Kindertransporte

»Das Trauma tragen wir in uns«

Zeitzeugen der Kindertransporte und ihre Angehörigen Foto: babelphoto.net

Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), hat am vergangenen Freitag fünf Schoa-Überlebende und ihre Angehörigen im Landesparlament empfangen. Der Termin mit dem Parlamentspräsidenten war für die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus den Vereinigten Staaten Teil einer mehrtägigen Reise durch Europa.

Die Überlebenden, die zwischen 1938 und 1939 mithilfe von Kindertransporten aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Großbritannien emigrieren konnten, besuchten auf ihrer Reise Orte ihrer Kindheit in Wien, Berlin, Amsterdam und London. Organisiert wurde die Veranstaltung von der »Kindertransport Association« (KTA) aus New York.

Öffentlichkeit »Ihr Besuch hat eine große Bedeutung für Berlin«, sagte Wieland der Delegation. »Die Geschichte der Kindertransporte und das Schicksal der beteiligten Familien steht in Deutschland viel zu selten im Fokus einer breiten Öffentlichkeit.«

»Es ist ein Geschenk, dass Sie zu uns gekommen sind.« Sawsan Chebli (SPD)

Die Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, Sawsan Chebli (SPD), sagte, dass der Besuch der Schoa-Überlebenden in der Bundeshauptstadt keinesfalls selbstverständlich sei. »Es ist ein Geschenk, dass Sie zu uns gekommen sind«, sagte Chebli. Der Kampf gegen Antisemitismus habe für den Berliner Senat allerhöchste Priorität.

Hannah Dannel, Kulturreferentin des Zentralrats der Juden, hieß die Zeitzeugen willkommen. »Wir alle sind sehr beeindruckt von Ihren bewegenden persönlichen Geschichten«, sagte Dannel. Die Kindertransporte zeigten in aller Deutlichkeit den Horror, den es bedeute, in einer Notsituation von einem geliebten Menschen zwangsweise Abschied nehmen zu müssen. »Unsere Aufgabe heute ist es, jüdisches Leben in Deutschland weiter zu stärken und den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus konsequent zu führen.«

Empfang Die Präsidentin der Kindertransport-Vereinigung, Melissa Hacker, dankte Parlamentspräsident Wieland und dem Berliner Abgeordnetenhaus für den Empfang der Delegation. »In diesem Jahr, in dem sich der Anfang der Kindertransporte zum 80. Mal jährt, wollen wir die Eltern ehren, die ihre Kinder gebrochenen Herzens fortschickten, um sie vor dem sicheren Tod zu retten«, sagte Hacker, die selbst Tochter einer Überlebenden der Kindertransporte ist.

Ralph Mollerick ist froh, über seine Erfahrungen sprechen zu können.

Höhepunkt der Veranstaltung war die Rede von Ralph Mollerick. Der 89-Jährige aus Florida ist in Kassel geboren. Mit acht Jahren wurde er von seinen Eltern über Hamburg nach England geschickt. Später emigrierte er in die USA. »Ich bin stolz darauf, im Berliner Parlament, das sich der Wahrung des Friedens und der Demokratie verpflichtet hat, über meine Erfahrungen sprechen zu können«, sagte Mollerick.

Erinnerung Er könne sich noch gut an die Situation auf dem Hauptbahnhof in Hamburg Ende 1938 erinnern. »Menschen weinten, schrien, beteten, sangen – die Situation am Gleis war einfach dramatisch«, beschreibt er die Szene. Als kleiner Junge habe er nicht verstanden, warum er sich von seinen Eltern, die er nie wiedersehen sollte, verabschieden musste. »Das Trauma des Abschieds tragen wir bis heute in uns.« Es sei wichtig, auch im Jahr 2019 an die Verbrechen des NS-Regimes zu erinnern, sagte Mollerick.

Er appellierte an Lehrer und Pädagogen: »Sorgen Sie dafür, dass die Kindertransporte niemals in Vergessenheit geraten.« Dank der von der britischen Regierung initiierten Kindertransporte entkamen zwischen Dezember 1938 und September 1939 rund 10.000 zumeist jüdische Kinder aus Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen der NS-Todesmaschinerie.

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