Chewra Kadischa

Die letzte Mizwa

Zu den wichtigsten Aufgaben der Mitglieder einer Chewra Kadischa (Heilige Gesellschaft) gehört das Gebet am Lager des Sterbenden. Foto: Rolf Walter

Gleich zwei orthodoxe Rabbiner planen unabhängig voneinander, eine Chewra Kadischa in Berlin zu gründen, und laden zu ersten Treffen ein. Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch hofft für Sonntag, den 4. März, bei einer Einführung in die Aufgaben der Beerdigungsgemeinschaft auf viele Interessierte. Er möchte in Kursen, die auch von Rabbinern aus Israel geleitet werden, die Ehrenamtlichen unterrichten.

Yitshak Ehrenberg von der Synagoge Joachimstaler Straße hat vergleichbare Pläne. Mehr als 20 Interessierte hätten bereits angekündigt, dass sie bei dem ersten Treffen am Donnerstag, 1. März, dabei sein werden. Dieser Tag ist der 7. Adar, an dem sich traditionell jüdische Beerdigungsgemeinschaften versammeln. Ehrenberg holt sich ebenfalls Unterstützung – von der Lauder-Jeschiwa »Beis Zion« und von Rabbinern aus der Schweiz.

Er will die Interessierten zu einem Mahl einladen und zusammen mit ihnen erörtern, wie die Situation bei den Beerdigungen in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin verbessert werden kann. In Kursen sollen später die Ehrenamtlichen ausgebildet werden. Derzeit gebe es in Berlin keine Chewra Kadischa, so Ehrenberg.

Der liberale Rabbiner Tovia Ben-Chorin bedauert, dass er von diesen Plänen zunächst nichts erfahren habe. Er würde es begrüßen, wenn die Rabbiner sich träfen, um gemeinsam unter dem Dach der Einheitsgemeinde eine Beerdigungsgemeinschaft zu planen.

reinigung Zu den wichtigsten Aufgaben der Mitglieder einer Chewra Kaddischa (Heilige Gesellschaft) gehört das Gebet am Lager des Sterbenden. Gleichzeitig werden die Angehörigen unterstützt. Der Leichnam wird im Haus der Reinigung nach den halachischen Bestimmungen gewaschen. Gebete begleiten das Ritual der Tahara. Anschließend wird der Leichnam mit den Grabgewändern aus weißem Leinen angezogen. Dafür seien dann die Ehrenamtlichen zuständig.

Bisher gebe es »keinen frommen Mann« der auf die Befolgung der Richtlinien achte, so Rabbiner Ehrenberg. In Berlin lebten aber viele orthodoxe Juden, denen die Einhaltung der Halacha wichtig ist.

Halacha Auch ist es dem Rabbiner ein dringendes Anliegen, dass die Beerdigungen schneller erfolgen – genau so, wie es die Halacha vorschreibt. »Ich bin mit der derzeitigen Situation unzufrieden«, sagt Ehrenberg. Eigentlich müssten Beerdigungen wenige Stunden nach dem Tod möglich sein, »aber in Berlin dauert es manchmal mehr als fünf Tage«, moniert Ehrenberg. Das füge den Familien noch mehr Leid zu und verletze die Halacha. »Da muss der Berliner Senat der Jüdischen Gemeinde eine Sonderregelung gewähren. Das ist in anderen Gemeinden auch der Fall.«

»Das Landesrecht schreibt vor, dass 48 Stunden abgewartet werden müssen, bevor eine Leiche beerdigt werden kann«, sagt Judith Lan von der Kultusabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. »Die Gemeinde ist kein Neutrum, wir müssen den Gesetzen des Landes entsprechen.« Auf dem Bestattungsschein sei genau vermerkt, ab wann die Leiche beerdigt werden darf.

Personal Hinzu komme die Schwierigkeit, dass die Mitarbeiter auf den jüdischen Friedhöfen nicht immer sofort eine Gruft ausheben können. Als in den vergangenen Wochen in Berlin eine Kältewelle herrschte, war der Boden gefroren, und es gab neun Beerdigungen pro Woche. »Das war viel Arbeit für die Mitarbeiter. Bei gefrorenem Boden kann es einige Stunden dauern, bis die Gruft ausgehoben und der Stein gesetzt ist«, so Lan. »Wir brauchen dringend mehr Personal.«

Dem stimmt auch Grigorij Kristal, amtierender Kultusdezernent, zu. Beschwerden höre er deshalb öfter, so Kristal. Auch darüber, dass die gewünschten Uhrzeiten nicht berücksichtigt würden. »Jeder will die Zeit selbst bestimmen, was aber nicht immer möglich ist.«

Kritisiert werde auch immer wieder, berichtet Jochen Palenker, der amtierende Finanzdezernent, dass Nicht-Mitglieder den doppelten oder dreifachen Preis wie Mitglieder bezahlen müssen, wenn sie auf einem Friedhof der jüdischen Gemeinde ihre letzte Ruhestätte finden wollen. Jahrzehntelang würden Mitglieder Steuern an die religiöse Körperschaft zahlen und somit die Infrastruktur aufrechterhalten – im Gegensatz zu den Nichtmitgliedern. Jede Gemeinde lege fest, wie hoch der Satz für Nichtmitglieder ist.

schlagzeilen In Potsdam hingegen sei es für die Mitglieder derzeit bitter, denn dort zahlen sie Steuern ein, aber da die Gemeinde aus dem Landesverband ausgetreten ist, der den Friedhof Pfingstberg unterhält, werden sie als Nichtmitglieder behandelt. Das sorgte in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen in der Presse. Noch eine Besonderheit gibt es in Berlin: Nichtmitglieder können nur auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee ihre letzte Ruhe finden. Denn in der Heerstraße gebe es kaum noch Platz, so Palenker.

Kultusmitarbeiterin Lan wünscht sich jedenfalls einen baldigen Runden Tisch mit dem neuen Vorstand, der sich der Themen annehmen wird. Das hofft auch Rabbiner Ehrenberg. Rabbiner Ben-Chorin betont: »Es ist wichtig, dass wir uns alle mit den neuen Verantwortlichen zusammensetzen.«

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