Wittenberg

Die Causa »Judensau«

Die »Judensau« an der Wittenberger Stadtkirche Foto: Gregor Zielke

Es ist um die Wende vom 12. auf das 13. Jahrhundert, als sie die Steinfigur in die Höhe hieven und an der Wittenberger Stadtkirche befestigen. Das Relief zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben. Sie sollen Juden sein. Auch der Mann, der dem weiblichen Schwein unter dem Schwanz in den After blickt. Die Skulptur will Juden vor dem Niederlassen in der Stadt abschrecken und Christen vor den Juden als mutmaßlich verworfenes Volk warnen.

Rund 700 Jahre später versammeln sich Menschen mit Transparenten auf dem Wittenberger Marktplatz. »Was würde Jesus sagen wenn er die Judensau sehen würde?«, steht da etwa. Wer das Schmährelief im Mittelalter veranlasst hat, ist in der Geschichte verloren. Fest steht für die etwa 60 Teilnehmer der Mahnwache: Die »Judensau« muss weg. Zuerst diese hier, dann auch die anderen. Und der Rummel im Reformationssommer 2017 ist ein guter Anlass, um Blicke und Kameralinsen auf dieses Anliegen zu lenken.

kritik Hubertus Benecke ist eigens für die Mahnwache aus Bayern angereist. Das Schmährelief müsse abgenommen und historisch sauber aufgearbeitet werden, sagt der Anwalt. Die Gegenseite sehe das natürlich anders. Schließlich hätten die Wittenberger noch vor dem Fall der Mauer eine Gedenkplatte in den Boden unterhalb der »Judensau« eingelassen und fühlten sich nun durch die Kritik von außen angegangen. »Das hat mit Stolz zu tun«, sagt Benecke. »Es war ja auch eine sehr mutige Leistung damals, langt halt aber nicht.«

Am Rand der stillen Demonstration mit 18 langen Bannern steht Renate Skirl mit einem DIN-A4-Blatt. »Ich wollte die Meinung des Bündnisses nicht alleine stehen lassen«, sagt die Wittenberger Rentnerin. »Die sagen, die Schmähplastik verhöhnt Juden. Wir sagen: Was vor 700 Jahren an die Kirche kam, das lassen wir als Stachel im Fleisch, damit die Diskussion aufrecht erhalten bleibt.« Skirl war dabei, als im November 1988 die Gedenktafel zur Erinnerung an die NS-Pogromnacht vor der Stadtkirche angebracht wurde.

Den Anstoß für das Bündnis zur Abnahme der »Judensau« lieferte der messianische Jude und Theologe Richard Harvey. Im vergangenen Sommer war er nach Wittenberg gekommen, sah die »Judensau« und weinte, heißt es. Harvey schrieb ein Gedicht mit dem Kehrvers »I weep« – ich weine. Es begleitet seine Online-Petition gegen die Plastik als Rap vertont. In 13 Sprachen erklärt der Londoner, das Gotteshaus »sollte ein Ort sein, der mit Würde und Schönheit und nicht mit Obszönität und schockierenden antisemitischen Bildnissen geschmückt ist«.

petition Die Petition Harveys mit rund 7650 gesammelten Stimmen richtet sich direkt an den Pfarrer der Stadtkirche, Johannes Block. Der findet es gut, dass die Schmähplastik immer wieder Diskussionen auslöst: »Mit dem Positionspapier der Stadtkirchengemeinde ist von unserer Seite jedoch alles gesagt.« Die Schmähskulptur gemahne an Dunkles, auch an den Antijudaismus des Reformators Martin Luther, von dem sich die evangelische Kirche eindeutig distanziert, heißt es in dem Papier der Gemeinde. Geschichte lasse sich aber nicht einfach entsorgen.

Seit Jahrzehnten gebe es in Wittenberg sowohl eine Gedenkkultur als auch ein ständiges Abwägen von Pro und Contra der Causa »Judensau«, sagt Block. »Unser Umgang damit als Stadtkirchengemeinde und somit Eigentümer des Reliefs ist der Versuch, Versöhnung zu schaffen.« Weder auf christlicher noch auf jüdischer Seite gebe es »eine Autorität, die darüber entscheiden kann, ob das so richtig oder falsch ist.«

»Wir finden es gut, wie Luthers Antisemitismus aufgearbeitet worden ist«, sagt Thomas Piehler, »aber jetzt denken wir, dass auch ein praktischer Schritt notwendig ist«. Piehler ist Pfarrer der lutherischen Andreasgemeinde in Leipzig und neben der evangelischen Ordensschwester Joela Krüger aus Darmstadt Hauptinitiator des Bündnisses zur Überführung der »Judensau« in ein Museum. »Ich verstehe nicht, warum die Verantwortlichen noch zögern. Bei einem Hakenkreuz sagt ja auch keiner: Das lassen wir hängen, denn das hat was Geschichtliches zu sagen.«

erklärtext Ende Juni hat sich der Wittenberger Stadtrat für den Erhalt der Schmähskulptur ausgesprochen. Nach Angaben der Stadtverwaltung soll noch in diesem Sommer eine Stele neben der Gedenkplatte angebracht werden, mit einem Erklärtext in deutscher und englischer Sprache.

Pfarrer Piehler und das Bündnis zur Abnahme der »Judensau« planen weitere Mahnwachen zwischen dem 13. September und 8. November, immer mittwochs.

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