ZWST-Tagung

Das Fremdsein überwinden

Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt», erklärt Gal Rachman, Geschäftsführer von «Olam­Aid». Und genau nach diesem Leitsatz wolle man handeln und die Schwächsten der Gesellschaft unterstützen.

So lud OlamAid dieser Tage in Zusammenarbeit mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zu einer Fachtagung nach Berlin ein. Ihr Arbeitstitel: «Minorities in Crises/Minderheiten in Krisen». Wie dieser andeutet, ging es um Fragen des Schutzes und der Unterstützung von marginalisierten Gruppen in Krisenzeiten.

Experten aus den Bereichen humanitäre Hilfe, Katastrophenschutz und Sozialarbeit wollten sich über Herausforderungen und Lösungen austauschen, um den bestehenden und künftigen Herausforderungen in diesem Bereich besser begegnen zu können. Im Fokus standen dabei konkrete Ansätze, wie sich Hilfsangebote für Minderheiten in Notsituationen effektiver und nachhaltiger konzipieren lassen.

Schutz und Unterstützung von Geflüchteten

Bei der Eröffnung der Veranstaltung schilderte Deidre Berger, die dem Vorstand der Organisation angehört, eindrucksvoll die Aufgaben der Institution, die sich dem Schutz und der Unterstützung von Geflüchteten und benachteiligten Gruppen verschrieben hat – schließlich gibt es im Judentum das Gebot: «Du sollst den Fremden nicht unterdrücken, denn du warst selbst einmal fremd.»

OlamAid widmet sich dem Schutz benachteiligter Gruppen.

Es ist eng verbunden mit dem Prinzip Tikkun Olam, der «Reparatur der Welt», und fordert uns auf, eine gerechte und mitfühlende Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Wenn wir die Würde der Fremden respektieren, tragen wir dazu bei, die Welt zu heilen und soziale sowie spirituelle Risse zu reparieren. Dieses Gebot fordert eine aktive, mitfühlende Haltung gegenüber allen Bedürftigen und erinnert an die Geschichte von Vertreibung und Fremdsein sowie die Verantwortung, diese Erfahrung ins eigene Handeln miteinzubeziehen.

Maimonides unterscheidet acht Stufen des Gebens, die von edler Hilfe bis zu minimaler Großzügigkeit reichen. Die höchste Form der Zedaka, zu Deutsch: Wohltätigkeit, besteht darin, Menschen so zu unterstützen, dass sie unabhängig werden, beispielsweise durch Jobvermittlung oder finanzielle Starthilfe. Auch das anonyme Spenden, bei dem weder Geber noch Empfänger einander kennen, gilt als besonders würdevoll. Je mehr Eigeninteresse oder Zurückhaltung ins Spiel kommt, desto niedriger die Stufe – das niedrigste Niveau ist erreicht, wenn man nur widerwillig gibt.

Wichtiger Partner in der humanitären Hilfe

Angesichts der aktuellen Krisen in der Welt, aufgrund derer rund 120 Millionen Menschen auf der Flucht sind, gewinnt das Prinzip der Zedaka mehr denn je an Bedeutung, um den Bedürftigen zu helfen und die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen. OlamAid, eine Mitgliedsorganisation der ZWST, arbeitet auch international und ist ein wichtiger Partner in der humanitären Hilfe.

Der Name OlamAid, abgeleitet vom hebräischen «Olam», zu Deutsch: «Welt», symbolisiert das globale Engagement der Organisation. Das Logo erinnert an einen Davidstern. Die Organisation setzt sich in Deutschland, der Ukraine und Israel für Geflüchtete ein und leistet Nothilfe in Ländern wie Rumänien, Polen und Moldau. Dabei geht es OlamAid nicht nur um schnelle Hilfe, sondern auch darum, die Resilienz der Betroffenen langfristig zu stärken und ihre Perspektiven zu verbessern.

Israels Diversität stellt die Sozialarbeit vor besondere Herausforderungen.

Auf dem ersten Panel sprachen internationale Gäste über brisante Themen: Roma in Serbien, die komplexen Verhältnisse zwischen ethnischen und religiösen Gruppen in Israel, Geflüchtete in Syrien und Afghanistan sowie deren Arbeitsalltag. So berichtete Limor Levi von «Hazon Yeshaya», einer in Jerusalem ansässigen Wohltätigkeitsorganisation, und ihren Aufgaben. Man helfe marginalisierten Menschen in Israel – egal, welcher Religion oder Ethnie sie angehören.

Angesichts der verschiedenen Gruppen sei das eine Herausforderung – gelte es doch, auf die ganz spezifischen Bedürfnisse unter anderem von Beduinen, Arabern oder Drusen einzugehen, die nach dem 7. Oktober 2023 eine zusätzliche Dynamik erfahren sollten. Das gelte vor allem für die israelischen Araber. Viele von ihnen haben Angehörige im Gazastreifen, um die sie sich Sorgen machen.

In Serbien steht dagegen die Integration von Roma und Romnja ganz oben auf der Agenda: Mit einer neuen Strategie will man proaktiv gegen den vorzeitigen Schulabbruch sowie die Ausgrenzung von Roma-Mädchen vorgehen. Die EU will 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen, um Roma besser in die Gesellschaft zu integrieren. NGOs wie «Ekumenska Humanitarna Organizacija» (EHO) leisten bereits seit Jahren vor Ort genau das, was Politiker oft nur versprechen, und zwar echte Veränderung.

Armut, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung

Doch angesichts von Armut, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung ist der Weg zur Integration noch weit – es bleibt also spannend, wer wirklich mit anpackt. Mirjana Maksimovic, Mitglied der EU-Delegation in Serbien, beschreibt die Lebenssituation der Roma vor Ort als drängendes Problem, das mehr als nur finanzielle Unterstützung erfordert.

Ein weiteres Highlight der Veranstaltung waren die Workshops. Die Kunsttherapeutin Nehama Grenimann Bauch, die derzeit ihre Doktorarbeit zur intergenerationalen Weitergabe von Traumata und Resilienz schreibt, führte die Teilnehmer durch eine kreative Therapieeinheit.

Mit bunten Ausschnitten aus Zeitungen auf dem Tisch forderte sie die Teilnehmenden auf, eine Abbildung einer Person auszuwählen, die sie anspreche. Aus den restlichen Schnipseln entstand ein individuelles, komplexes Bild, das bei jedem ganz anders aussah. Nach der Präsentation der Bilder wurden die entstandenen Werke durch die Verbindung der visuellen Darstellung und der erzählten Geschichte zu einer sehr persönlichen Erfahrung, die – wenn gewünscht – eigene Assoziationen sichtbar machte.

Experten wie ZWST-Direktor Aron Schuster oder Albrecht Broemme, ehemaliger Präsident des Technischen Hilfswerks, brachten in den Panels ihre Erkenntnisse aus der Nothilfearbeit sowie der Flüchtlingskoordination mit ein. Immer wieder kamen dabei die mehrfachen Diskriminierungserfahrungen Betroffener zur Sprache. Das Fazit der Fachleute: Es braucht konkrete durchdachte Strategien, um diese Ungleichgewichte in Krisen­zeiten zu überwinden.

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