Darmstadt

Ein Koffer voller Geschichten

Birgt Familienhistorien: Überseekoffer im neuen Darmstädter Museum Foto: Ellen Eckhard

Einige der Schoa-Überlebenden, die aus Vernichtungs- und Konzentrationslagern befreit worden waren, halfen 1945, die Jüdische Gemeinde Darmstadt wiederaufzubauen. Unter ihnen Alexander Haas und Josef Fränkel. Schwer lungenkrank, war ihm und seiner Frau Johanna die Einreise in die USA verwehrt worden.

An diese Zeit des Aufbaus erinnerte die 87-jährige Johanna Fränkel, als sie am Sonntag die Besucher des neuen Museums in Darmstadt begrüßte. Ihre Tochter Ritula Fränkel, eine international erfolgreiche Installationskünstlerin, hat das Museum eingerichtet.

Erinnerungsstücke Nach dem Krieg waren im Darmstädter Schloss kostbare Dokumente und Kultgegenstände gefunden worden. Sie bildeten den Grundstock eines Schauraumes, der 1991 in der ersten Etage des Gemeindehauses eingerichtet wurde. Immer mehr Erinnerungsstücke tauchten auf und wurden in die Gemeinde gebracht. Aber Anforderungen an einen Erinnerungsraum haben sich verändert. Heute wünscht man sich einen Lernort, insbesondere für junge Besucher.

Mehr als zwei Jahre brauchte Ritula Fränkel, um ihre Ideen für das neue Museum umzusetzen. Der Historiker Thomas Lange, der die Künstlerin beriet, fragte etwa, wie man jüdische Geschichte vermitteln kann, ohne sie nur als Vorgeschichte des Holocaust zu verstehen. Eine Herausforderung, 500 Jahre jüdische Geschichte Darmstadts in einem einzigen Raum darzustellen. So empfängt den Besucher am Durchgang die plakatgroße Reproduktion einer spätmittelalterlichen Haggada.

In der Landesbibliothek Darmstadt wird ein besonders kostbares Exemplar mit vielen bunten Bildern aus dem Jahr 1430 aufbewahrt. Die jüdische Gemeinde besitzt eine faksimilierte Kopie der Pracht-Handschrift. Von den abgebildeten jüdischen Frauen in mittelalterlicher Tracht sieht man erstaunlich viele lesen, einige diskutieren offenbar. Erst durch die starke Vergrößerung werden viele Details sichtbar.

Kinder im Ghetto Im Hauptraum des Museums fällt der Blick als Erstes auf eine große Leinwand. »Wo sind die Kinder?«, fragt ein Zwischentitel. Ein Projektor wirft Fotos von Kindern in Ghettos an die Wand: Kinder, die nach 1933 nicht mehr in die gewohnte Schule gehen durften; Kinder, die den gelben Stern trugen; Kinder, die in Lagern verschwanden oder an denen medizinische Experimente vorgenommen wurden. Hier erhalten die Verschwundenen noch einmal Namen.

In diesem Museum darf alles angefasst werden, was nicht durch Glas geschützt ist. Öffnet man beispielsweise eine der vielen Türen des »Geheimnis-Schranks« kann man wertvolle Kultgegenstände betrachten. Anfassen kann man auch einen Mantel, ein gewöhnlicher Trenchcoat – doch auf der linken Seite wurde in Brusthöhe ein gelber Stern angenäht. Dreht man sich um, öffnen sich die handbemalten Türen eines Tora-Schranks. Er befand sich im ersten Bethaus, das die Darmstädter Juden nach dem Holocaust in der Osannstraße einrichteten. Wie alle Provisorien hielt es besonders lang – nämlich 40 Jahre.

Ein Überseekoffer ist weit aufgeklappt und enthält Dinge des Alltags: Ein Ricohflex-Fotoapparat, Spielzeug, eine Dose Hautcreme – und wieder »Judensterne«. Öffnet man eine Schublade darunter, erzählt eine Stimme die Geschichte einer Darmstädter Familie. Gleichzeitig finden sich hier Fotos und Dokumente aus dem Familien-Archiv. Den meisten Angehörigen der hier genannten Meyers, Neus oder Löwengardts gelang die Flucht in die Freiheit.

In jeder Schublade »wohnt« eine andere Familie. Eine gehört Marie Trier, die in Darmstadt einen vielbeachteten literarischen Salon betrieb, in dem Dichter wie Stefan George regelmäßig zu Gast waren. Doch nur ihr Mann und ihr Sohn konnten nach England fliehen. Marie Trier kam wie ihre Tochter in einem Vernichtungslager um.

Zielgruppen »Ein Museum jüdischer Geschichte ist in Deutschland kein beliebiges Museum«, sagt Thomas Lange, »es muss dem Besucher helfen, Schwellen zu überwinden.« Deshalb will es nicht diejenigen ansprechen, die ohnehin ein reflektiertes Verhältnis zum Judentum und zur Nazi-Vergangenheit haben. Es soll besonders für junge Menschen attraktiv sein, die mittels Karten eine Art »Rallye« durch die Ausstellung unternehmen können.

In edlen Glasvitrinen lagern Exponate aus der ehemaligen Liberalen Synagoge. Ausgestellt ist auch eine Torarolle mit Brandspuren. Sie wurde in der Osannstraße entdeckt und war offensichtlich in letzter Sekunde aus einer brennenden Synagoge gerettet worden. Aufgeschlagen war das 2. Buch Mose (22,6): »Wenn Feuer ausbricht, und Dornen ergreift, und ein Garbenhaufe, oder Getreide, oder ein Feld verzehrt wird; so soll’s der erstatten, der den Brand angesteckt hat.«

Erfurt

Jüdisch-Israelische Kulturtage in Thüringen eröffnet

Die diesjährigen Jüdisch-Israelischen Kulturtage bringen israelische Kultur nach Thüringen und setzen mit Konzerten, Lesungen und Debatten ein Zeichen gegen Antisemitismus. Die Eröffnung stand im Zeichen der aktuellen Kämpfe im Nahen Osten

 06.03.2026

Forschungsprojekt

Hochschule für Jüdische Studien will Schüler handlungsfähig machen

Antisemitischer Hass ist im Netz allgegenwärtig. Ein neues Projekt erforscht jetzt linken Judenhass - und befähigt Schüler, der Hetze entgegenzutreten. Entscheidend dabei: Medienkompetenz und historisches Wissen

von Volker Hasenauer  06.03.2026

Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Debattieren, begegnen und einander stärken: Mehr als 400 junge Erwachsene setzten beim Jugendkongress ein Zeichen

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg, Moritz Piehler  05.03.2026

Berlin

Jüdisches Krankenhaus sucht weiter nach neuem Träger

Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin soll zunächst weiter in Eigenverwaltung saniert werden. Der Krankenhausbetrieb wird in dieser Zeit in vollem Umfang aufrechterhalten

 05.03.2026

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

München

Verbunden aus Überzeugung

Die IKG ehrte Personen, die sich für die jüdische Gemeinschaft einsetzen

von Esther Martel  04.03.2026

Bedrohung

»Abstrakte Gefährdungslage«

Wegen des Kriegs im Nahen Osten sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland alarmiert. Zugleich geht der Zentralrat davon aus, dass der Kampf gegen die Mullahs langfristig Sicherheit schafft

von Helmut Kuhn  04.03.2026