Interview

»Ein Tag des Aufbruchs«

Jo-Achim Hamburger Foto: Christine Dierenbach/Amt fuer Kommunikation und Stadtmarketing

Interview

»Ein Tag des Aufbruchs«

Der Gemeindevorsitzende Jo-Achim Hamburger über einen Festakt in Nürnberg und Markus Söders »Schutzversprechen«

von Helmut Kuhn  12.09.2024 09:02 Uhr

Herr Hamburger, am Sonntag wurde der Festakt 150 Jahre Einweihung der Hauptsynagoge am Nürnberger Hans-Sachs-Platz begangen. Was bedeutet Ihnen dieser Tag?
Er ist es sicherlich wert, Rückschau zu halten auf die unglaublichen Leistungen der bekannten Nürnberger Juden, die mit hohem Risiko und viel Freude an ein Projekt herangingen, das seinesgleichen sucht. Diesen Geist von damals versuchen wir hier in Nürnberg mit unserer jungen Generation fortzuführen. Das dauert noch ein bisschen, aber wir sehen jetzt schon gewisse Anzeichen dafür, dass auch bei uns ein Aufbruch stattfindet. Dieser Tag der Einweihung ist auch ein Tag des Aufbruchs in der Gemeinde.

Bei der Prozession wurde eine neue Torarolle in die Synagoge der Arno-Hamburger-Straße eingebracht. Wie hat die Stadtgesellschaft darauf sowie auf den Festakt reagiert?
Das ist eine Frage der Definition. Was ist denn Stadtgesellschaft? Wichtig ist, dass die Spitzenpolitiker aller demokratischen Parteien zu 100 Prozent hinter uns stehen und standen, auch in der Vergangenheit, und auch die Polizei und alle anderen Würdenträgerinnen und Würdenträger. Wir haben sehr viel Positives erlebt. Natürlich gibt es auch die eine oder andere kritische und antisemitische Stimmung, dass wir so viel Schutz bräuchten, das sei beispielsweise unglaublich, heißt es da. Aber wir haben nach der Schockwelle der Entsolidarisierung nach dem 7. Oktober 2023 jetzt auch wieder gesehen, dass die meisten Menschen guten Willens sind und hinter uns stehen. Und das macht uns sehr viel Mut.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erneuerte auf dem Festakt vor dem Hintergrund des 7. Oktober und des jüngsten Anschlags in München auf das israelische Generalkonsulat sein »Schutzversprechen« für jüdisches Leben in Deutschland. Wer Juden angreife, greife alle an, sagte er. Wie bewerten Sie dieses Versprechen?
Das Schutzversprechen des Ministerpräsidenten ist für uns eine Wahrheit eins zu eins, an die er sich, und das möchte ich betonen, in der Vergangenheit immer gehalten hat. Die Frage, die ich am Sonntag gestellt habe, ist aber: Es geht sicher nicht um jüdisches Leben, wenn Menschen in Solingen abgestochen werden oder wenn ein Polizist in Mannheim brutal ermordet wird. Aber es ist genau das passiert, was wir immer vorausgesagt haben. Dass diese Leute, wenn sie gegen Juden vorgehen, auch keine Rücksicht nehmen, ob es sich bei ihren Opfern um Juden handelt, Christen, gemäßigte Muslime oder andere Menschen – das ist denen völlig egal. Es ist der politische Islam, es sind die Leute aus dem rechtsradikalen Spektrum, die eine Bedrohung darstellen.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Gemeinde heute?
Vor allem vor der, dass wir unsere Jugend für die Arbeit in der Gemeinde begeistern müssen. Die »Generation Z« ist nicht gerade berühmt für ihre Eigeninitiative, es ist eine andere Zeit. Wir versuchen, mit unseren Aktivitäten diese Aufbruchstimmung bei den Jugendlichen zu generieren. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass wir auch eine Fürsorgepflicht für unsere älteren Gemeindemitglieder haben. Diese 360 Grad – die Jugendlichen, die jetzt die Schule und den Religionsunterricht besuchen, der Kindergarten und natürlich die Senioren –, diese Herausforderung sehen wir als vordergründige Thematik unserer Zukunft.

Wie werden Sie die Hohen Feiertage ein Jahr nach den Massakern begehen?
Mit noch mehr Andacht als in der Vergangenheit, und wir werden sicherlich an verschiedenen Gedenkveranstaltungen teilnehmen, zum Beispiel bei der in München, wohin wir schon einige Busse gechartert haben. Dort solidarisieren wir uns mit unseren Brüdern und Schwestern.

Mit dem Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg sprach Helmut Kuhn.

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Mode

»Die Kippa gehört zum Outfit«

Jonathan Hirsch über edle Stoffe zu den Feiertagen, stilistische Entgleisungen und die jüdische Kopfbedeckung als Accessoire

von Mascha Malburg  04.09.2026

Bildung

Neues ELES-Stipendium unterstützt jüdische Mediziner bei ihrer Promotion

Die Bewerbungsphase beginnt heute. Vorgesehen ist eine Förderung über zwölf Monate

 03.09.2026

Bad Sobernheim

Mit allen gemeinsam

Die Bildungsfreizeit ist für »Gesher« ein Höhepunkt des Jahres

von Leon Stork  03.09.2026

Und wenn ...

Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Es steht viel auf dem Spiel. Katrin Richter und Stephan Pramme waren unterwegs in Magdeburg, Halle und Dessau

von Katrin Richter  03.09.2026

Programm

Offene Türen am Rhein, Lehrhaus am Main und ein Kulturfest im Vogtland: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. September bis zum 9. September

 03.09.2026

Köln

»So klingt das Leben!«

Festival SHALOM-MUSIK.KOELN startet mit einer Hommage an die Dichterin Hilde Domin. Klang des Schofars ruft zum Zuhören

von Claudia Irle-Utsch  02.09.2026

Mitzvah Day

Gemeinsam. Füreinander.

Der »Tag der guten Taten« steht wieder vor der Tür

 02.09.2026

Ehrenamt

Zeit für andere

Vereine, Institutionen und auch Gemeinden bauen auf sie: Menschen, die sich freiwillig für jüdisches Leben engagieren. Zwei Projekte werden nun ausgezeichnet

von Katrin Richter  02.09.2026 Aktualisiert