Sachsen

Ein Minjan für Görlitz

Als die Sinfonietta Dresden Anfang April in der Görlitzer Synagoge musizierte, war es wohl das vorerst letzte Mal, dass die provisorische Bühne vor dem Toraschrein bespielt wurde. Die gesamte Raumnische, in der sich einst die Bima befand, verschwindet vorübergehend hinter einer staubdichten Verkleidung. Bis zum Herbst sollen Almemor und Aron Hakodesch mit den angrenzenden Wandflächen restauriert werden – verborgen vor den Blicken der Besucher, die trotzdem zu Veranstaltungen oder Führungen in das ehemalige jüdische Gotteshaus kommen dürfen.

In der Pogromnacht 1938 war auch die 1911 eröffnete Synagoge in Görlitz in Brand gesteckt worden. Es war ein Wunder, dass die Feuerwehr zum Löschen anrückte. 1963 kaufte die Stadt das Gebäude, wusste aber nicht, was sie mit ihm anfangen sollte. Das prächtige Haus ohne jüdische Gemeinde blieb sich selbst überlassen und verfiel zusehends. Nach 1990 begann zwar eine Sanierung, bei der lief jedoch vieles falsch, wie der Leiter der Görlitzer Denkmalschutzbehörde, Peter Mitsching, heute sagt.

Bundesförderprogramm Nachdem die Synagoge in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze in das Bundesförderprogramm für national wertvolle Kulturdenkmäler aufgenommen wurde, bekam ihre Wiederherstellung eine neue Dynamik. Alle Bauarbeiten sollen bis 2016 beendet werden. Die Kuppel mit dem Löwenfries im Hauptraum erstrahlt bereits seit 2013 vergoldet und in frischen Farben.

Anfang dieses Jahres ging es bei einem Workshop um die Frage, welche Spuren der wechselvollen Vergangenheit erhalten bleiben sollen. Die Vernachlässigung zu DDR-Zeiten sowie Baufehler, die zwischen 1991 und 2004 gemacht worden sind, dürften keinesfalls mit der Schändung der Synagoge während der NS-Zeit gleichgesetzt werden, sagt Mitsching. »Das wäre historisch nicht redlich«, findet auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Dresden, Nora Goldenbogen. Zeichen bewusster Zerstörung vor 1945 sollten zu sehen sein – alles andere wird restauriert.

Von der Historikerin kam der Vorschlag, dass der Aron Hakodesch offen und sichtbar ohne Torarollen bleibt. Die Verletzung an zentraler Stelle sei damit augenscheinlich. »Es wird sofort deutlich, dass die Synagoge nicht mehr vollständig ist«, sagt Goldenbogen. Die Malerei im Toraschrein, wo sich im Moment ein großer weißer Fleck zeigt, wird dagegen komplett restauriert. Erst in den 90er-Jahren war das Ornament stark beschädigt worden, als Wasser bei Bauarbeiten von der Orgelempore herablief.

Auch die Stufen am zerstörten Almemor sollen rekonstruiert werden. Verzichtet wird allerdings auf jegliche Aufbauten, etwa die Bima mit Lesepult. Die Halterung einschließlich des Ewigen Lichts wird nicht ersetzt. Wichtig erscheint es der Dresdner Gemeindevorsitzenden, den früheren Zustand des jüdischen Gotteshauses in einer Publikation umfassend zu dokumentieren. Unter entsprechenden Umständen wäre es kein Problem, den Mittelpunkt der Synagoge irgendwann ganz wiederherzustellen.

Profanisiert Einstweilen konzentrieren sich die Bemühungen auf die frühere Wochentagssynagoge. In dem Raum hinter dem Kuppelsaal soll ein Gebetsraum entstehen. Der Förderkreis Görlitzer Synagoge setzt sich seit Jahren dafür ein, entgegen aller Skepsis und Widerstände in der Stadt. Der ehemalige Oberbürgermeister Joachim Paulick (parteilos) berief sich stets darauf, dass die Synagoge in Besitz der Stadt und damit ein öffentliches Gebäude sei. Entsprechende Stadtratsbeschlüsse erlaubten kein religiöses Leben darin, argumentierte der bis 2012 amtierende Rathauschef.

Inzwischen existiere eine größere Offenheit für dieses Thema, glaubt Gottfried Semmling. Er sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat und ist Schatzmeister im Synagogenverein. Dass der Toraschrein offen und leer bleibt, empfindet er als geniale Lösung, um die Verwundung des Gebäudes zu zeigen. »Von uns Gojim hat sich niemand getraut, das vorzuschlagen.«

Siegfried Deinege, der Paulick im Amt folgte, zeigt entschieden mehr Weitsicht als sein Vorgänger. Er wünscht sich, dass die Görlitzer Synagoge im ursprünglichen Sinne wieder zu einem lebendigen Haus wird: als Ort der Begegnung, der Toleranz, des kulturellen Austauschs, des Gedenkens, aber auch des Lernens.

Umdenken »In der jüdischen Kultur und Religion haben Synagogen von jeher diese Bedeutung«, betont der ebenfalls parteilose Oberbürgermeister. Riten und Traditionen jüdischer Religion sollten in der früheren Wochentagssynagoge mit einer ursprünglichen Ausstattung vermittelt werden. Er freue sich über das Angebot der Gemeinde in Dresden, dieses Vorhaben zu unterstützen, sagt Deinege.

»Da hat sich einiges bewegt«, meint auch Nora Goldenbogen. Sie lobt die offenere Atmosphäre im Rathaus und Deineges Bereitschaft, miteinander zu reden. Die Dresdner Gemeinde wolle die Einrichtung des Gebetsraumes aktiv begleiten und die religiöse Obhut dafür übernehmen. Rabbiner Alexander Nachama hat sich bereit erklärt, Gottesdienste in Görlitz zu leiten, wenn ein Minjan zustande kommt. Eine Torarolle will er aus Dresden mitbringen.

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