Urlaub

Die Kultustasche muss mit

Passt ins Handgepäck: wichtige Utensilien für den gläubigen Urlauber Foto: Chris Hartung

Wenn ich meinen Koffer packe, egal wohin und wie lange es geht, nehme ich neben meiner Kulturtasche auch meine Kultustasche mit», verrät Michael Grünberg, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, augenzwinkernd. Darin sind Siddur, Tallit und Tefillin – Dinge, die er täglich braucht. Auch unterwegs wolle er seine religiösen Bedürfnisse befriedigen und seinen Standard nicht verlassen, unterstreicht der Gemeindevorsitzende.

Verreist er über Schabbat in eine andere Stadt, sucht Michael Grünberg sich deshalb ein Hotel in fußläufiger Entfernung zur örtlichen jüdischen Gemeinde. Er schätzt es, wenn er – wie zum Beispiel in Berlin – die Auswahl zwischen mehreren Synagogen hat und ein koscheres Schabbat-Essen ohne großen Aufwand zu organisieren ist. «Gibt es aber am Reiseziel kein koscheres Restaurant, wird eben vegetarisch gegessen», zeigt sich Grünberg flexibel.

Gastfreundschaft Da Michael Grünberg viele Urlaube in Israel verbringt, muss er in den Ferien selten Kompromisse machen. Doch ganz gleich, wohin die Reise ihn führt, für das jüdische Leben vor Ort interessiert der Niedersachse sich immer. Regelmäßig führt ihn sein Weg zu den jüdischen Gemeinden, deren Gastfreundschaft er lobt: «Es ist sehr unproblematisch und immer interessant, jüdische Gemeinden mit ihren Bräuchen kennenzulernen.»

Auch der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden begibt sich auf Reisen gern auf jüdische Erkundungstouren. «Ich reise gern in Städte, in denen ich noch nicht war, um dort die jüdische Umgebung kennenzulernen», sagt Alexander Nachama. Natürlich sei es schön, wenn es in einer Stadt eine Synagoge, ein koscheres Restaurant, einen interessanten jüdischen Laden oder ein jüdisches Museum zu entdecken gebe. Wichtige Insignien seines Glaubens hat der junge Rabbiner auch fern der Heimat immer dabei: eine Kippa, ein Gebetsbuch und einen Gebetsmantel. «Ohne sie starte ich nirgendwohin», sagt Nachama.

Umfeld Wenn Shlomo Almagor mit seiner Familie verreist, dürfen Tallit, Kippa und Tefillin in seinem Koffer nicht fehlen. Der Journalist und Inhaber des israelischen Reisebüros in Norddeutschland sucht für seine kleine Familie, seine Ehefrau Taly und seine Töchter, Reiseziele in der Nähe von Familie und Freunden aus. Zudem ist es für die Familie Almagor wichtig, jegliches antisemitische Umfeld zu meiden und die Möglichkeit zu haben, koscher oder vegetarisch zu essen.

Auch Elie Levy liegt die Sicherheit seiner Familie natürlich sehr am Herzen. Wenn der Pantomime und Coach für Körpersprache mit Ehefrau Maria, Tochter Rachel und Sohn Jonathan in Urlaub fährt, sind auf jeden Fall Kippot im Gepäck. Am Urlaubsort besucht die Familie gern historische Synagogen, beispielsweise die Große Synagoge in Paris. «Das ist stets ein sehr emotionaler Moment», sagt Elie Levy, der in Israel in einer religiös orientierten Familie aufgewachsen ist. Aber auch in Geschäften mit koscherem Angebot stöbert die Familie gern. «Wenn wir in Israel sind, gehen wir natürlich an die Kotel», sagt Levy.

Kurztripps «Ich habe eine Regel», erzählt Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle und Landesverbandschef der Jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt: «Einmal im Jahr bin ich in Israel, und egal ob im Norden, Süden oder in der Mitte, dabei muss auch ein Ausflug nach Jerusalem sein. Da er im Flugzeug nicht zu viel Gepäck mitnehmen kann, hat er nur Kippa und Siddur bei sich. Den Tallit leiht er sich ohnehin meistens vor Ort aus. Die Kippa wird ihn auch bei seinem anstehenden Urlaub auf Mallorca begleiten, und sie war »selbstverständlich auch auf Island« dabei. Griffbereit im Auto – egal ob kurze Reise, Wochenendtripp oder längere Fahrt – liegt im Handschuhfach immer auch ein Siddur.

Auch wenn in die Packtaschen des Motorrads nicht viel passt und sie sich sehr wohl überlegen muss, was sie mitnimmt, »der kleine Mini-Siddur, den ich zu meiner Batmizwa geschenkt bekommen habe, ist immer dabei«, erzählt Judith Neuwald-Tasbach. In diesem Jahr geht es gemeinsam mit ihrem Mann nach Irland. Vorher erkundigt sich die Gemeindevorsitzende aus Gelsenkirchen im Internet nach den Adressen und den Gebetszeiten der Synagogen vor Ort. »Wo immer es möglich ist, versuche ich, die örtliche Synagoge aufzusuchen«, erzählt Neuwald-Tasbach. In Belfast und Dublin hofft sie, auf jeden Fall eine zu finden. Mitte September geht es los mit der großen Rundreise um die Grüne Insel.

Chuppa Nika Nudelman, Mitte 30 und Projektleiterin bei der Europäischen Janusz Korczak Akademie in München, reist in diesem Jahr mit ihrer Familie nach Prag und wird da »jüdische Orte« ansehen. Das klingt angesichts dessen, was dort noch so passieren wird, wie eine kleine Beigabe. Denn die Koffer von Nika werden in diesem Sommer voller Jüdischkeit sein, der Kopf auch und die Wünsche sowieso. Denn Nika wird in Tschechien heiraten »unter der Chuppa, mit viel jüdischer Musik und viel Essen kosher-style«. Damit stehen allen Freunden und der ganzen Mischpoche, die aus den USA, Israel, Moskau und München angereist kommen, sehr jüdische Urlaub-Sommer-Feiertage ins Haus. Das werden »sehr besondere Ferien«, sagt Nika Nudelman.

Olga Katlytska (48), Reisejournalistin und Chefredakteurin des russischen Monatsmagazins »Bei uns in Bayern«, weiß, wovon sie redet. Früher hatte sie sich gewundert, »dass ein Reiseführer, wenn er gut ist, in jedem Land, in jeder Stadt auch etwas über die jüdische Geschichte des Ortes erzählen kann.« Sie staunte darüber, »wie viel Spuren die Juden überall auf der Welt hinterlassen haben«.

Historie
Mittlerweile bitte sie, ganz gleich wohin sie kommt, den Reiseführer immer gleich darum, etwas über die »jüdische Geschichte des Ortes« zu erzählen oder »uns den jüdischen Stadtteil zu zeigen«. Eine ihrer letzten Reisen hat Olga nach Georgien geführt, wo es »in der Hauptstadt Tiflis eine 500-jährige Geschichte gibt, und was noch viel erstaunlicher ist, diese 500 Jahre waren ohne Antisemitismus!« Auch in den abgelegenen Dörfern im Kaukasus, die Olga Katlytska besucht hat, »haben Juden keine Feindschaft erfahren«. In so einem Dorf hat Olga dann eine ihrer beeindruckenden Schabbatfeiern erlebt. Diese Ferien reist Olga nach Israel. Jüdische Geschichte pur.

Joanne Wieland-Burston, Psychoanalytikerin, Schriftstellerin und »70 Jahre jung«, verreist ebenfalls oft, auch um Fachvorträge zu halten und Kongresse zu besuchen. Dabei trägt sie seit bald »50 Jahren« immer eine Mesusa um ihren Hals. Die jetzige hat sie in Venedig im jüdischen Viertel am Campo de Gheto Novo gekauft. Die aus ihrer Jugendzeit, die sie von ihren Eltern zur Batmizwa geschenkt bekommen hatte, hat sie längst an ihren Sohn zu dessen Barmizwa weitergeschenkt, »und es würde mich freuen, wenn diese kleine Tradition weitergegeben wird«.

Katrin Diehl, Heike Linde-Lembke, Heide Sobotka und Karin Vogelsberg

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