Biografie

Die Silberfelds aus Leipzig

Aviva Sofer Foto: Thyra Veyder-Malberg

Biografie

Die Silberfelds aus Leipzig

Aviva Sofer kam nach Sachsen, um das Leben ihres Vaters zu erkunden – und sie hatte Erfolg

von Thyra Veyder-Malberg  16.07.2018 21:01 Uhr

Aviva Sofer hat alle Dokumente um sich herum ausgebreitet. Es sind Unterlagen, die sie zum Leben ihres Vaters in Leipzig gesammelt hat. Die langen blonden Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden, und sie wirkt wesentlich entspannter als beim letzten Treffen. Das liegt unter anderem daran, dass die Dokumente auf dem Tisch mehr geworden sind.

Noch vor wenigen Tagen, als sie auf Einladung der Stadt als Angehörige ehemaliger Leipziger hier angekommen war und sich auf Spurensuche begab, wusste Aviva Sofer so gut wie nichts über das Leben ihres Vaters in Leipzig. Lediglich, dass er am 18. Mai 1929 hier geboren wurde und seine vier Geschwister in Leipzig ihre Kindheit verlebt haben, bevor zwei von ihnen gemeinsam mit ihrem Vater nach Theresienstadt deportiert wurden.

Leerstelle Der Vater überlebte und wanderte nach Israel aus – aber er sprach nie über die alte Heimat. Eine Leerstelle in der Familiengeschichte, die seine Tochter schmerzte. So entschied sie sich, selbst nach Leipzig zu reisen, um mehr über die Kindheit ihres Vaters zu erfahren.

»Jetzt verstehe ich alles«, sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln, als sie zahlreiche Fotokopien auf dem Tisch ausbreitet. Es sind Unterlagen, die sie im sächsischen Staatsarchiv und bei der Jüdischen Gemeinde Leipzig gefunden hat – sie ist selbst überrascht, wie viele es sind. Aus ihnen geht hervor, dass ihre Großmutter Elisabeth Silberfeld, die mit Mädchennamen Kammler hieß, ursprünglich katholisch war.

Auch die beiden ältesten Kinder Stefanie und Gunther waren zunächst katholisch, da ihre Eltern eine Zeitlang unverheiratet waren. Erst mit der Ehe trat Elisabeth aus der Kirche aus, die Kinder sind später bei der Jüdischen Gemeinde registriert.

Diese sogenannte Mischehe schützte den Großvater und die gemeinsamen Kinder zumindest eine Weile vor der Deportation in ein Vernichtungslager. Doch der Schutz war nicht von Dauer. Am 24. April 1944 wurde das älteste Kind der Familie, Stefanie, mit knapp 18 Jahren nach Auschwitz deportiert. Am 14. Februar 1945 wurden Hans Silberfeld und seine Kinder Gunther, Judith und Wolfgang – Avivas Vater – von den Nazis abgeholt und in den Zug nach Theresienstadt verfrachtet. Es war der letzte Deportationszug, der den Leipziger Hauptbahnhof verließ.


Überleben Elisabeth Silberfeld blieb mit ihrer jüngsten, erst vier Jahre alten Tochter Regina in Leipzig zurück, wo sich die Familie nach Ende des Krieges wiedertraf. Alle hatten überlebt. Die Silberfelds hielt es nach dem Krieg jedoch nicht mehr in Deutschland. Avivas Vater Wolfgang war der Erste, der nach Israel aufbrach, der Rest der Familie folgte ihm. Alle, bis auf einen: Der älteste Bruder, Gunther, hatte sich – das wusste Aviva Sofer bereits – in eine überzeugte Kommunistin verliebt und entschied sich, mit ihr in der DDR zu bleiben.

»Ich bin froh, dass ich gekommen bin«, sagt Aviva Sofer, als sie durch die Akten blättert. Nicht nur, dass sie nun genau weiß, was passiert ist, sie hat es auch schriftlich.
Das hat für die gelernte Archivarin eine besondere Bedeutung. Denn sie hat nicht nur erfahren, wie ihre Familie die Nazizeit überlebte. Sie weiß inzwischen auch, dass ihr Großvater mehrfach im Gefängnis saß. Die Familie war so arm, dass er immer wieder Lebensmittel stahl – und immer wieder auch dabei erwischt wurde.

Judenhaus Und: Es war nicht das Haus in Mockau, aus dem die Familie abgeholt wurde und das sie gleich in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes aufgesucht hatte. Die Familie musste mehrfach umziehen und wohnte zuletzt in einem sogenannten Judenhaus. »Es ist nicht wichtig für mich, wohin sie gezogen sind«, sagt Aviva Sofer. »Was mir wichtig ist, ist ihr Überleben. Und ...«, an dieser Stelle bricht ihre Stimme, »ich bin der Sieg dieses Krieges.«

Sie weint, als sie den Triumph ihrer Familie über den Vernichtungswillen der Nazis beschreibt: überlebt und weitergelebt zu haben. Ihre Reise aus Kiryat Motzkin in Israel in die sächsische Geburtsstadt ihres Vaters hat sich gelohnt.
Jetzt will Aviva Sofer die Geschichte ihrer Familie ordentlich aufschreiben und auch der Gedenkstätte Yad Vashem die genauen Deportationsdaten melden. Damit die Geschichte der Familie Silberfeld aus Leipzig nicht mehr vergessen wird.

Engagement

Grenzenlose Solidarität

Spenden und Gespräche: Die jüdische Community ist schockiert über die dramatische Lage in der Ukraine und hilft – jeder so, wie er kann

von Christine Schmitt  05.02.2026

Gesellschaft

Einfach machen!

Seit dem Jahr 2000 zeichnet die amerikanische Obermayer Foundation ehrenamtlich engagierte Bürgerinnen und Bürger aus. So wie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Museum in Berlin

von Katrin Richter  05.02.2026

Hilfe

Wärme schenken

Die Mitzwe Makers unterstützen mit der »Warmnachten«-Aktion obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit mit Sachspenden

von Esther Martel  04.02.2026

Podcast

Von Adelheid bis Henriette

Journalisten und Historiker gehen dem Leben jüdischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert nach

von Katrin Richter  04.02.2026

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026