bei einer Freundin in Zwickau. Ich fand eine Anstellung als Bauleiter im Roten Rathaus. Als ich das Gefühl hatte, mir eine Existenz aufgebaut zu haben, dachte ich: Jetzt können wir heiraten. Das taten wir im August 1946. Als Ehepaar durften wir in Berlin bleiben. Mit der Geburt unserer Söhne René und Michael begann für mich ein neues Leben. Wir bauten das wieder auf, was mir die Deutschen genommen hatten – eine Familie.

Oft werde ich gefragt, wie ich als Überlebender nach Deutschland zurückkehren konnte. Trotz des Schreckens habe ich nie negativ gedacht. Man kann kein ganzes Volk verurteilen. An Wiedergutmachung glaube ich ohnehin nicht. Millionen Tote kann niemand zurückholen. Meine Entschädigung für die Zwangsarbeit betrug 3500 D-Mark, aber damit ist keine Schuld beglichen. Ich habe einfach das getan, was mich mein Judentum lehrte: Menschen als Menschen zu behandeln.

Im Jahr 1953 änderte sich unsere Situation erneut. Nach Stalins Tod hieß es, jüdische Ärzte hätten ihn vergiftet. Die Gemeinde riet mir, meine Anstellung in Ost-Berlin aufzugeben und in den Westen zu fliehen. Wegen meiner Position fürchteten wir, dass ich entführt werden könnte. Solche Fälle häuften sich damals. Gemeinsam mit etwa 100 Familien zogen wir nach Westdeutschland. Unsere erste Station war das ehemalige Konzentrationslager Osthofen, das nach dem Krieg als Auffanglager für Vertriebene diente. Von dort kamen wir nach Bad Kreuznach.

Für mich war das Leben immer ein Existenzkampf.

Bei meiner Ankunft war ich der Jüngste in der jüdischen Gemeinde. Wir waren 13 Mitglieder – alles Überlebende. Die Gemeinde hatte ein Haus als Wiedergutmachung erhalten. Ab 1954 arbeitete ich bei den amerikanischen Streitkräften über 33 Jahre lang als leitender Ingenieur. Irgendwann war ich so etwas wie der Bürgermeister der amerikanischen Community.

Für mich war das Leben immer ein Existenzkampf. Aber meine Erfolge zeigten mir, dass sich das Weitermachen lohnt. Ich musste mein Können immer wieder beweisen. Mir wurde nichts geschenkt. Außer eine glückliche Ehe, die ich 74 Jahre lang mit meiner geliebten Maria bis zu ihrem Tod führen durfte. Und meine Söhne, die wir auf einen guten Lebensweg bringen konnten. Nur, dass meine Söhne auch jüdisch werden, das wollte ich nie. Damit ihnen erspart bleibt, was ich erleben musste. Man weiß nie, was noch kommt.

Mitte der 80er-Jahre ging ich in den Ruhestand, der sich jedoch schnell in einen Unruhestand verwandelte. Denn nach der Vereinbarung zwischen dem damaligen Bundeskanzler Kohl und dem Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski bekam die Gemeinde neuen Zuwachs. Jüdische Zuwanderer aus den ehemaligen Sowjet­republiken – sogenannte Kontingentflüchtlinge. Sie waren eine große Bereicherung. Bis dahin war unklar, ob unsere Gemeinde überhaupt überleben würde.

Ich vereinbarte mit dem Gymnasium, dass alle Kinder Deutschunterricht bekamen

Als Geschäftsführer und zweiter Vorsitzender wollte ich den neuen Mitgliedern nicht nur ein religiöses Zuhause geben, sondern ihnen helfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Ich fand, ein Gebetsbuch auf Russisch reiche nicht – im Gegenteil.

Sprache war der Schlüssel. Ich vereinbarte mit dem Gymnasium, dass alle Kinder Deutschunterricht bekamen. Viele von ihnen studierten später Jura oder Medizin. Die Wohlfahrt und die Hilfe in der Not waren für mich immer das wichtigste Gebot des Judentums. Dafür habe ich 2006 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Doch ich sage jedem, ich will nichts Besonderes sein und keine Ausnahme. Es ist mein Selbstverständnis als Jude und als Mensch.

Als die Amerikaner 1995 den Standort auflösten, verkauften wir das alte Gemeindehaus und bauten die ehemalige US-Kapelle zu einer Synagoge um. Viele Bauarbeiter arbeiteten ohne Lohn, wir mussten nur das Material bezahlen, und so wurde sie die vielleicht günstigste Synagoge Deutschlands. Mein Sohn René, der Künstler ist, gestaltete ein sakrales Portalfenster, das seit 2017 den Raum erstrahlen lässt und dieses Gotteshaus zu einem echten Schmuckstück macht.

Mittlerweile muss das Gebäude dringend saniert werden, aber das Geld dafür fehlt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass niemand an die kleinen Gemeinden denkt. Dabei ist meine Lebensgeschichte der Beweis dafür, dass Synagogen keine Immobilien sind, sondern Orte der Ankunft, des Neuanfangs und des Lebens. Hier feiern wir unsere Feste, erleben Gemeinschaft und lernen miteinander.

Immer noch müssen wir um Akzeptanz kämpfen

Gerade jetzt, wo sich der Antisemitismus wieder offen zeigt, ist es wichtig, dass die jüdischen Organisationen mehr für die Gemeinden tun. Wir Überlebenden haben der Gesellschaft oft gesagt, dass es nie wieder geschehen darf. Aber die Umsetzung liegt nun in den Händen der jungen Generation und in der Verantwortung der Politik. Immer noch müssen wir um Akzeptanz kämpfen. Ich weiß, was Flucht und Vertreibung bedeuten. Dennoch habe ich mir über ein Jahrhundert lang den Glauben an das Gute bewahrt. Weil ich mich nicht von Zerstörung entmutigen lassen, sondern dem Aufbau von Positivem verschrieben habe.

Heute lebe ich bei meinem Sohn René in der Nähe von Lübeck, umgeben von meiner wunderbaren Familie. Vielleicht bin ich speziell und sicher nicht mehr der Jüngste, aber meine Zuversicht altert nicht.

Aufgezeichnet von Lorenz Hartwig

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