Frankfurt/Main

Ein Tag für sie allein

Ihre Haare darf sie momentan nicht färben. Zu viel Chemie, sagt ihr Arzt. Nicht, dass sie dann doch noch ausfallen, was trotz der Chemotherapie, der sie sich schon seit einiger Zeit unterziehen muss, zum Glück bislang nicht geschehen ist. Dass sich in den blonden Pagenkopf ein paar graue Strähnen mischen, macht ihre Frisur eher noch interessanter. Die Haare frisch gewaschen und geföhnt, die Nägel gemacht, ein Lidschatten, der perfekt zu ihren grünblauen Augen passt, und ein dunkelroter Lippenstift, der ihrem Mund eine interessant geschwungene Kontur verleiht.

»Sie sehen toll aus!«, sagt Geschäftsführerin Deniz anerkennend. Und alle Mitarbeiterinnen im Friseursalon »Westside Hair & Beauty« nicken zustimmend. »Das zu hören, tut mir richtig gut«, erwidert die elegante ältere Dame und wirft selbst noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel, bevor sie ihren Mantel anzieht und geht, nicht ohne reichlich Trinkgeld da zu lassen.

weltkrebstag Sonntagvormittag: Die kleinen schwarzen Sessel im »Westside« sind fast alle besetzt. »Ich finde es toll, dass hier Leute ihre Freizeit opfern, um heute für uns da zu sein«, sagt Heike, die gerade ihre Fingernägel feilen lässt. Sie und die anderen Kundinnen sind Patientinnen am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen (UCT) der Frankfurter Universitätsklinik. Für den Weltkrebstag am 4. Februar hatten sich das UCT und der Friseursalon im Frankfurter Westend in diesem Jahr etwas ganz Besonderes überlegt: ein Wellness-Programm für an Krebs erkrankte Frauen – komplett kostenlos natürlich.

Friseurmeisterin Deniz kennt in ihrem eigenen persönlichen Umfeld mehrere Menschen, die an dieser schweren Krankheit leiden. Daher hat sie auch Kontakt zu einigen Mitarbeitern in den onkologischen Abteilungen der Uniklinik, mit denen zusammen sie die Idee für das Wellness-Programm entwickelt hat. »Ich war sofort begeistert von diesem Vorschlag.« Auch Eli Goldstein und Bernard Reiser, denen der Friseursalon gehört, mussten nicht lange überzeugt werden, sondern waren sofort damit einverstanden, dass ihr Laden ausnahmsweise einmal an einem Sonntag öffnet und die ganze Palette seines Services für Schönheit kostenfrei für die Patientinnen des UCT anbietet.

Flyer In den onkologischen Ambulanzen und im Zentrum für Strahlentherapie wurden Flyer ausgelegt, um auf dieses besondere Angebot hinzuweisen. »Die Klinikmitarbeiter haben die Patientinnen auch direkt angesprochen und eingeladen, hierherzukommen«, erläutert Ekaterina Plakkhin von der Pressestelle des Klinikums. »Die meisten haben sich richtig gefreut, als sie davon erfahren haben.«

Und doch: »Zunächst habe ich gezögert«, berichtet Regina. Die 68-Jährige ist an Brustkrebs erkrankt und erhält derzeit Bestrahlungen. »Ich glaube, viele Frauen in dieser Situation sind gehemmt«, meint sie. Schließlich heißt das ja auch, sich als krebskrank zu outen, wenn man dieses besondere Angebot annimmt. »Jetzt gehen Sie doch einfach hin!«, habe aber eine Assistentin in der Radiologie zu ihr gesagt: »Und dann bin ich los«, bekennt Regina lachend. Sie scheint diesen Entschluss ganz und gar nicht zu bereuen.

»Das ist die allererste Maniküre meines Lebens«, meint sie und taucht ihre Finger erneut in das kleine Schälchen mit klarer Flüssigkeit. »Meine Haare sind schon gemacht«, sagt sie und schüttelt ihren jugendlichen hellgrauen Bubikopf: »Bei mir würden die niemals so gut sitzen!«

Diagnose Heikes Fingernägel werden mittlerweile lackiert, in einem zarten Rosa, das perfekt zu ihrer Bluse und dem Lippenstift passt, den man im Salon für ihr Tages-Make-up ausgewählt hat. Und während der Lack trocknet, erzählt sie ganz freimütig von ihrer Krankheit. »Alles bestens«, hatte ihre Frauenärztin noch nach dem letzten Brustultraschall in der Praxis gesagt. Aber die Routine-Mammografie, zu der jede Frau ab 50 alle zwei Jahre eingeladen wird, zeigte doch einen beunruhigenden Schatten im Brustgewebe.

Das war im November, es folgte die Operation, im Grunde nur ein kleiner Eingriff, weil der Tumor gut entfernt werden konnte. Heike war nach zwei Tagen wieder zu Hause, aber die Angst, der Schrecken, der Schock – sie blieben. »Ich habe zu meiner Ärztin gesagt: Wenn sich der Film, der gerade in meinem Kopf abläuft, auf eine Leinwand projizieren ließe – Sie würden schreiend davonlaufen.« Der blanke Horror eben für eine lebenslustige Frau wie Heike, 52 Jahre alt, verheiratet seit 28 Jahren und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

Ehepartner Auch sie bekommt derzeit Bestrahlungen: »25 von insgesamt 28 Terminen in der Radiologie habe ich schon absolviert, am nächsten Mittwoch ist Schluss damit.« Daran schließt sich allerdings noch eine langwierige Hormontherapie mit Anti-Östrogenen an. »Ich habe zu meinem Mann gesagt: ›Du liest den Beipackzettel, ich nicht!‹« Damit er sich später nicht wundert, wenn sie infolge der Hormonbeigaben plötzlich ein verändertes Verhalten an den Tag legt.

Für Sandra Ohm, Pressesprecherin am Universitätsklinikum, ist dies ein vertrautes Muster. »Die Patientinnen denken an alles: an ihre Familie und wie die mit ihrer Erkrankung fertig wird, daran, wie sie alles organisieren müssen, damit der Alltag weitergehen kann, während sie krankheitsbedingt ausfallen, und natürlich an ihre Krankheit selbst. Nur an sich selbst denken sie nie.« Und genau darin sieht sie den Sinn des Wellness-Programms, wie es »Westside Hair & Beauty« angeboten hat: »An diesem Tag zählen vor allem sie selbst, da dürfen sie sich endlich einmal auf sich konzentrieren und sich rundum verwöhnen lassen.«

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 03.11.2026

Sachsen-Anhalt

Lotto fördert Dachsanierung der Synagoge in Gröbzig

Die jüdische Gemeinde in Gröbzig entstand im 17. Jahrhundert nur wenige Kilometer entfernt von der anhaltischen Residenzstadt Köthen. Die 1796 errichtete klassizistische Synagoge wird seit 1934 als Museum genutzt

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Frankfurt

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In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

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Verantwortung

Abschied und Neuanfang

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Es war ein bewegender Moment: Nach langer Planung öffnete die bundesweit wirkende Jüdische Akademie in Frankfurt ihre Türen. Mit Prominenz, rabbinischem Segen - und eindringlichen Worten gegen Antisemitismus

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Eröffnungsrede

»Raum geben für Differenzierung«

Zentralratspräsident Josef Schuster skizzierte in seiner Rede zur Eröffnung der Jüdischen Akademie, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen soll. Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut

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Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

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